The Supreme Gentleman

Von  //  27. Mai 2014  //   //  Keine Kommentare

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Wer vor dem Bildschirm sitzt und Goldketten tragenden Menschen dabei zusieht, wie sie Dinge tun, von denen die Meisten denken, dass Goldketten tragende Menschen sie tun, den hat es wohl zu einer Pick Up Artist-Website (kurz PUA) verschlagen. Eine Bewegung, die ihre Popularität wohl daraus zieht, dass sie die Rebarbarisierung der Interessierten mit spezifisch spielerischen Mitteln spiegelt: Menschen erscheinen entweder als Casino Token oder als Haus- und Nutztiere. Die Faszination, die den Spielenden so oft entgegen springt und die in der Begeisterung für eine „Only the Strongest Survive“-Lebensphilosophie mündet, verwaltet ungehemmte Triebe und Ian Flemingsche Körper(bilder) in einer gnadenlosen kulturalistischen Inventur. Das Flirten ist zu einem auf die Geschicklichkeit abgestelltes Spiel geworden. Dabei ist das erste Opfer der Humor und die Leichtigkeit, denn das Komische verbindet sich selten mit dem Spiel, weil dieses sich auf Regeln stützt, die einzuhalten sind, nicht aber auf Widersprüche, die durch Komik belustigen.Geschicklichkeit, die in das Spiel mündet, heißt zunächst nichts anderes, als dass der Zufall ausscheidet oder ausscheiden soll. Ein garantierter Erfolg.

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Zu einem Spiel kann sich das Sammeln gesellen. Kinder sammeln zunächst die Abbildung einer Tätigkeit, die von Erwachsenen ausgeübt wird und die heutigen Erwachsenen sammeln die Abbildung einer sehr bestimmten Tätigkeit, die überwiegend von Erwachsenen ausgeübt wird…Jedes Spiel muss Verlierer produzieren. Ohne sie ist ein Spiel sinnlos. Der gute Verlierer ist jemand wie Charlie Brown. Der Ausgang eines Spiels ist ihm gleichgültig. Das Spielen an sich ist ihm Dank und Anerkennung genug. Dann gibt es noch den schlechten Verlierer. Jemanden wie Elliot Rogers. Seine durch seinen Vater erfahrene „Bedeutsamkeit“ erwies sich ihm nie als Schein. Nur er alleine war nie überzählig.

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Wohl deshalb brachte er Menschen um. Der Welt hat er ein Bekennervideo und einen Texthaufen auf scribd.com hinterlassen:“The first real friend I made in the United States was a girl named Maddy Humphreys. Isn´t that ironic? She was the first female friend I´ve ever had, and she would be the last.“ Seine Worte strahlen trostlos. Weiterhin reflektiert er selbst, dass er verhältnismässig klein für sein Alter war. Deshalb beginnt Elliot Basketball zu spielen. Dabei lernt er James kennen. Schon bald macht sich bei ihm ein Wesenszug bemerkbar, der ihn sein gesamtes Leben begleitet: „By nature, I am a very jealous person, and at the age of nine my jealous nature sprung to the surface. During playdates with James, sometimes he would have other friends over als well, and I would feel very jealous and upset when he paid more attention to them.“ Nun strahlen seine Worte etwas dümmlich vorhersagbares aus. Dass krankhafte Eifersucht eine homosexuelle Regung sein kann, ist ein alter Hut, aber bei ihm ist es einfach painfully obvious. Einerseits wird die verbotene Triebregung nicht sich selbst, sondern einer anderen Person zugesprochen; andererseits werden strafende Forderungen des Über-Ichs dadurch gemildert, dass diese nicht nach innen gewendet bleiben, sondern nach außen gekehrt werden. Die Eifersucht sagt also: Nicht ich möchte mit diesem Menschen schlafen, sondern du. Nicht ich muss dafür Buße tun, sondern du.

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Doch solche Monster wie Elliot Rogers entstehen nicht im Vakuum. In dem Maße, in dem die durch das Zusammenwirken von Markt und Sozialpartnern scheinbar prästabilisierte Einheit von Massenkonsum und Monogamie und damit die scheinbar immerwährend prosperierende Zweisamkeit in die Krise gerät, zerfällt die Gesellschaft und ihre Teilnehmer durchleben eine soziale Regression. Statt als Objekte der Versorgung durch bürokratische Initationsriten werden die Individuen nun wie in einer Karikatur auf den Liberalismus von einst als Subjekte ins Visier genommen, die ihren Objektstatus ganz selbstbestimmt und eigenverantwortlich verwalten dürfen. Auf diese Weise kehrt die allgemeine Mobilmachung von einst wieder als „freie“, auf je eigene Faust und in Feindschaft zueinander betriebene Mobilisierung jedes Einzelnen an sich und mit sich selbst. Frauen werden zu „Targets“. Männer zu „PUAern“. Jedoch gibt es hier kein clausewitzsches Wissen das Können werden muss, eben weil Frauen keine Beutetiere sind.

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Während sowohl feministische Blogs und größere Nachrichtenmagazine im Folgenden den jagenden „Nice Guy“ mechanisch abwerten, in dem sie ihn als Resultat von Marketingstrategien erscheinen lassen und dies vermutlich für Gesellschaftskritik halten, lohnt es sich, das zugrundeliegenden Bedürfnis der Umwerbung zu beleuchten. Werbung, und das eint sie mit Ideologie, muss den Menschen schließlich etwas versprechen, ihnen also etwas anzubieten haben, wovon sie sich etwas erhoffen können. Nun zeichnet sich der PUA-Wahn dadurch aus, dass innerleibliche Zustände nach demselben Schema beurteilt werden wie die äußerliche, der Erfahrung kaum mehr zugängliche Realität. Der PUAler hält nicht nur die Welt, sondern vor allem eben auch die Frauen für krank, er fühlt sich durch sie schleichend vergiftet. Blogs wie Nachrichtenmagazine missverstehen diese Tendenz systematisch, wenn dieses permanente In-sich-Hineinlauschen als Ausdruck eines „hochgezüchteten“ Individualismus betrachtet wird. Denn das permanente Kreisen um die eigene Person und Befindlichkeit besitzt natürlich keine individuelle Komponente, sondern ist Ausdruck einer massenhaften Vereinzelung, des zunehmenden Verlusts des Kontakts zur Außenwelt.

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Mit Fitnesstraining und Analsex versucht das männliche Subjekt verzweifelt, dem Tempo der Kapitalakkumulation schrittzuhalten, den an es gestellten Anforderungen, die in erster Linie als Herausforderungen oder Bedrohungen wahrgenommen werden, gerecht zu werden. Wird aber Gesellschaft zuallererst als ein Konzept verstanden, in dem es permanent Prüfungen zu meistern gilt, in dem diejenigen sich durchsetzen, die sich unermüdlich nach oben kämpfen, so wird dieses Schema zwangsläufig auch auf die Innenwelt der Subjekte übertragen, so wird das tägliche „Flirten“ zur Kampfhandlung, der es sich mit größtmöglicher Beharrlichkeit zu widmen gilt. Wer in der täglichen Produktionsschlacht seinen Mann stehen sollte, der brauchte Kraft durch Freude, und wer jeden Tag kreative Höchstleistungen in einer Werbeagentur vollbringt und nebenbei für den Marathon trainiert, muss sich auf der Matte entspannen und mit einem „Target“ belohnen.

An Möglichkeiten, das Scheitern von Maskulinität zu beobachten, hat es nicht gemangelt. In seiner Aufzählung verkennt man jedoch, dass das Scheitern von Annahmen über die Wirklichkeit eben nicht notwendig zu deren Revidierung führen muss, sondern dass es vielmehr auch noch eine zweite Möglichkeit gibt: Den Wahnsinn. Die Idee, man habe es mit einer verdrehten Welt zu tun, in der die normalen Menschen als wahnsinnig und die Wahnsinnigen als normal gelten, kommt einem des öfteren. Allerdings scheint es so zu sein, dass sich die Schreibtherapie heute auf breiter Front durchgesetzt hat – selbstverständlich zu Kosten der Qualität. Wer heutzutage einen Knacks hat, der legt sich nicht auf die Couch, der mordet erst wenn er publiziert hat – und das nicht nur auf scribd.com

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Allerdings hat nicht jeder die Möglichkeit, die Resultate solcher Selbsttherapie so großflächig unter das Volk zu bringen wie der Berufssohn Elliot Rogers. Die hässliche Fratze des vulgär „Antiautoritären“. Ganz nach Bildungsgrad und -hintergrund liest er gerne Thomas Bernhard oder Wie-lege-ich-Sie-in-10-Schritten-erfolgreich-flach-Weblogs. Ihm gilt nichts mehr. Der Popanz, der keine Wahrheit, keine Schönheit, kein Begriff und keine Erkenntnis, der, die Zusammenhänge scheinbar souverän durchblickend, Freud, Marx, Adorno und zwei Dutzend Andere „widerlegt“, ohne sich je inhaltlich damit befasst zu haben und alles und jeden in seinem Umkreis seiner subjektivistischen Willkür unterwirft. Das, was heute als Ausdruck eines oft als „übertrieben“ gegeißelten „Individualismus“ gilt, bezeichnet lediglich ein beliebiges Patchwork aus vielen Meinungen, Einstellungen, Stilen etc., die sich das Subjekt „frei“ auszuwählen vermag, um sich nur umso konformistischer ins Ganze einzufügen. Die heutige Gesellschaft verlangt nicht bedingungslosen Gehorsam, sondern Kreativität, Initiative und Ideen, einen konformen Nonkonformismus. Der antiautoritäre Charakter glaubt von sich, keiner Autorität zu folgen und ähnelt teilweise der Beschreibung des Führers durch Freud: „Wir nehmen konsequenterweise an, daß sein Ich wenig libidinös gebunden war, er liebte niemand außer sich, und die anderen nur insoweit sie seinen Bedürfnissen dienten. Sein Ich gab nichts Überschüssiges an die Objekte ab. Zu Eingang der Menschheitsgeschichte war er der Übermensch, den Nietzsche erst von der Zukunft erwartete. Noch heute bedürfen die Massenindividuen der Vorspiegelung, daß sie in gleicher und gerechter Weise vom Führer geliebt werden, aber der Führer selbst braucht niemand anderen zu lieben, er darf von Herrennatur sein, absolut narzißtisch, aber selbstsicher und selbständig. Wir wissen, daß die Liebe den Narzißmus eindämmt und könnten nachweisen, wie sie durch diese Wirkung Kulturfaktor geworden ist.

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Wo die Menschen als Mittel im wertförmigen Tauschprozess gesetzt sind und jene gesellschaftliche Instanzen und Subjekte, an denen es läge, den Kindern zu ermöglichen, vernunft- und reflexionsfähige Erwachsene zu werden, verewigend zuarbeiten, schwindet die Widerstandskapazität des Individuums, welches als Reflexionsform des Kapitals nur noch bewusstlos mitschwingt. Das aufgeblähte aber leere Ich ist ein witzloser Gag. Die Fähigkeit, aus Erfahrungen nachdenkend ganz eigene Schlüsse zu ziehen, ist ersetzt durch kollektiv-narzistischen Bestätigungswahnsinn. Die Realität ist nicht mehr als Projektionsmasse, die nur noch als Kränkung oder kurzweilige Bestätigung kategorisiert wird. Das Pendeln zwischen Hysterie und Langeweile konstituiert die herrschende Alltagskultur. Die Fixierung der libidinösen Energie auf das fetischistisch gemodelte und total dependente Selbst ist kombiniert mit dem ohnmächtigen Wunsch nach Geborgenheit. Der Verfall mündet notwendig auf der nächstbesten Pornoseite oder Artverwandtem, die brüchige aber gebrauchte Identifikation bietet. Die undurchschaute Vorrangigkeit der Objektwelt ist dem narzisstischen Subjekt bloß noch aus der Perspektive des Kindes aushaltbar. Sie werden älter und bleiben dennoch trotzige Kinder, auf Anstrengungen oder Zurückweisungen folgen Trotz und Hass. Nicht nur im PUA-Umfeld, wo die Lesenden mit Thesen zur Sexualität belustigt werden, der weder vorgegaukelte Härte noch zeigefingernder Lehrer-Habitus, sondern vernunftbereite und begriffserabeitende Zerstörerarbeit in kritischer Absicht entgegenzustellen wäre. Aber eben – wäre.

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