Green Fish / Secret Sunshine

Von  //  31. Januar 2014  //  Tagged: , ,  //  Keine Kommentare

30193924G0eMN1Gg

Faustrechtliche Umverteilung. In „Green Fish“ demontiert Lee Chang-dong die Unterwelt von Seoul.

In Lees Filmen sieht Natur oft nach Kunststoff und zu viel Farbe aus. Baudelaires „künstliche Paradiese“ kriegen eine Extra-Konnotation.
„Green Fish“ beginnt im Zug. Der Titel spielt auf einen Fisch an, den Mak-dong (Han Suk-kyu) in seiner Kindheit einmal an Land gezogen hat. Dabei gingen seine Flip Flops flöten. Motivierter ist der Titel nicht, man kann ihn irreführend oder surreal finden. Mak-dong hat den Wehrdienst beendet, der Zug befördert ihn in die Vorstadt seines Lebens. Der Reservist macht sich für eine bedrängte Frau stark. Er handelt ungeschickt und skrupellos. Es gibt nicht nur eine Szene, die Mak-dong im Angriff auf einen Hinterkopf zeigt. Der Film aus dem Jahr 1997 erzählt eine Geschichte aus der Unterwelt von Seoul. Dahinein gerät Mak-dong, die Schöne aus dem Zug verstaut ihn in ihrem Milieu wie Handgepäck in der Ablage. Ob sie nur gefällig sein möchte? Ihr Verhalten changiert zwischen Ausbrüchen und Zusammenbrüchen.
Shim Hye-jin spielt eine Nachtclubsängerin hart an der Altersgrenze für professionelle Schönheiten. Als Geliebte eines Clanchefs ist Mi-ae unantastbar. Ihr Besitzer heißt Bae Tae-gon. Moon Sung-keun spielt ihn wie einen spinnenden Staubsaugerverkäufer. Mak-dong empfiehlt sich dem „Großen Bruder“ mit kunstloser Kühnheit. Sieht so aus, als sei das Greenhorn von Angst weit entfernt. Aber auch von allem anderen. Fragt man nach seinen Fähigkeiten und Träumen, versteinert Mak-dong. Seine Aussichtslosigkeit ist ihm peinlich.

Der Rivale seines Gebieters kommt direkt aus dem Gefängnis ins Spiel. Die erste Begegnung stellt klar, wie die Gewichte verteilt sind. Für den Entlassenen hat Mak-dongs Arbeitgeber das Format eines Laufburschen. Das entspricht einer älteren Hackordnung. Kim Yang-gil (Myung Kae-nam) demonstriert mit einer Geste Omnipotenz. Man ahnt Charisma und kaltblütige Intelligenz.

Regisseur Lee Chang-dong zeigt ein korruptes, kaputtes Korea. Jeder Polizist hält die Hand auf, höhere Chargen heulen sich in der Gesellschaft von Gangsterbossen aus. Lee verbreitet Pessimismus und Karaoke.

Wie Ernst Jünger den Krieg vor der Liebe kennengelernt hat, so weiß Mak-dong noch nichts von der Liebe. Mi-ae lockt den Jüngeren, auch sie ist eine Unterworfene. Gezeichnet von Sklavenstrafen.

Das Rad dreht sich, Kim kassiert „den Lebenstraum“ von Bae. Der Ältere zerlegt das kleine Imperium des Schwächeren, Mak-dong wird zum Zeugen einer faustrechtlichen Umverteilung. Er zieht aus der unfreundlichen Übernahme seine Schlüsse.

Südkorea 1997, Regie: Lee Chang-dong

30193640fAFZOEVU
„Secret Sunshine“ – Eine Ausschweifung von Lee Chang-dong aus dem Jahr 2007

Südkorea. Shin-ae verliert ihren Mann bei einem Unfall. Mit Sohn Jun zieht sie in die Geburtsstadt des Toten. Die Stadt heißt wie der Film – „Secret Sunshine“ – „Miryang“ in der Landessprache. Die Witwe eröffnet eine Klavierschule. Sie suggeriert ein Vermögen. Sie wirkt entspannt, sogar vorwitzig. Einer Boutique-Besitzerin empfiehlt sie bei der ersten Begegnung hellere Schaufenster und freundlichere Auslagen. Die Eingesessene beschwert sich erst mit übler Nachrede beim Friseur über die Naseweise, bevor sie dem Rat folgt.

Wiederholungen und Verschleppungen von Motiven sind Merkmale des Films. Shin-ae flirtet gleichgültig mit dem Mechaniker Kim Jung-chan (Song Kang-ho), der ihr nachläuft. Sie erläutert ihm den chinesischen Wortstamm von Miryang.

Jeon Do-yeon spielt Shin-ae als souveräne Städterin. „Wie die Leute in Miryang denn so seien?“ will sie wissen. Eine Antwort lautet: „Sie sprechen schnell.“
Kim kann seinem Milieu nichts Besonderes abgewinnen. Es amüsiert ihn, wenn Shin-aes Bruder viel später die Frage seiner Schwester stellt: „Wie sind die Leute in Miryang?“

Shin-ae stört sämtliche Kreise, die sie in Miryang berührt. Sie verkörpert einen fremden Geist. Sie kommt aus Seoul und fühlt sich überlegen. Das ist der erste Durchgang in „Secret Sunshine“, einem Film von Lee Chang-dong aus dem Jahr 2007. Lee ist auch Schriftsteller. Er war Kultusminister, er könnte so etwas wie ein südkoreanischer Malraux sein. Seine Bilder übertreiben das Licht. Er inszeniert die Zeichen künftigen Grauens vor einem maßlos blauen Himmel. Wieder und wieder ruft Shin-ae nach ihrem Sohn, der sich immer wieder versteckt und in Reglosigkeit verharrt. Er stellt sich tot, der Unfalltod des Vaters arbeitet in ihm. Jun ist ein verschlossen-anhängliches Kind. Fixiert auf die Mutter in der kleinkarierten Fremde.

Der Tod des Mannes aus Miryang steht als unbewältigtes Ereignis im Raum. Erfüllt Shin-ae ein Vermächtnis, indem sie sich in Miryang niederlässt? Sie gibt vor, Land kaufen zu wollen. Die Haie nehmen Witterung auf.

Der Film gleitet durch seine Landschaft. Man sieht zersiedelte Natur. Shin-ae feiert mit der Bourgeoisie. Sie singt mit Geschäftsfrauen. Der Kelch des Verbrechens könnte an allen vorbeigehen, Spannung ist auch so genug da.

Eine Apothekerin agiert Shin-ae religiös. In einem Schlagabtausch stellt die Neue unterkühlt ihre diesseitigen Devisen fest. Gott ist ein Schmarrn für sie. Dann verschwindet Jun. Die Angelegenheit spielt sich als Erpressung ab. Vergeblich bittet Shin-ae den Erpresser um ein Lebenszeichen ihres Sohnes. Sie gibt zu, Reichtum nur vorgetäuscht zu haben. Was sie hat, deponiert sie nach Verabredung. Juns Leiche wird schließlich aus einem Abwasserrohr gezogen. Der Mörder und Erpresser ist ein Lehrer, er hat auch Jun unterrichtet. Seine Festnahme rotiert im Wirbel des Fortgangs.

Die Krise macht Shin-ae empfänglich für den Sakropop der Apothekerin. Wie in einer Fortsetzung kreist der Film nun um den christlichen Glauben in einer buddhistischen Gegend. Shin-ae beschreibt ihre neue Identität als ein andauerndes Gefühl des Verliebtseins. Einmal sagt sie das Vaterunser auf und stockt bei der Zeile „Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Trotzdem besucht Shin-ae den Mörder im Gefängnis, um ihm zu erklären, dass sie ihm verziehen habe.

Der Gefangene hat sich schon selbst vergeben. Seine Selbstgerechtigkeit nennt er christlich, das macht Shin-ae fertig. Sie fällt vom Glauben ab und wird, verfolgt vom treuen, trägen Trottel Kim, zu einem Irrlicht in Miryang. Der Film läuft dann noch über eine Stunde, und noch einmal dreht sich alles. Am Ende hat man drei Filme auf einmal gesehen.

Südkorea 2007, Regie: Lee Chang-dong

Über den Autor

Alle Artikel von

Schreibe einen Kommentar

comm comm comm