reden über schreiben über film(e): #12 frédéric jaeger

Von  //  29. September 2014  //  Tagged:  //  Keine Kommentare

Ein guter Grund, auf das Festival von Cannes nicht verzichten zu wollen: Kinoerlebnisse wie Mommy von Xavier Dolan 2014.
Ein guter Grund, auf das Festival von Cannes nicht verzichten zu wollen: Kinoerlebnisse wie Mommy von Xavier Dolan 2014.

Du bist Chefredakteur bei critic.de – vielleicht erzählst du erstmal, wie es zur Gründung der Seite kam, die sich rasch als eines der angesehendsten Online-Magazine etablieren konnte und großflächig für Textniveau und Professionalität Lob ernten konnte. War das der Plan, ein „richtiges“ Filmmagazin klassischer Schule, nur eben online?

Im Rückblick vermischt sich allzu leicht der heutige Ansatz mit den damaligen Intentionen. In Wirklichkeit war mehr improvisiert als geplant. Als Autodidakt habe ich schon immer gern mein eigenes Ding gemacht. critic.de hab ich tatsächlich ursprünglich sogar mal auf Englisch betrieben, 1999, als ich ein Jahr in den USA verbracht habe. Da war alles ad hoc geschehen, die URL über einen zwielichtigen Dienst gekauft, der sich anfangs die Rechte an der Domain einbehielt, die Seite selbst im Notepad in krudem Html gebastelt und ein Logo à la Wordart gestylt. Übers Netz hatte ich damals einen Kanadier kennen gelernt, der Texte beisteuerte und wir hatten viel Spaß daran, das Netz mit all seinen Freiheiten zur Autopublikation zu nutzen. Als ich zurück in Deutschland war, habe ich noch eine Weile darüber nachgedacht, weiter auf Englisch zu publizieren, hab mich dann aber dagegen entschieden und die Seite wieder eingestellt. Das als Vorgeschichte, denn die Gründung von critic.de sehe ich durchaus auch in einer Linie mit diesem Impuls, die Möglichkeiten des Internets zu nutzen, selbst wenn ich nicht von vornherein weiß, wohin die Reise geht. Das könnte auch ein Grund gewesen sein, wieso ich etwas Eigenes aufgezogen habe, statt mich einer bestehenden Seite anzuschließen, bei der ich mich in bestimmte Bahnen hätte fügen müssen. Allerdings kannte ich damals auch kein Online-Filmmagazin, dem ich mich hätte anschließen wollen. Und ja: Das Netz war schon damals meine „Heimat“. Obwohl ich als Schüler mal Zeitschriften gedruckt und auf dem Schulhof vertickt habe, war mir das Internet, als ich es in der zweiten Hälfte der Neunziger angefangen habe aktiv zu nutzen, eigentlich immer näher. Ich mochte es sehr, mich mit Gleichgesinnten zu verbinden, die nicht in der gleichen Stadt, oft nicht mal im eigenen Land lebten. Das wäre dann der zweite Impuls für die Gründung von critic.de: das Bewusstsein, dass die eigene Cinephilie – und ich nutze das Wort bewusst auch gegen alle Vorbehalte, weil es schlicht Filmliebhaberei bedeutet – nicht mehrheitsfähig ist. Dass die eigene Leidenschaft zwar kommunizierbar ist, aber die Adressaten nicht der Nachbar, nicht die eigene Familie, und nicht mal unbedingt die guten Freunde sind. Nische. Ich habe mich vor dem Begriff nicht gescheut, zumindest anfangs nicht, heute sehe ich das ein bisschen anders, weil mir die gesellschaftliche Dimension wichtiger geworden ist. Anfangs aber ging es primär um die Lust, über Filme zu schreiben und ein Magazin im Internet aufzubauen, das dafür den geeigneten Rahmen bieten sollte. Nun entwickelt so etwas schnell ein Eigenleben und frei von Ambitionen waren wir auch nicht. Aber das lässt sich nicht ohne den Kontext erzählen. Die Gründung von critic.de ist nun 10 Jahre her. Im Frühjahr 2004 habe ich nach Mitstreitern gesucht, damals vor allem am Institut für Filmwissenschaft der Freien Universität Berlin, wo ich selbst studierte. Und es hatten dann schnell recht viele Leute Lust, Filmkritiken beizusteuern. Und, viel entscheidender für den Anfang: Wir haben das ganze zunächst als Berliner Redaktion aufgezogen, mit Redaktionssitzungen, vor denen wir die Texte aller per Mail rumschickten und wir über jeden einzelnen diskutierten und uns gegenseitig Verbesserungsvorschläge machten und die Kritiken im Gemeinschaftsprozess lektorierten. Das war mehr oder weniger basisdemokratisch und es war ein komplizierter und zermürbender Lernprozess, zu erkennen, dass das der Sache oft gar nicht dienlich war. Schneller aber noch kristallisierten sich einzelne Redakteure heraus, die sich mehr als die anderen engagieren wollten und die critic.de dann auch entscheidend geprägt haben. An die langen Diskussionen zwischen Roberto Džugan und Sascha Keilholz über einzelne Filme und wie wir über sie zu schreiben hätten, erinnere ich mich auch heute noch gern. Beide waren mir (nicht nur wissenschaftlich) weit voraus in der Filmsozialisation und -bildung und, obwohl ich „Chef“ war, habe ich in Wirklichkeit bei ihnen gelernt. Jedenfalls ist bis heute für mich ein wesentliches Prinzip, dass ich mich mit Leuten umgebe, die klüger, belesener, erfahrener, vielseitiger sind als ich, die mehr Filme kennen, sie genauer analysieren und perspektivieren, vor allem historisch und gesellschaftlich. Wenn es also auch keinen dezidierten Plan gab zu Beginn, so doch immerhin den, dass wir dieses Magazin, von dem wir glaubten, dass es das braucht, so gestalten wollten, dass wir es selbst gern und mit Gewinn lesen würden.

Kann man sagen, dass deine Vorstellungen von Filmkritik bzw. von einem Filmmagazin mit der Philosophie von critic.de gleichzusetzen ist oder ist das aufgrund der weiteren Beteiligten eine diffizilere Sache?

Meine eigene Philosophie hat sich mit critic.de gewandelt. Das stark kollektive Arbeiten haben wir bereits in den ersten Jahren immer mehr aufgegeben, dennoch gab es stets einen redaktionellen Kern von drei oder vier Redakteuren, die nicht nur durch einzelne Texte in Erscheinung getreten sind, sondern auch am Konzept und der Gestaltung mitgewirkt haben. Nicht zu vergessen, dass wir lange Zeit noch ein Sechs-Augen-Prinzip beim Gegenlesen hatten, da gab es also immer zwei Redakteure, die nacheinander im Austausch mit dem Autor an den Artikeln gearbeitet haben, bis er publiziert wurde. Die Konstante in der Redaktion war natürlich Sascha, der bis 2011 mein „Stellvertreter“ war, viele Jahre die Filmvergabe koordiniert hat, sehr viel selbst geschrieben hat und auch sonst entscheidend zur Ausrichtung von critic.de beigetragen hat. Wir hatten gemeinsam einige Jahre lang die Idee verfolgt, critic.de erwerbsmäßig zu betreiben. Das kam zusammen mit der mir nach wie vor sehr sympathischen Vorstellung, beim aktuellen Mainstream-Kinogeschehen anzudocken, um eine filmische Auseinandersetzung auch bei jenen zu provozieren, die sie gar nicht suchen. Bis 2011 haben wir uns deshalb bemüht, uns möglichst breit aufzustellen. Im Schlaraffenland unbegrenzter Ressourcen und Kapazitäten würde ich auch heute noch eine solche Bandbreite der Kritik verfolgen wollen. Weil für meine Begriffe gerade im Mainstream-Bereich (und dazu zähle ich auch gewisse Teile des sogenannten Arthouses) die Kritik am enttäuschendsten ist. Den allermeisten Kritikern (ich nehme mich da nicht aus) fällt es ungemein schwer, eine produktive Auseinandersetzung mit den Stereotypen, Klischees und Routinen zu finden, die in der Kinolandschaft nun einmal vorherrschen. Zu schwachen oder austauschbaren Filmen gibt es verschwindend wenig interessante Texte – im Gegensatz zu den herausragenden Werken an beiden Enden des Spektrums. Für das Mittelfeld bräuchte es also mehr Kritik, die sich an ihnen abarbeitet. Das aber ist schwierig und undankbar. Weil diese Filme schnell wieder vergessen sind, weil jeder Verriss überzogen wäre, weil die genaue Analyse kaum einer lesen will, wenn der Film nicht zumindest richtig ärgerlich ist. Für ein größtenteils ehrenamtlich organisiertes Filmmagazin wie critic.de scheint es mir daher kein gangbarer Weg, diese nötige Funktion von Kritik in der Breite einzunehmen, vor allem nicht in einer Zeit, wo, wie mir scheint, das in Deutschland regulär sichtbare Kino zum größeren Teil mit diesem Mittelfeld identisch ist.
Die kurze Antwort auf Deine Frage wäre also: Ja, die Philosophie von critic.de entspricht mir. Und ich identifiziere mich mit den Leitsätzen[LINK:http://www.critic.de/filmkritik/], die wir zu unserem Relaunch vor gut zwei Jahren publiziert haben. So herum stimmt es, umgekehrt natürlich nicht. Um diese Ansätze zu verfolgen, braucht es vieler Leute, die ähnliche Ideen von Kritik und Film haben. Sie lassen sich nicht auf einen resümierenden Begriff bringen, vor allem deshalb nicht, weil gute Kritik von Gegenstand zu Gegenstand sehr verschieden sein kann und muss. Aber uns ist allen gemein, dass wir uns sehr dafür interessieren, wie Film funktioniert – auf zwei Seiten, auf der ästhetischen/konzeptuellen und bei der Rezeption. Wir negieren eine Trennung von Form und Inhalt, und glauben gleichzeitig, dass die Form oft mehr über die Vision eines Filmemachers aussagt, als die blanken Themen, die so oft in der Journaille genügen zur Behauptung der Relevanz eines Werks. Einmütige Verrisse und Konsens-Lobhudelei macht uns hellhörig, Dissens nur des Dissens willen suchen wir dennoch nicht. Wir mögen das Experimentelle, nicht zuletzt gerade dort, wo es unerwartet kommt, mitten im Hollywoodkino oder asiatischem Mainstream, im vermeintlichen Trash oder B-Movie. Gelebt wird die Philosophie im Alltag von allen Redakteuren und Autoren, bei jedem ein wenig anders und manchmal auch nicht (mehr). Wenn das offenbar wird, dann trennen sich über kurz oder lang unsere Wege wieder. In der Kunst und in der Kritik hat Demokratie nichts zu suchen. Und das Netz ist groß, jeder kann sich seine eigene Spielwiese suchen.

Ein Kino-UFO aus Deutschland: Ramon Zürchers Das merkwürdige Kätzchen zeigt, wie wenig deutsche Kinos im Zweifelsfall mit herausragenden Festivalerfolgen anfangen können.

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Statt einer Filmkritik zu „Schutzengel“ gab es von dir einen in meinen Augen sehr wichtigen Kommentar (in angemessen scharfem Ton) zu Til Schweigers Vorgehensweise, die bekanntlich keine Pressevorführungen vor Kinostart genehmigt. Ist das ein Einzelfall oder steht das programmatisch für einen neuen Produzenten-Zeitgeist, der nur noch an Ankündigungstexten und nicht an echter Filmkritik interessiert ist.

Die Mehrzahl an Produzenten, die ich kenne oder deren Haltung sich mir erschließt, sind äußerst interessiert an der kritischen Rezeption, Til Schweiger ja auch (deswegen ist er so patzig). Allerdings interessieren sich Produzenten und Filmemacher nicht so sehr wegen dem Werbeeffekt für Kritik, sondern in erster Linie aus kreativer Perspektive, weil es das hoffentlich differenzierteste Feedback ist, das sie zu ihrer Arbeit erhalten werden, vor allem in einem so ängstlichen Umfeld wie der deutschen Kinobranche, bei der alles Intellektuelle an den Rand gedrängt wird und bei der die Furcht vor dem (echten) Dissens so groß ist wie vielleicht im Theater die Furcht vor dem Konsens. Das persönliche Interesse für eine solche eher analytische Kritik würde ich insofern klar trennen vom wirtschaftlichen Interesse an einer möglichst großflächigen, gerne positiven, aber vor allem werbetechnisch günstigen Berichterstattung, die als (fast) kostenlose Werbung funktioniert. Auf letztere kann kaum ein Produzent oder Verleiher verzichten, und deswegen veranstalten sie Pressevorführungen, denn ökonomisch hängt vor allem etwas daran, dass über ihre Filme noch vor dem Kinostart geschrieben, gesprochen, gesendet wird. Das scheinbar private, tatsächlich aber gesellschaftlich relevante Interesse an Kritik wird stets übertrumpft von den ökonomischen Überlegungen, die einem Til Schweiger Recht geben mögen, seine romantischen Komödien nur ausgewählten Journalisten vorab zu zeigen, von denen er eine positive Berichterstattung erwartet. Bei Schutzengel ist er genauso verfahren, obwohl er hätte wissen können, dass er bei dem Film mehr als sonst auf die breite Resonanz von Presseberichten angewiesen gewesen wäre. Seine populistische Kritikaversion funktioniert nur bis zu einem bestimmten Punkt und dort wo (auch fürs große Publikum) offenbar wird, dass er in den Diskurs-Prozess manipulierend und instrumentalisierend eingreift, wie bei dem unerträglichen Bundeswehr-Trailer für Schutzengel, da stößt er dann spätestens an seine Grenzen. Jedenfalls ist die Wette bekanntlich nicht aufgegangen. Interessanterweise finden sich auch im Arthouse-Segment ähnliche Vorgehensweisen wie bei Schweiger. Da gibt es Filmverleiher wie Torsten Frehse von Neue Visionen (die noch immer, aber an den Rand gedrängt, einen roten Stern im Logo haben), der sich nicht scheut, öffentlich auf einem Podium zu deklamieren, dass er alles in seiner Macht liegende tut, um die Berichterstattung in seinem Sinn zu lenken. Das macht sich dann zum Beispiel beim Pressematerial bemerkbar, sprich die Fotos und Video-Ausschnitte, die der Verleih zur Verfügung stellt, um Artikel zu illustrieren, die oft kaum repräsentativ für den Film sind. Zwischen legitimer Steuerung der Berichterstattung und ethisch unverantwortbarer Gängelung ist keine klare Grenze zu ziehen. Inakzeptabel ist es spätestens dann, wenn Verleiher die Buchung einer Anzeige mit einer positiven Besprechung verbunden sehen wollen. Solche Beispiele verderben mir jedenfalls allen Anflug an Solidarität, den ich mit engagierten Verleihern im Einzelfall empfinden kann. Die vermeintlich „kleinen“ haben meiner Erfahrung nach nämlich oft weniger Skrupel als die größeren, Medien unter Druck zu setzen. Ich kann jedem Filmliebhaber, der sich einem Realitäts-Check aussetzen will, nur empfehlen, einmal auf die Filmkunstmesse Leipzig zu fahren und sich ein paar Podien zu geben. Wie dort über den Markt der Programmkinos (und über Filme) gesprochen wird, ist erschütternd.

Auf eurer Seite findet sich im Impressum der Hinweis „Wir unterstützen gerne junge versierte Autoren beim Einstieg in die Filmkritik und bieten zugleich ein professionelles Umfeld für erfahrene Filmkritiker.“ Versteht ihr euch allgemein als „junges“ Magazin?

Das waren wir in den Anfängen sicherlich mehr als heute – zu Beginn waren mehr als die Hälfte von uns noch Studenten. Das hat sich geändert. Jung im Sinne des ursprünglichen Namens des Berlinale Forums („Internationales Forum des jungen Films“), das sind wir hoffentlich immer noch. Also jung im positiven Sinne eines offenen, noch nicht festgefahrenen Geistes, der das Terrain eher erforscht, denn absteckt. Der Satz im Impressum meint aber etwas anderes: Wir sehen es als eine unserer Aufgaben, neue Stimmen für die Filmkritik zu entdecken und zu fördern. Weil wir wissen, dass die interessantesten Autoren nicht unbedingt aus dem Journalismus kommen, sondern oft Quereinsteiger sind, wollen wir diese Offenheit auch auf critic.de praktizieren, auch wenn das im Zweifelsfall heißt, dass anfangs nichts „druckreif“ ist, sondern erstmal viel Kommunikation nötig ist. Das heißt, dass wir sehr aktiv redigieren und einen Austausch über die Texte pflegen, wie er – so heißt es zumindest von unseren Autoren immer wieder – ungewöhnlich ist. Das machen wir in gesteigertem Maße für Neueinsteiger, da gehen schon mal drei oder vier oder fünf Fassungen von einem Text hin und her, bevor er publiziert wird. Dass das klappt und alle etwas davon haben, verdankt critic.de vor allem Maurice Lahde und seit letztem Jahr Till Kadritzke, die sich für das Gegenlesen stark engagieren.

Hypnotisches Kino mit Ryan Gosling: Nicolas Winding Refns Only God Forgives (2013) fühlt sich freier und anarchischer als Drive (2011) an.

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Mir scheint das in den letzten zwei oder drei Jahren euer Interesse am „Grindhouse“-Kino (so will ich es hier mal behelfsweise nennen), unter anderem Review-Retrospektiven zu Filmemachern wie Radley Metzger und ganz aktuell Doris Wishman. Ist das eine gezielte Erweiterung des Blicks auf randständiges Kino?

Vor allem hat sich das Verhältnis verändert, seitdem wir 2012 unsere Ausrichtung stärker vom Kinoalltag wegbewegt haben. Randständiges Kino haben wir eigentlich immer besprochen. Das hat aber seither größeren Raum eingenommen und auch dezidiert ganze Reihen bekommen. Das war eine bewusste Entscheidung, zu der Michael Kienzl viel beigetragen hat. Er hat 2012 die Redaktionskoordination übernommen und prägt natürlich auch mit seinen (sehr vielfältigen) Interessen die Seite. Genre- und B-Pictures finden aber ohnehin bei vielen unserer Autoren und Freunden der Seite viel Anklang, das ist insofern eine recht naheliegende Entwicklung.

Du hast sicher den „Film Fight“ im TV gesehen, unter anderem mit Doris Kuhn und Ulrich Pönack. Wie denkst du über ein solches Format? Passt Filmkritik überhaupt ins Fernsehen und mit welchem Ansatz würdest du einer solchen Sendung Chancen zurechnen?

Grundsätzlich glaube ich schon, dass Filmkritik ins Fernsehen passt. Schwierig wird es aber, wenn es darum geht, aktuelle Filme im Fernsehen zu kritisieren: Denn dafür bräuchte es einen umfassenden Zugang zum Primärmaterial: Interessant würde es, wenn man Ausschnitte aus dem gesamten Film frei wählen dürfte, um seine Argumente analytisch genau festzumachen. Das ist allerdings nur selten realisierbar. Deshalb ist die naheliegende Option, über Film einfach „nur“ zu diskutieren – dafür ist zwar das Radio noch besser geeignet, aber das geht schon auch im TV, wenn denn ein Sender dazu bereit wäre, das zu ermöglichen. Ich würde eine solche Diskussionssendung anders besetzen und anders gestalten als der BR, weil ich das Publikum für klüger halte und nicht glaube, dass sie auf so einfache Tricks reinfallen, wie einen Boxring, um zu simulieren, dass da „Action“ vor ihnen abläuft. Eher schon wünschte ich mir Gäste, die wirklich und intensiv miteinander debattieren und nicht nur auf Kommando in großer Runde Statements absondern.

critic.de verzichtet zum Großteil auf Werbung. Wie sieht die wirtschaftliche Komponente aus und was ist der Hauptgrund für diese minimale Werbeunterstützung? In erster Linie Leserfreundlichkeit, lehnt ihr eine Kommerzialisierung ab oder fürchtet ihr, eure Unabhängigkeit ein Stück weit zu riskieren?

Ich bin da eher empfindlich und hätte gerne noch weniger Werbung. Wir arbeiten mit einer Agentur zusammen, die unsere Anzeigenplätze verwaltet und die so professionell ist, dass sie Beeinflussungsversuche erst gar nicht zu uns durchdringen lässt. Da blicken wir aber auch auf eine sehr wechselvolle Geschichte zurück. Um unsere Unabhängigkeit fürchten wir uns heute nicht mehr, dafür machen wir das schon lange genug und dafür wissen die Verleiher und PR-Agenturen auch zu genau, dass wir auf ihre Köder nicht anspringen. Andererseits könnte das auch ein Grund dafür sein, dass wir trotz allem ehrenamtlichen Engagement immer wieder in die roten Zahlen rutschen.

Aus Persektive des Filmliebhabers das vielleicht anspielungsreichste Meisterwerk von Abbas Kiarostami: Close-up (1990)

Aus Persektive des Filmliebhabers das vielleicht anspielungsreichste Meisterwerk von Abbas Kiarostami: Close-up (1990)

Habt ihr eine „Zielgruppe“? Lässt sich eine Tendenz feststellen, welche Filmfreunde eure Seite besuchen?

Den Begriff kann ich nicht leiden. Ich hoffe vor allem, dass wir gelesen werden von Leuten, an die wir beim Schreiben nicht denken. Ich freue mich sehr, wenn jemand aus einer völlig fremden Perspektive auf einen Text von uns anspringt und das möchte ich auf keinen Fall missen – trotz aller Spezialisierung. Deswegen ist es uns auch immer wichtig, gleichzeitig sehr nah bei unseren eigenen Interessen zu sein, und diese in ein Kommunikationsangebot zu übersetzen, das Andockungsmöglichkeiten auch für jene lässt, die nicht die gleiche (Film-)Sozialisation haben. Das gelingt uns natürlich nicht immer, aber wir sollten nicht aufhören, uns das als Ziel zu stecken. Tendenzen über die Leser wahrzunehmen, habe ich ehrlicherweise etwas aufgegeben, weil die Eindrücke zu wenig repräsentativ sind. Es gibt Zahlen, und die sind positiv. Es gibt persönliches Feedback, das zum Glück auch immer heterogen ist. Und es gibt das doch leider nicht zuletzt durch die sozialen Netzwerke verstärkte Problem, dass der Austausch über Texte kaum noch auf den Seiten selbst stattfindet.

Was denkst du zur Forenkultur und zu Portalen wie Moviepilot, wo die Film-„Empfehlung“ im Vordergrund steht und nicht der diskursive Ansatz? Befruchten sich solche Communities bzw Foren und analytischer angelegte Filmmagazine gegenseitig oder schadet die omnipräsente „User-Review“ (etwa auch auf imdb) eher dem Status der „richtigen“ Filmkritiken.

Diese Diskussion ist für mich schon lange passé. Persönlich sind mir Bewertungen und Benotungen eher unwichtig, aber es gibt so tolle Texte, die in unerwarteten Kontexten entstehen, dass es keinen Grund gibt, hier etwas eindeutig zu verdammen. (Die unbestellten Leserkommentare sind im Zweifelsfall interessanter als die von Redakteuren kalkuliert auf Klicks und Suchmaschineninteresse hin geschriebenen Texte.) Mich ärgern vor allem die vielen korrupten Portale. Davon abgesehen aber ist mir Konkurrenzdenken eher zuwider: Wenn man eine Leidenschaft teilen will, dann sollte man Gelegenheiten dazu willkommen heißen und sich nicht in einen Verdrängungswettbewerb hineingezogen fühlen.

Lässt sich bei dir ein Schema feststellen, wie du schreibst? Und wie beurteilst du den Einfluss, den der Schreibprozess auf deine Rezeption bzw deine „Meinung“ zum Film auswirkt, wird dir beim Schreiben erst klar, zu welchem Schluss du kommst?

Nicht zuletzt dadurch, dass ich Filmkritik-Workshops für Schüler und Studenten gebe, kenne ich natürlich auch Rezepte: Szenenbeschreibung, Handlungsnacherzählung, Einordnung, Bewertung. Nichts finde ich langweiliger als das. Ich bemühe mich, wenn es irgendwie möglich ist, Routinen in der Textgestaltung zu vermeiden. Oft höre ich beim Schreiben Musik und versuche, einen sowohl emotionalen als auch intellektuellen Draht zum Film aufzubauen. Ich projiziere die Bilder aus meinem Gedächtnis in einen laufenden Gedankengang, lass Ideen und Bilder parallel ablaufen und suche nach jenen, die etwas in mir auslösen. Das zu verbalisieren, ist mein Ziel. Möglichst aber nicht als fertiges Ergebnis, sondern als Prozess: Ein lebendiges Sich-ins-Verhältnis-Setzen, das nach der Sichtung und beim Schreiben zu einer überhaupt erst für mich sinnvollen Form findet. Deshalb ein ganz eindeutiges Ja zu deiner Frage: Der Schreibprozess prägt mein Verhältnis zu Film sehr stark. Das ist übrigens ein wesentlicher Motor für mich. Klingt ein bisschen pathetisch, aber, sich selbst zu erkunden, das gehört für mich dazu. Zwar will ich komischerweise nur selten für mich als einzigen Adressaten schreiben, aber vermutlich habe ich trotzdem am meisten selbst davon. Wenn immer es möglich ist, dann verstehe ich den Schreibprozess als sehr offen und stelle auch meine ersten Wertungsimpulse, Vergnügen, Distanz und Abstoßung in Frage. Das Schreiben ist für mich ein im besten Sinne transformativer Akt. Selbst wenn es nicht meine Meinung zu einem Film ändert.

Von Olivier Assayas kann ich fast alles empfehlen. L'eau froide (1994) hat mich mit seinem unbedingten Willen bei gleichzeitiger Bescheidenheit vollkommen für sich eingenommen.

Von Olivier Assayas kann ich fast alles empfehlen. L’eau froide (1994) hat mich mit seinem unbedingten Willen bei gleichzeitiger Bescheidenheit vollkommen für sich eingenommen.

Wo zieht man da überhaupt die Grenze zwischen „User-Review“ und „Filmkritik“? Ist ersteres einfach die moderne Ausprägung von letzterem? Nicht selten stößt man auf ergiebige, gehaltvolle Kommentare in den unübersichtlichen Weiten der imdb und liest im Vergleich in der lokalen Tageszeitung „saubere“ Texte, die aber viel weniger Sachverstand oder Aufmerksamkeit/Sensibilität aufweisen. Wie siehst du das und kennst du Autoren, die vom „User“ zum „Filmkritiker“ geworden sind?

Das ist so eine Frage, bei der ich den Eindruck habe, dass wir heute darüber hinaus sind. Ein Publikationsorgan kann zwar normierend und inspirierend wirken und es ist toll, wenn sich Leute zusammenschließen, die an einer gemeinsamen Vision schrauben. Aber du denkst wahrscheinlich sowieso eher an Dienstleistungsmedien und Feuilletons vs. unlektorierte Blogs. Mein Eindruck ist, dass es da keine Regel gibt. Manche Autoren brauchen die Freiheit oder das Wissen darum, dass in ihre Texte nicht eingegriffen wird. Ich profitiere sehr stark vom aktiven Gegenlesen kluger Redakteure und möchte das nicht missen. Dass es langweilige etablierte Medien gibt und aufregende nicht etablierte scheint mir eine selbstverständliche Entwicklung. Auch deshalb sehe ich Krisen als Möglichkeitsraum. Enttäuschend finde ich da allerdings schon, wie wenig die Printpublikationen, die für Filmkritik (noch immer) wichtig sind, sich an neuen Formen versuchen und über den Tellerrand gucken. Da haben es andere Kunstformen leichter als der Film, der doch oft als Roter-Teppich-Rampensau fürs Populäre herhalten muss.

Dominik Graf ist ja eine populäre Ausnahme. Bedauerst du es, dass so wenig bekannte deutsche Regisseure auch über Film schreiben. Wie wichtig scheint dir das für Filmschaffende zu sein, sich auch selbst in Texten zu äußern oder als Leser nicht den Anschluss an die Filmrezeptionskultur zu verlieren? Ist das eine grob vereinfachte Aussage oder haben früher mehr Filmemacher auch theoretische Überlegungen zum Medium verfasst?

Ich glaube das war immer die Ausnahme. Ich bedaure es sehr, nicht mehr von Filmemachern zu lesen, vor allem Texte, in denen sie sich offenbaren, sich preisgeben, so dass ich in ein Verhältnis mit ihnen treten kann. Ich glaube, verstehen zu können, wieso sich viele Regisseure bedeckt halten, denn so exponierte Filmemacher wie Christoph Hochhäusler müssen auch ganz schön viel Kritik einstecken können. Da scheint sich in Deutschland viel Neid und Angst und Antiintellektualismus in der Branche Bahn zu brechen. Ich finde es sehr verlockend, dagegen anzuarbeiten.

Ich nehme mal stark an, dass eine Printversion von critic.de nie zur Debatte stand. Siehst du selbst einen Unterschied, ob gute Texte „nur“ online oder auch gedruckt erscheinen?

Ich halte (schönes) Papier gerne in der Hand, lese aber viel mehr online. Ich bin kein Sammler, aber der Akt, etwas abzuschließen, in seiner doch meist fragilen Verfassung als fertig zu deklarieren, es auszudrucken und dadurch in eine haptische Form zu überführen, das hat schon was. Andererseits fühlen sich Publikationen, die offline sind, irgendwie so an, als seien sie nur halb existent. Was nicht für alle zum Teilen verfügbar ist, dem fehlt dann doch ein ganz wesentlicher Aspekt.

Trinken, Essen und Lieben: Das Kino von Hong Sang-soo bezaubert durch seine Einfachheit. Hier: Nobody's Daughter Haewon (2013)

Trinken, Essen und Lieben: Das Kino von Hong Sang-soo bezaubert durch seine Einfachheit. Hier: Nobody’s Daughter Haewon (2013)

Als offensichtlicher Vollblut-Cineast ist dir bewusst, wie wenig Filmgeschichte eigentlich auf DVD, BD oder sonstigen verfügbaren und käuflich zu erwerbenden Trägerdaten zu haben ist. Das Filesharing hat da auch in cinephiler Hinsicht einiges dran geändert. Wie schätzt du die Möglichkeiten und Veränderungen ein, die das Filesharing im Allgemeinen mitgebracht hat und speziell für dein Umfeld und für dich selbst. Siehst du Chancen und Möglichkeiten oder lehnst du das generell ab?

Dazu habe ich – vermutlich wie die meisten – ein ambivalentes Verhältnis. Klar ist, dass in dem Bereich, den das Kino und das Fernsehen und Trägermedien nicht abdecken, Streams, Downloads und Torrents Bemerkenswertes leisten. Andererseits gibt es schon auch das valide Gegenargument, dass diese Dienste gleichzeitig die mehr oder weniger kleinen Nischen noch unrentabler machen. Nun: Im Zweifelsfall ist es keine zufriedenstellende Lösung, sich von Märkten diktieren zu lassen, was man sich anguckt. Für Cinephile sind Filme nicht austauschbar. Es kommt auf den einzelnen Film an. Und wenn es keine (absehbare) legale Möglichkeit gibt, dann rechtfertigt das in meinen Augen durchaus die unerlaubte Vervielfältigung. Um diesen Bereich der schlummernden Rechte schert sich ohnehin kaum einer.

Ganz ohne wirtschaftliche und sonstige realistische Gesichtspunkte: Wenn du einen Sammelband herausgeben dürftest zu einem Regisseur deiner Wahl: Wen würde es treffen? Und welcher Autor fällt dir als erstes ein, der sich unbedingt zu diesem Regisseur äußern sollte in einem Beitrag?

Sammelbände zu einzelnen Filmemachern finde ich nicht so spannend wie eher quer gedachte Ansätze. Neulich hat ein Kollege auf Facebook die Idee eines Buchs über Filme zum Einschlafen in die Runde geworfen. Da hat sich sofort eine lebhafte Diskussion entspinnt, über das Verhältnis von Schlaf und Filmen. Es gibt Filme, bei denen ich systematisch an der gleichen Stelle einschlafe, egal wie oft ich es probiere. Oder Filme, die im Schlaf ein Eigenleben entwickeln. Überhaupt finde ich psychosomatische Fragen interessant, weil sie einen Zugang zu Filmen erlauben, der intellektuelle Analyse und körperliche Selbsterkundung miteinander verbindet. So ein Buch herauszugeben, würde mir viel Spaß bereiten. Der erste Autor, der mir einfällt, ist einer meiner liebsten Regisseure: Alain Guiraudie. Er hat einen ganz herausragenden Film über das Schlafen mit offenen Augen gemacht: Pas de repos pour les braves (2003). Da heißt es an einer Stelle, ohne Schlaf könnten wir auskommen, nur aufs Träumen könnten wir nicht verzichten. Das leuchtet mir ein, obwohl ich so gerne schlafe. Denn noch lieber träume ich.

Von welchen Cine-Tätigkeiten außerhalb der Critic-Chefredaktion kannst du uns berichten? Und siehst du dich selbst in erster Linie als Filmkritiker?

Das ist eine Frage für ein weiteres Interview. Kurz gesagt: Ich würde am allerliebsten ohne solche Etiketten auskommen. Ich habe mich aber damit schon ein wenig arrangiert, als Filmkritiker wahrgenommen zu werden und ich mag die positiven Konnotationen sehr gern. Zentral für mich ist es, durch ein großes Spektrum an Tätigkeiten, Aktionen und beackerten Feldern mein eigenes Interesse an allem, was ich tue, wach zu halten. Ich fürchte daher die zu große Spezialisierung, sofern sie mit einer dominanten Routine einhergeht. Das ist das eine. Das andere ist, dass ich für mich selbst nach Wegen suche, mich produktiv angreifbar zu machen, mich auszuliefern. Ein sehr wichtiger Begriff für mich ist die Fragilität. Etwas zwischen Empfindlichkeit und Zerbrechlichkeit. Aktuell passiert das zum Beispiel, indem ich zusammen mit Nino Klingler eine kleine fiktionale Webserie auf der Grundlage von Fabeln von Günther Anders schreibe, produziere, inszeniere und schneide. Letzte Woche war der Dreh, im Oktober zeigen wir erste Ergebnisse im Haus der Kulturen der Welt im Rahmen des Anthropozän-Projekts. Schreiben, Inszenieren und Schneiden: Das sind für mich logische Verlängerungen meiner bisherigen Arbeit als Kritiker. Und doch fühlt sich das fragiler als alles andere an.

Träumen, nicht Schlafen: Thomas Suire in Alain Guiraudies Pas de repos pour les braves (2003).

Träumen, nicht Schlafen: Thomas Suire in Alain Guiraudies Pas de repos pour les braves (2003).

Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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