Naked

Von  //  23. Mai 2013  //  Tagged: , ,  //  Keine Kommentare

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Die Bilder sind dunkelgrau. Ein schwerer Kontrabass unterstreicht die trägen Impressionen.
Immer wieder wird er durchbrochen durch ein treibendes Klimpern und nervöses Zupfen.
Mike Leighs „Nackt“ ist der unverhüllte Blick auf die Gosse. Auf die nächtlich- kühlen Straßen Londons mit ihren schattenhaften Gestalten. Getrieben, schlaflos und grotesk. Auf den jungen Wolf Johnny, einen einsamen Streuner, einen zynisch- bissigen Köter, der ruhelos vergebens nach dem Herzschlag einer toten Stadt sucht.

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Weil er weder Geld noch Ziel hat, besucht er unangemeldet seine Exfreundin Louise, die sich zunächst nicht freut den selbstgefälligen, egozentrischen Widerling zu sehen. Sie sitzen, schweigen und blasen sich an. Mit Rauchwolken. Mit Wolken aus Beleidigung, Herabsetzung, Erniedrigung und Vorwürfen. Währenddessen findet Louises schmuddelig-laszive Mitbewohnerin Sophie langsam immer mehr Gefallen an dem redseligen Misanthropen.
Sie behausen das spartanisch eingerichtete 12 Quadratmeterwohnzimmer. Sie beliegen die nikotingelbe Staubcouch. Er redet zu viel. Sie lacht zu viel. Sie berauschen sich gemeinsam und aneinander. Ihre nackten Körper wirken in dem gräulichen Licht verzweifelt, schutzlos, und kühl. Krampfhaft und hilfesuchend klammert Sophie ihre knochigen langen Finger in seine blasse Schulter.

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Doch so fest Johnny sie nachts an sich gedrückt hatte, so fest drückt er sie morgens von sich.
Es reicht dem räudig-bärtigen Kläffer jetzt nicht mehr Louise oder Sophie zu beleidigen, zu verunsichern, seinen Zynismus und seine verzweifelte, ziellose Wut an den beiden traurigen Frauengestalten abzuwetzen. Es reicht ihm nicht mehr sich an und in Sophie zu stoßen. Er scheuert seinen lausigen Kotzbrockenpelz jetzt an der kaputten Stadt und den desolaten armen Irren, die das nächtliche London beherbergt. Dort trifft er auf einsam-einfältige naive Nachtwächter, Haus-, Ziel- und Hirnlose, Aggressive Baseballschlägerschwinger und kaputte und willige Damen, die ihm Tür und Schenkel öffnen.

Wenn man ihm dabei zusieht, wie er sich so herumtreibt, heimatlos und wirr, wenn man sieht wie er ab und zu bellt, beißt und gebissen wird, aggressiv und wild, denkt man immer wieder an einen Hund. Einen regennassen Streuner, mit verfilztem Fell und Flöhen. Kein schönes Tier. Groß, unförmig und grau. Verjagt und verhasst. Dem Wetter und der Stadt ausgeliefert, schutzlos und nackt. Den Menschen feindlich gesinnt, weil sie es auch immer waren. Trainiert, sich nur aufs eigene Überleben zu konzentrieren. Er sieht die Welt um sich nicht mehr, weil er ständig im Kreis rennt, auf der Jagd nach seinem eigenen Schwanz, auf der Jagd nach dem was ihm fehlt. Im seinem gierig- huschenden Blickfeld nur er selbst, der nächste Kick, der nächste Fick, und das nie zu erreichende Hinterteil. Würde er es dennoch einmal erwischen, er wüsste nicht was er damit tun würde. Weil er nicht auf der Suche nach dem Ziel ist, sondern auf der ewig währenden Jagd.

Und irgendwie fühle ich Mitleid, mit diesem einsamen, zornig-hilflosen Hampelmann. Weil er so „nackt“ ist. Weil „nackt“ ein sehr strenges, kaltes Wort sein kann. Weil „nackt“ sein bedeutet, schutzlos zu sein. Ausgeliefert zu sein. Gegen die Welt zu sein und im Gegenzug die Welt gegen sich zu haben. Mit aller Kraft anzubrüllen, gegen eine kalte, leere Stadt, die zwischen ihren Betonbauten erst deine Stimme und dann deine Hoffnung verschluckt.

Naked, Großbritannien (1993), Mike Leigh


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