Una vita violenta

Von  //  21. März 2013  //  Tagged: , ,  //  Keine Kommentare

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Ich hänge oft in meinen Kindheitserinnerungen, wenn ich über Filme schreibe, weil ich meiner ursprünglichen Art, zu sehen, nachspüre. Bevor man mich lehrte, Dinge anders zu sehen, meinen Blick lenkte und mich auf bestimmte Dinge aufmerksam machte, für die ich das, worauf ich von alleine schaute, mehr und mehr im Stich ließ.

Zu meinen frühesten selbst gesehenen Dingen gehörten die Sterne zwischen den Kapiteln der Heftchenromane meiner Mutter. Die durch die Gardinen dringenden Sonnenstrahlen, auf denen der Staub tanzte. Und wie sich die Karos meiner Wolldecke farblich veränderten, wenn ich sie mir über den Kopf zog und das Licht zu mir durchsickerte.

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Eine andere sehr frühe Kindheitserinnerung: Ich war mit Oma auf der Zeche, Opas Lohn abholen oder die Weihnachtsgratifikation. Da gab es einen hohen Warteraum, schmutzig, trist wie viele Warteräume der 60er Jahre. Im Zwielicht: Männer mit markanten, manchmal tragischen Gesichtern und Mimikwulsten, so wie Kinder und Frauen sie nicht hatten. Ich war noch nicht lange auf der Welt und studierte diese herben Züge voller Scheu.

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Vielleicht waren es Gastarbeiter, vielleicht auch einfach Arbeiter, die gerade unter Tage gewesen waren und deshalb so dunkel und verwegen aussahen. Die Augen blitzten hell aus ihren gefurchten Gesichtern. Ein großer Teil der Männer in unserem Ort verbrachte viele Stunden unter der Erdoberfläche, unter unseren Füßen. Auch im Wartekiosk, wenn ich mit Oma auf den Schienenbus wartete, saßen sie. Oft rauchten sie. Sie lächelten zurück, aus ihrer viel wichtigeren, ernsteren Welt, in der Fahrzeuge, besonders Zugwaggons und Busse, eine große Rolle spielten.

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Einem von diesen Männern wird im Film von einer Straßenbahn ein Bein abgefahren. Bei uns in Merkstein wohnten sie im Ledigenheim neben der Kohlenhalde. Mädchen, die dort hingingen, bekamen einen schlechten Ruf. Solche Mädchen gibt es auch in UNA VITA VIOLENTA. Wenn sie mit einem Jungen ins Kino gehen, wollen sie den Film gucken und nicht befummelt werden; es ist viel zu wichtig, die stürmischen, einen so leicht schwanger machenden jungen Männer rechtzeitig zu stoppen, als dass man an die Verwirklichung der eigenen Sexualität denken dürfte. In der Dunkelheit leuchten ihre Augen von Gefühlen, und sie sehen ein bisschen aus wie Charlotte Roche.

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Die Jungs haben viel Leichtsinniges, Verbrecherisches im Sinn. Die Welt ist ihnen sonst zu langweilig.

Una vita violenta - gelangweilte Jungen

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Unter ihnen gefällt mir besonders der mit dem wuchtigen Kopf und den milden Zügen (der 2. von links), der mir ein Rätsel ist und mich neugierig macht. Er kommt nur in einer kurzen Szene vor, ich weiß nicht wie der Schauspieler heißt.

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Er versucht, den jungen Faschisten, dem später das Bein abgefahren wird, für seine kommunistische Gruppe anzuwerben. Es ist aber eher ein Scherz.

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Hier sind die Freunde des Protagonisten Tommaso (Franco Citti), die seinem Mädchen ein Ständchen bringen sollen; sie sehen aus wie auf einem Bandfoto. Streunende Kater in modischen Pullovern. Nicht vertrauenserweckend. Gefährlich lebendig. Der Abend geht nicht gut aus.

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Und das hier ist Rom wahrscheinlich. Diese graue Stadt im Morgengrauen. Wie mit Kohle bestäubt und zu Grau verschmiert. Die Kamera schrappt mäandernd über die Dächer… wie machen das manche Filme, dass man schon nach zwei Sekunden weiß: Das ist ein guter Film. In dem man anders atmet, alle Antennen ausfährt. Diese Direktheit, als spräche der Duft des frühen Morgennebels zu einem, wie ist das möglich, dass sich das vermittelt? Als ich als Teenie zum ersten Mal in Paris war, war ich überwältigt, als ich auf unseren kleinen Hotelbalkon in die Luft über der Stadt hinaustrat. Das abgeschabte Häusermeer im weichen, grauen Licht. Es bedeutete mir so viel, und ich war froh, zu leben und ich selbst zu sein.

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Eines Tages stand ich als Kind mit meinem Vater auf einem Hügelchen und blickte runter nach Mau Mau. Das war der Spitzname für die Siedlung im Tal, am unteren Rand von Merkstein. Da wohnten die armen Merksteiner in Wellblechhütten. Viele kleine Hunde bellten, Kinder liefen herum. Diese selbstgemachte, kleine, durcheinandere Art, zu wohnen, fand ich viel netter und für mich passender als unsere quadratische, geordnete. Dort war nicht alles so ein Riesenaufwand. Ich konnte mir vorstellen, dass auch ich notfalls so etwas bauen könnte. In UNA VITA VIOLENTA wohnen die Jungen zuerst in diesen wilden Slums. Ein paar Jahre später, als Tommaso aus dem Knast und der Klinik zurück ist, sind sie schon in Wohnblocks umgesiedelt worden wie die Leute von Mau Mau. Auch wenn man als Romantikerin geboren wurde, ist es nicht möglich, über solche Häuser seine Augen so neugierig und zärtlich gleiten zu lassen wie über die Hütten früher.

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Ich bin nicht mehr so glücklich wie früher über das, was ich wahrnehme. Wahrscheinlich denke ich die falschen Sachen, wenn ich durch Straßen gehe usw. Das begann schon Ende der Siebziger Jahre. Ich weiß noch, wie ich damals verzweifelt versuchte, mir meinen verliebten Blick auf die Umgebung zu erhalten. Wieviel Aufwand ich im Inneren dafür trieb.

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Aber Filme wie UNA VITA VIOLENTA oder Ende letzten Jahres HEISSES PFLASTER KÖLN bringen mir, ich weiß nicht wie, die alten Gefühle wieder. Dass es aufregend und bedeutsam ist, lebendig zu sein. Dass es glücklich machen kann. Dass es sich lohnt, wach zu bleiben. Wenn ich zu einem Filmtreffen gehe, koste ich das Gefühl aus, allein in einer fremden Stadt zu sein und gleich die Freunde und die Filme zu sehen. Ich rieche die Luft, höre die Geräusche der Autos und der Vögel, sehe einzelne Leute auf den Straßen und fühle mich unfassbar privilegiert.

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Tommaso stirbt jung; während noch alles zu ihm spricht, muss er sich schon verabschieden. Noch bevor er seinen neusten Plan umsetzen kann, endlich ein braver junger Mann zu werden wie die meisten anderen. „Ein gewaltsames Leben“ würde ich UNA VITA VIOLENTA übersetzen; ich nehme an, der Name spielt an auf die Standardformulierung vom „gewaltsamen Tod“. Es ist die Verfilmung eines Romans von Pasolini, und Brunello Rondi ist ein wahnsinnig guter, zu Unrecht nicht so bekannter Regisseur.

Das ist keine Filmbesprechung. Ich hab mich mit diesem von dem Film ausgelösten Text nur an die Bilder in ihm gelehnt und bin in ihnen spazieren gegangen. Ich konnte konkret nur wenig über den Film schreiben, obwohl ich ihn ganz aufmerksam gesehen habe. Dabei steckt so viel drin. Ich müsste eine geeignetere Person sein, um diesen Film zu gucken, aber auch, um dieses Leben zu leben.

Italien, 1962. Regie: Brunello Rondi, Paolo Heusch.

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In der Gegend hinter den beiden hab ich mal in Alsdorf auf zwei Kinder aufgepasst, als ich noch Babysitterin war.

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Unterwegs mit dem Vorsatz, brav zu werden wie die anderen.

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Ein sehr filmisches Gesicht hat dieser Mann. Ein Kommunist und Revolutionär, dem Tommaso kopfschüttelnd erst zeigen muss, wie man über Dächer klettert.

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Auch aus diesem Vorsatz wird nichts mehr.

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Zwei hübsche Mädchen, die so aussehen wie ein besseres Leben für Tommaso.

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Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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