Ich werde dich auf Händen tragen

Von  //  3. Februar 2014  //  Tagged: , , , ,  //  1 Kommentar

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Hans Holt steht in den Dünen und schaut aufs Holsteinische Meer, da lockt ihn klassische Musik: ein Klavierkonzert von Edvard Grieg! Es kommt aus einem reetgedeckten, fein umzäunten Haus. Dahlien, Stockrosen und rosa Gladiolen stehen davor – wer mag das sein, der sie zum Blühen bringt? Bestimmt sitzt drinnen eine blitzsaubere, begehrenswerte Frau, die einen verwitweten Mann neu zu leiten und zu heben weiß. Hans Holt begehrt Einlass. Bingo! In der Stube sitzt am Flügel: Die Gattin des Regisseurs, Kristina Söderbaum. Neben ihr schläft eine liebe, alte Frau. Auf dem schwarze Flügel: Nelken in hellem Licht. (Schwarze und weiße Flügel, schwarze und weiße Engel… darüber wird viel in diesem Film sinniert.) Thormählen heißen diese guten Leute.

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„Italienisch? Das würde gar nicht zu mir passen!“, sagt Fräulein Thormählen/Kristina Söderbaum mit ihrer hohen, unirdischen Stimme, von der Filme mit ihr wie verhexte kristallene Eiszapfen am Weihnachtsbaum klirren und glitzern. Hans hat ihr gesagt, dass er in Florenz lebt und aus Südtirol stammt. „Das ist ja jetzt alles Italien!“, sagt er, gewollt gelassen; heruntergespielte Wehmut klingt an. Skepsis liegt in ihrem lang haftenden, prüfend tiefen Blick.

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Versonnen geht man, wird sich einig, Nachkriegsverlobte kennen das. / Das ganze Naturkind ein Fetisch aus himmelblauem Chiffon, Perlenknöpfen und metallicrosa Lack auf zehn perfekten Ovalen.

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Alles geht sehr schnell, sie wissen schon, dass sie sich heiraten wollen, da hat sie ihn noch nicht nach seinem Beruf gefragt. Bei der Feier stehen unbekannte Gäste steif und senkrecht um das Paar wie um ein Grab – surreal bedeutsame Spielzeugfigürchen. „Ich werde dich auf Händen tragen!“, verspricht Holt. Und Söderbaum, in ihrem zögernden, gedehnten Singsang: „Ich werde mich leicht machen!“ Dann folgt sie ihm – hold und mutig, als vertraute sie ihm etwas sehr, sehr Kostbares an – in jenes ferne, fremde Land Italien.

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„Sie ist mir das Wichtigste im Leben“, sagt Hans, als er ihr ein Foto zeigt. (Das kleine Mädchen darauf sieht Anne Frank ähnlich. Was bestimmt keiner gewollt hat.) „Das ist ein großes Wort…!“, sagt Kristina, mit mehr als nur drei Schwebepünktchen in der Stimme. Dabei handelt es sich immerhin um Nesi, seine Tochter, deren Mutter gestorben ist. Von weit oben blickt das Paar aus dem Flugzeug in die gleiche Richtung, unter ihnen liegt Florenz: „Schau, diese Halle wurde in München als Feldherrenhalle nachgebaut.“

vlcsnap-2013-07-22-19h28m21s235Die Herrschaft kommt nach Hause!

Es ist ein bürgerlich-sentimentales Muss, Heimkehrende und Neuankömmlinge mit der Inszenierung freudiger Aufregung zu begrüßen, und das junge, volkstümliche Haushälterpärchen hängt auch schon Girlanden auf. Doch eisig stört die Kinderfrau, Altlast aus der Prä-Kristina-Ära: „Ich wäre dankbar, wenn alles bei der alten Ordnung bleibt!“ – ein vielsagender, weit in die Vergangenheit reichender Satz. Nicht nur, was die Nazigeschichte vieler am Film Beteiligter betrifft.

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Denn unfassbarerweise wird diese verkniffene Bedienstete von Hilde Körber, Harlans Frau vor Kristina Söderbaum, gespielt. (Vor ihr war die Jüdin Dora Gerson seine Frau; ich kann nicht von der Vorstellung lassen, dass das Bild, das in dem Film im Salon hängt, auf sie anspielt: das Porträt von Nesis südländischer Mutter. Das kommt im Film – nach vielen Mutmaßungen, was die Tote gewollt hätte und einigem Ab- und Wiederaufhängen – endlich weg. „Sie war doch gar nicht das, was wir jetzt aus ihr machen: diese strenge Ikone, dieser dunkle Engel!“, beruhigt man sich (sinngemäß zitiert; ich hab den Film leider nicht mehr hier.)

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Auch Hilde Körber kann nicht bleiben. Sie macht es der lichten Frau aus dem entspannten Norden zu schwer. Wie auch die störrische Nesi, die vielleicht am besten in ein Internat gehört. vlcsnap-2013-07-23-23h12m23s94Das Mädchen ist verwildert, und so trotzig, dass es ein Junge werden will und sich die Haare stutzt, gegen die Stiefmutter (Theodor Storms Novelle „Viola Tricolor“ – der botanische Namen für „Stiefmütterchen“ – liegt dem Film zugrunde). Das hat Kristina früher im Film auch von sich erzählt: dass sie sich die Haare kurz schnitt, aus Enttäuschung (über Männer, die sie betrogen haben).

Nesi spielt viel mit ihrem Freund, einem wie aus einem Kitschgemälde herausgekrabbelten, halbnackten, italienischen Eingeborenenjungen (sozusagen). Sie sind morbide Kinder. Sie fangen und erforschen Fledermäuse, und wenn Kristina zärtlich zu Nesi sein will, stellt sie sich steif und tot wie ihre leibliche Mama. Das Entsetzen vor dem Tod und seine Aneignung im Spiel haben das Mädchen fest im Griff. Und damit ist sie diesem Film gar nicht geheuer.

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Dunkle EngelDie Vergangenheit geht in Flammen auf.

Dunkle Engel. Vergangenheit in Flammen.

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Mit dem Kind reden

Es ist frappierend, wie Nesis verschreckte, eifersüchtige Seele ohne Verständnis für ihre Nöte von dem Film und seinen Leuten geknebelt und gemaßregelt wird. Es ist doch nur ein winziger, ertrotzter Machtbereich, in dem die Kleine hilflos wütend Terror macht. Damit die falsche, neue Mama nicht in das verschlossene Spukgartenhaus der richtigen, alten kann, wo die Fledermäuse („schwarze Engel“, so Nesi) an der Decke schlafen, zündet Nesi es eines Gewitternachts an und flieht vor der elterlichen Strafverfolgung. In der Eisenbahn können eine Nonne und ein Geistlicher sie zur Umkehr und Einwilligung in ihre häusliche Bestrafung (durch Günter Pfitzmann) bewegen. Das Mädchen ist nach diesen schweren Aufregungen so klein mit Hut, ein wimmernder, demütiger Tropf, der sich nur noch, um Verzeihung heulend, an die Stiefmutter mit ihren neuen Zwillingen schmiegen will.

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So wie Nesi wird auch ihr verständnisvoller Vater auf ein Minimum zurechtgestutzt, besonders von seinem ärztlichen Freund Dr. Compagnuolo (Hans Nielsen). Er solle in Kristinas Gegenwart nicht so laut schreien (hat er gar nicht) und Vorwürfe seien jetzt nicht am Platz (er hat sie nur ganz mild etwas gefragt). Der Mann wird völlig sanftgestellt. Dann schlägt er seine eigene Kaminuhr kaputt und entschuldigt sich sogleich bei denen, die das mit ansehen mussten. „Besser die Uhr als die Menschen“, sagt der Freund mit ernster, sorgenvoller Miene (Gegenstände spielen auffällig große Rollen in Harlanfilmen).

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Mit dem Kind reden: so nicht / Einmal mahnt Compagnuolo auch Kristina: Rauchen noch kurz vor der Entbindung!

Wenn man Kristina Söderbaums Autobiographie liest, ist man betroffen, wie sehr dieser letzte Film Harlans wohl eine Liebeserklärung ist an sie, die ihn – wie sie erschreckend, aber löblich ehrlich schreibt – damals schon lange nicht mehr liebte. Er hat alles Mögliche hinein getan, wovon sie sagt, dass sie es zum Glücklichsein braucht: schöne Dinge, lichte Helligkeit, bunte Farben – crème, bleu, taubenblau, pistazie, rosa… ein Farb- und Materialfetischist könnte einen Orgasmus kriegen. Der Film ist voller Liebesgaben und Geschenke: Blumen, schöne Häuser und Juwelen, ein offensives, goldkugeliges Kollier, geil transparente Türklinken und ein souveränes Mercedes Cabrio, mit dem sie spazieren fahren kann, wenn sie sich aufregt und/oder Gott an einem besonderen, heiligen Ort um etwas (Schwangerwerden) bitten will, so wie sie das privat gerne machte. Es gibt Compagnuolo, der dem Ehemann ins Gewissen redet, wenn er seine verehrungswürdige, schutzbedürftige Gattin nicht versteht und etwas anderes will als sie. Harlan installiert sogar einen der schnoddrigen Berliner Taxifahrertypen, die Kristina so mag: Günter Pfitzmann spielt den Chauffeur, Hausmeister und Schwängerer des Marzipanweibchens Monika Dahlberg, mit der er, nach einer Gardinenpredigt Holts, sogar bereit ist, sich zu verloben. Über das Treiben der beiden drolligen Hausangestellte muss überhaupt auch Söderbaum, trotz ihrer Sorgen, doch erheitert den Kopf schütteln (wie mein Kollege Marco Siedelmann sarkastisch bemerkte).

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Geile Goldkugeln und ein kleine Hahn am Ohrvlcsnap-2013-07-22-19h30m41s118

Ein Bild grüßt aus der Heimat. Geile Goldkugeln und ein kleiner Hahn am Ohr. Ein Cabrio, um nachzudenken.

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Die zerstörte Friedenskirche

Wieder lachen können. Zurück in Berlin. Friedenskirche, Gladiolen.

Eine der Kaffeemaschinen in deutschen 50er Jahre FilmenWarum Harlan wieder eine so ausgeklügelte Kaffeemaschine an prominenter Stelle in den Film gestellt hat, bleibt sein Geheimnis. In seinem LIEBE KANN WIE GIFT SEIN gab es ein noch raffinierteres Gerät, das dem – aus Sicht des Films – schurkigen modernen Künstler und seinen zweifelhaften „Freunden“ gehörte. Und wenn man hört, wie die giftige Femme Fatale Colombani in Harlans HANNA AMON abfällig das Wort „Tee“ dahinwirft (als Kristina sagt, den möge sie lieber), kommt einem der Verdacht, dass Kaffee für Harlan das Energiegetränk der vaterlandslosen, arroganten, „modernen“, sexuellen Freigeister gewesen sein könnte. Er hat jedenfalls einen Narren am Kaffeethema gefressen. Wie aber auch andere deutsche Filmer und Filme, seit den 50er Jahren, bis hin zum „Tatort“ unserer Tage.

Lesenswert auch, was Christian Witte hier (in den Kommentaren) über den Film schreibt. Auch wenn er das Geschehen um Nesi völlig anders bewertet als ich ;-)

BRD 1958, Regie: Veit Harlan

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Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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