Drei Filme von Jan Soldat – am 24. März / 20 Uhr in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz/Berlin

Von  //  23. März 2014  //  Tagged: , , , ,  //  1 Kommentar

Der Unfertige

Jeder dieser Filme knüpft sich nicht erst langsam sein Hemd auf, er steht bereits vom ersten Moment an nackt vor Dir. „Jan Soldat zeigt“ heißt es da immer wieder in der ersten Texteinblendung, und da magst Du noch so eine scharfe Klinge in Händen halten, jeder dieser Filme hält Dir völlig unbefangen seine Brust hin und käme dabei auch nie auch nur auf die Idee, Du könntest am Ende tatsächlich zustechen.

Wie denn auch? Diese unvoreingenommene Offenheit dieser drei Filme ist so echt, so unverfälscht, so unbefangen, dass alles was sich ihr entgegenstellt, nur immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen werden würde. Ist so schamfrei, im allerschönsten Sinne von Freiheit, viel weniger im überrollenden Sinne von „schamlos“, dass man selbst nicht anders kann, als offener zu werden, nicht anders kann, als mit eigener Offenheit darauf zu reagieren. Ganz egal, wie möglicherweise fremd einem die hier ins Bild tretenden Menschen im Vorfeld vielleicht wären, würde man sie nur erklärt bekommen, nicht gezeigt. Darin aber dass man sie sieht, unverfälscht, direkt, werden sie zu Spiegeln, werfen sie Dich immer wieder auf Dich selbst zurück. Gelingt diesen Filmen etwas ganz arg Tolles.

In 16, 25, 48 Minuten vermögen die Filme von Jan Soldat eine Nähe zu den Menschen, die sie zeigen, aufzubauen, die so echt und nah, gerade im Dokumentarfilm, mit seinen Charakterisierungen, dem oft sehr gewollten Reinstoßen und über die Musik Gefühle aufzwingen, sonst häufig nur viel erzählter und damit distanzierter gelingt.

Der Raum wird dafür in ruhigen, klaren Einstellungen aufgemacht. Wird zu einer Bühne, an der sich nichts Inszeniertes aufdrängt. Die Menschen erzählen einfach von sich, und das tun sie gleichzeitig ruhig, klar und verdammt offen. Und mit der gleichen Ruhe und Offenheit sieht man sie dann auch Dinge tun, die einem für sich selbst vielleicht im ersten Moment noch befremdlich erscheinen.

GELIEBT (2010), war dabei für mich persönlich, derjenige Film, dem so nahe zu kommen, mir hier wirklich am schwersten viel. Er lässt uns zwei große Jungen kennenlernen, deren Beziehung untereinander höchst kompliziert und deswegen natürlich auch sehr spannend ist, deren innige, den Sex nicht ausklammernde Liebe zu ihren Hunden für mich aber, der Hunde persönlich nicht einmal berühren möchte, in dieser Nähe nur schwer auszuhalten war. So fällt es mir ja schon schwer, diesen seltsamen Wunsch überhaupt nachzuvollziehen, diesen Wunsch nach „bedingungsloser Liebe“, von der die Hundebesitzer mit leuchtenden Augen immer wieder schwärmen. Den Wunschtraum, sich hier mit Halsband und Leine einen dressierten Kind-, oder wie in diesem Fall: Partner-Ersatz zu halten, der stets treu ergeben auf allen Vieren zu einem aufblickt. Warum sich nach so etwas überhaupt sehnen? Was für eine schreckliche Vorstellung, so eine „treue Seele“ überhaupt unter sich zu haben. Wobei es gerade in dem Zusammenhang sehr spannend ist, wenn in GELIEBT diese Treue dann ganz direkt angesprochen und hinterfragt wird.

EIN WOCHENENDE IN DEUTSCHLAND (2013) beginnt ebenfalls gleich mit dem ersten Bild ganz nackt, wenn auch noch einmal verspielter. Verspielter deswegen, weil wir dieses Bild zum einen durch das Internet ein Stück weit dann doch noch einmal enthobener betrachten, aber vor allem auch, weil es uns ein paar Männer bei der Inszenierung eines Rollenspiels zeigt. Manfred und Jürgen laden dafür Männer, die sich über das Internet bei ihnen melden oder Männer, wie ihren Freund Rosi, zu sich am Wochenende zu Kaffee & Kuchen (und dann eben auch zu ausschweifenden Sexspielen) in ihre Gartenlaube ein. Besonders schön habe ich es erlebt, wie es dem Film mit ganz wenigen Gesten gelingt, die ansteckend liebevolle Beziehung zwischen den beiden zu zeigen. Umso liebevoller, wenn sich die Liebe, wie hier, hinter einer etwas harschen Berliner-Schnauze offenbart, oder aber auch in den unbefangen blau leuchtenden Augen, des einen der beiden sichtbar wird. Einfach ein ganz arg schöner Film ist das. Ein Liebesfilm. Voll. Ganz vielleicht in seiner fröhlich vertrauten Verspieltheit darin fast schon wieder ein klein wenig zu entsexualisiert, so zum Beispiel, das laute Stöhnen von Rosi, wenn ihm mit einem Bund Brennnesseln der nackte Hintern geklatscht wird, das einen vielleicht mehr an das Stöhnen erinnert, wie man es immer mal wieder in der Sauna bei einem besonders heißen Aufguss hören kann. Aber auch in diesem Stöhnen steckt ja dann oft einfach ganz viel Genuss drin und was befreiendes sicher auch. Ein unbeschwertes Stönen ist das. Schön.

DER UNFERTIGE (2013) „Odenwald-Gay… oder Gollum… oder Klaus! 60 Jahre alt… schwul… Sklave!“ stellt sich der nächste Mensch vor. Nackt und rasiert in einem kompliziert rasselnden Kettengeflecht sitzt er hier vor uns auf dem Bett. Über das Nacktsein wird dann im weiteren Verlauf des Films auch sehr reflektiert gesprochen. In nüchtern unbefangenem Schwäbisch. Wird davon erzählt, wie es dazu kam. Nackt sein zu wollen. Mit unaufgeregt nüchternen Worten wird man da mitgenommen. In die Vergangenheit. Später dann auch mal zum Nacktputzen in die Wohnung eines Galeristen oder ins „Sklavenlager“, wo Klaus in bester Pfadfinderatmosphäre Dienst tut und Wäsche zusammenlegt. Das könnte möglicherweise tragisch wirken, würde ihm der Filmemacher dabei das Erzählen aus der Hand nehmen, den Versuch unternehmen, das was er da von sich erzählt, für ihn zu verorten, aber Jan Soldat gelingt auch hier wieder so viel mehr, indem er einfach nur ruhig und unvoreingenommen den Raum aufmacht und Klaus einfach für sich selbst sprechen lässt. Ein Raum, in welchem dann eben auch Bilder, wie das, auf welchem man Klaus, mit fröhlichem Gesicht in einem Stahlkäfig gefangen, ein Bier ansetzen sieht, ihren unbefangenen Ort haben.

Ganz großes, ganz freies Kino ist das. Ganz toll, dass es so etwas gibt.

Ein Wochenende in Deutschland

Geliebt

GELIEBT, EIN WOCHENENDE IN DEUTSCHLAND und DER UNFERTIGE werden am Montag, den 24.03.14 in der Reihe „Sehen“ in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin auf der großen Leinwand gezeigt. Jan Soldat wird selbst auch dort sein und sich anschließend auf der Bühne einer möglichen Diskussion stellen.


Über den Autor

SEBASTIAN SELIG lebt im Kino und schreibt darüber in so bunten Magazinen wie Hard Sensations, NEGATIV oder der Deadline. Im vergangenen Jahr hat ihn seine unermüdliche Begeisterung für das Kino dazu getrieben, einen Kinostart von "Under the Skin" im deutschen Sprachraum durchzukämpfen.

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