Wer weint denn schon im Freudenhaus

Wer weint denn schon im Freudenhaus Titelbild

Anfangs sieht es aus wie Aachen früher. Es gibt sogar so eine Stripbar wie das „Orchidée“, mit sinnvoll abwaschbaren Fassadenfliesen um den Foto-Guckkasten. Es gibt viel echtes Licht, einen Kiosk mit nackten Titelbildern, und durch die sommerliche Stadt flanieren junge Frauen der 70er Jahre, minirockig und beschwingt. Diese knisternde Straßenszenerie registriert, zwar von der Stimmung angesteckt, aber doch streng und verunsichert: Hans-Hermann, ein Beamter nach Dienstende. Darüber singt ein abgeklärter Herr mit knefig sarkastischer Stehaufmännchenhärte einen 6/8 Rummelplatz-Walzer. Er scheint stolz zu sein auf seine trivialphilosophischen Zeilen über Hans-Hermanns symptomatischen Lebens- und Liebeslauf.

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Ach, Lubowski, da bist du wieder, ich liebte ja schon SÜNDE MIT RABATT von dir, und ich mag dich selbst wenn du so bist wie hier, es fragt sich nur: Warum? Warum finde ich z. B. Veit Harlans spießige 50er-Jahre-Filme über sexuelle und amouröse Schwierigkeiten zwar interessant, aber viel bedenklicher als dich? Liegt es am vertrauteren Stallgeruch? In Harlans engstirnigem Wahnsinn sehe ich die verkniffene Moral bigotter, arrivierter Leute. Die von Lubowski hingegen ist die der proletarisch geprägten Kleinbürger meiner Herkunft. Die ist zwar auch Scheiße, aber ich verstehe sie besser, im Rahmen meiner soziomythologischen Privatforschungen (ohne dass ich sie deswegen gutheiße).

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Das sieht alles so bekannt aus, so bekannt.

Hans-Hermann, ein höherer Beamter, hat ein Haus mit genau jenen Fensterpflanzen, strukturverglasten Innentüren und quadratischen Glasbausteinen, die alle Leute seiner Gesellschaftsschicht damals richtig fanden. Paradestück ist eins jener weißen Schleiflack-Doppelbetten, die auch ich in Kaufhauskatalogen so bewundert habe.

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Das romantische Bett wird bald zum Frustort. Hans-Hermann kämpft darin um seine Ehen. Denn eine nach der anderen Frau macht ihn impotent. Das liegt an der modernen Zeit. Hans-Hermann steht exemplarisch für sexwellengeschädigte Männer der Siebziger Jahre, die sich von den aufgeheizten Erwartungen getrieben und versklavt fühlten. Hin- und her gerissen zwischen mitmachen- und bei sich bleiben Wollen, aufgereizt und eingerostet Sein, will Hans-Hermann vor Verwirrung oft am liebsten nur noch schlafen.

Er fühlt sich völlig machtlos. Die Frauen, die ihn anfangs so sehr reizen, verwandeln sich in der Ehe in Herrscherinnen des Haushalts und der Alltagsorganisation. Auf einmal muss man verhandeln, wann Sex und wie oft… Verhaltensregeln, Essen, Einrichtung: Alles Frau. Hans-Herrmann wird zum Fremden im eigenen Zuhause. Er schrumpft (sich) klein und fügt sich seufzend. Wie Al Bundy oder Loriots Männer bewahrt er sich zwar seine eifernde Ideenwelt, den seltsamen Humor, die schräge Phantasie und Restaufmüpfigkeit. Aber das ist ohne Relevanz: Wo die Frau mit dem Staubsauger hin will, muss Hans-Hermann weichen. Am Ende landet er auf dem Balkon, mit ein paar Flaschen Bier.

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Da geht Lore hin. Zum Wackelauto.

Wie nimmt man diese Dinge so, dass man darüber lachen kann? Die Zeitschriften waren damals voll von Witzen über Mann und Frau. In der Nachfolge gab es die liebevoll gestalteten, inwendig aber schlimmen Beziehungssketchs mit Iris Berben und Dieter Krebs…

Hans-Hermanns 1. Ehefrau Lore (gespielt von Karin Heske, die hier viel lebendiger aussieht in dem geil starren SCHREI NACH LUST – LIEBE ALS KÖDER) erwartet ihn am Feierabend im staubfarbenen Negligé; die Sexwelle hat sie mächtig angefeuert und enthemmt, Hans-Hermann kann nicht mithalten. „Es macht nur den Anständigen Spaß, sich verführen zu lassen, und im gleichen Verhältnis, in dem wir die Sünden abschaffen, wachsen Frigidität und Impotenz“, rechtfertigt er sich schlau. Aber vergebens: Lore wird ihm abtrünnig; in der Abenddämmerung schaukelt ihr am Waldweg geparktes Auto wie in einem Bilderwitz.

(Es gab diese Wackelautos früher wirklich oft. Wir Kinder hielten nach ihnen Ausschau, wenn wir nach dem Abendessen noch mal raus durften. Da wir am Ende der Welt wohnen, fuhren oft Pärchen zu uns, die glaubten, hier hörten die sie drangsalierenden Gesetze auf.) „Sei ganz zynisch! Dass ich pervers und verderbt und durch und durch schlecht bin musst du mir sagen!“ hört man Lore begeistert im Auto ihren Lover anfeuern, „verkommen will ich!“

Der verlassene Hans-Hermann trollt sich und verwildert zum Steppenwolf. Er wird Stammgast im Freudenhaus. Dort thront als Chefin eine gewievte Geschäftsfrau. Das war schon so in SÜNDE MIT RABATT. Diesmal ist sie (Camilla Horn, der Stummfilmstar) eine platinblond ergraute, in Pelz gehüllte Lady – der mondäne, kubitschekartige Typ, wie er sich auch vielleicht in den „120 Tagen von Sodom“ wohl gefühlt hätte. In einer ausgelassenen Treppenszene intoniert das Freudenhaus eine von Lubowski selbst gedichtete Operettennummer: „Opas Sex ist mausetot, (mausetot, mausetot). Und wo die Oma wurde rot, da fängt der Spaß erst an. Man tut es heut zu jeder Zeit (jeder Zeit, jeder Zeit) und fragt nicht mehr bist du bereit für Damen oder Herrn? Bubis Sex ist auch bald da, (auch bald da, auch bald da). Es gibt schon scharfe Kinderfrauen…“ Oder: „An den Galgen mit den Schindern, die Geschlechtsverkehr verhindern! An den Galgen auch mit denen, die sich nicht die Chance nehmen! Bin kein Warmer, doch nicht kalt. Wenn du`s tun willst, tu es bald!“ Es fällt auch eine Apo-Basisgruppe ein, um mit den Mädchen und den Freiern zu diskutieren und sie „von falschem Schuldgefühl zu befreien.“

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Ein Fernsehabend im Bordell. Madame richtet streng und stoiberisch die Blumen hin

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Im Stripteaselokal bedienen ältere Männer in Unterhosen die Gäste. Ein ernster, stolzer, putinartiger Junge strippt pathetisch.

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Die Leute von der Basisgruppe. Wilhelm Reichs Buch „Die Funktion des Orgasmus“, auf die sich das Schild bezieht, haben wir Teenies auch sehr ernst genommen. Und auf dem Bild rechts spielt einer meine rote Epiphone.

Seine Ehefrau Nr. 2 hat Hans-Hermann im Freudenhaus kennen gelernt. Er glaubt, ihr Beruf müsse sie gelehrt hat, sexuell zu geben, statt zu fordern. „Eine Dame auf der Straße, eine Köchin in der Küche und eine Hure im Bett“, prägt sie sich lernwillig vor der Trauung ein. Doch bald schon geht sie in ihrer Hausfrauenrolle auf und verliert die Lust auf Sex. „Hauptsache ist, dass man sich liebt!“, seift sie Hans-Hermann ein, erleichtert, dass er zum Sex zu betrunken ist, denn dann kann sie noch Geschirr spülen.

Am Ende sehnt sich Hans-Hermann zurück nach Lore und fantasiert eine übergeschnappte Tanzszene, in der sie über Männerrücken steigt. „Nackte“ Männer in hautfarbenen Trikots umtanzen sie auf Steckenpferden, und aus dem Tingeltangelwalzer (siehe Anfang + Youtubeclip unten) wird ein verrucht milesdavislicher Jazz. Die Welt ist nicht mehr im Lot. Der Teufel kommt, als Jägersmann verkleidet, die Treppe runter – ein Traum wie nach zu viel Schlachtplatte und Cognac. Dass der Film diesen spleenigen Unsinn tatsächlich verwirklicht, macht ihn auf einmal ziemlich groß.

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Fazit: WER WEINT DENN SCHON IM FREUDENHAUS hält nicht, was er verspricht. Aber er ist interessant. Sobald die erste Spannung verpufft, nimmt das Ganze die Gestalt eines vernachlässigten Gummibaums an. Oder einer schlappen Pyjamahose. Es ist, als setzte sein Impotenzthema auch dem Film selber zu. Viele verkrampft skurrile, enzig rohrkrepierende Witzversuche zerdehnen die Szenen. Zugleich forciert Lubowski – anders als in seinem fest gefügten, trüben Meisterwerk SÜNDE MIT RABATT – das Tempo und trampelt wild sein Hamsterrad. Die Screenshots kriegen es kaum eingefangen, wie Hans-Hermann und Lore im Streit einander übers Schlafzimmerparkett jagen, wie sie purzeln, Sachen hinknallen – aufgekratzt und keck wie die zu ihrer Zeit modernen Foxterrier. Das ist alles zu fahrig, um Geist zu entwickeln, es ist eine nescafégedopte, manisch plappernde Geist-Attrappe, die sich vor uns aufspreizt. Alles ist attrappig – zerschlissenes Boulevardtheater, verstimmt und bis zum Wahnsinn kleinkariert.

Und doch. Oder gerade. WER WEINT DENN SCHON IM FREUDENHAUS ist wie eine dieser vergessenen, gelben, alten Illustrierten, die sich keiner absichtlich aufhebt. Er riecht und schmeckt wie eine abgelaufene Instant-Nudelsuppe, ist aber erschreckend echter als die rotierenden Paradenummern der 70s-Revivals. Der alte Schmutz von unterm Sofa ist immer eine Untersuchung wert.

BRD 1970, Regie: Rudolf Lubowski

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Die Hand fiel mir auf. Lore hält sie wie die Frau auf dem Bild. Vielleicht nur Zufall.

Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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