Alternative Movie #54: Josefine Mutzenbacher

Von  //  6. Februar 2013  //   //  1 Kommentar

Josefine Mutzenbacher Beitragsbild

Diesem Film habe ich unbesehen lange Unrecht getan. Verstaubt und miefig stellte ich ihn mir vor – süffisant, mokant und munter ist er in Wirklichkeit. Voll erschreckend scharf gewürzter und gepfefferter Dialoge, einer Spezialität des Regisseurs Hans Billian, eines Draufgängers und Lebemanns, der nichts anbrennen ließ und unglaubliche Frauen kannte und filmte.

Das Ambiente ist allerdings schön altertümlich omahaft. Jahrhundertwende-Altbauten, Metallbetten, biedermeierliche Ornamenttapeten, dicke, gewürfelte Kissen, Rüschen, Spitzen und Geraschel.
Die junge Josefine (Patricia Rhomberg) lebt hier in einer Inzestfamilie, mit der zu schlafen sie sich aber nicht zu schämen braucht, denn sie sind nicht blutsverwandt – es sind ja „nur“ ihr Stiefvater, ihre Stiefmutter und ihr Stiefbruder ;-)
Letzterer ist ein blonder Jüngling, mit dem Josefine an der Tür der Stiefeltern spannt. Der Vater ist schnell fertig; die Mutter klagt, der Vater fingert sie zur Beruhigung, und sie sagt, unauslotbar tief: „Endlich hat man ein Verständnis für mich!“.
Von dieser Beobachtung inspiriert, hat Josefine ihr erstes Sexerlebnis, mit dem Bruder, und von da an mag sie nicht mehr aufhören.
„Es ist herrlich, zu ficken! Ich danke Ihnen, Herr Howorak!“, sagt sie enthusiastisch zu dem wonnig hilfsbereiten Mann, der sie entjungfert. „Danken muss ich!“ erwidert er, total begeistert.
Es macht Spaß, das freudige, gierige, neugierige Gesicht Patricia Rhombergs in hitziger Aktion zu sehen, wenn sie anerkennend die Augen zu ihm aufschlägt: „Sie verstehens aber, die Nudel auszuzutzen“…
Es gibt jedoch auch ziemliche Arschlöcher in dem Film, muss man sagen! (Empfindliche halten sich jetzt besser die Ohren zu):
„Dann komm her, du vorlautes Luder. Schmeck erst mal den Schwanz, bevor ich ihn dir in die Fotze stecke“, sagt einer davon, „du Frechdachs, dich fick ich jetzt kaputt. Ein so junges Loch, und schon so gierig. Mit wem hast du`s schon getrieben, du kleines, geiles Miststück?“: Pfui! So beschimpft ein unansehnlicher Kerl das schöne Mädchen, das er gerade körperlich liebt, anstatt den Rand zu halten und sich mit der Situation und Person zu vereinen, in der er immerhin nicht gegen seinen Willen steckt. Fräulein Mutzenbacher freilich müssen wir nicht vor ihm beschützen. Sie lässt die Schmähungen an sich abperlen und hat einfach deftig und unverhohlen Spaß.

Für mich bedeutet der Film, nach knapp zwei Jahren professionelles Sexfilmguckens für Hard Sensations, auch das Wiedersehen mit vielen Leinwandleuten. Besonders Jürgen Enz hat mich filmisch schon mit manchem hier bekannt gemacht. Da ist der ungelenke, grobe, knochige Bauer aus „Gaudi in der Lederhose“ (Frithjof Klausen). Und dort: Ist das nicht der dunkelblonde, knubbelige Junge, der in den „Liebesvögeln“ unter Enz` Regie so faul und verträumt dahinwelkte, eine rote Rose in der Hand? Okay, vielleicht auch nicht. Man fühlt sich hier so intim, dass man bald jeden zu kennen glaubt.

Weiter hab ich diesen haarsträubenden und belebenden Film noch nicht geguckt, so dass ich, wenn er im Apollo Kino in Aachen läuft, noch überrascht werden kann. Und ihr auch. Am Rosenmontag, 11. Februar 2013 um 22:30 Uhr ist es so weit. 35 mm. Hardcore. Habt keine Angst. Kommt.

BRD 1976, Regie: Hans Billian

(Hier hab ich übrigens zwei Kurzfilme von Hans Billian, mit Patricia Rhomberg, besprochen.)

Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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