The Sinful Dwarf

Von  //  4. Dezember 2012  //  Tagged: , , , ,  //  5 Kommentare

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Diese verstaubte Bude ist wie eine Region in meinem Gehirn, in die ich nachts in Träumen klettere. Früher war sie mal ein Nachtclub. Der fröhliche Olaf wohnt hier mit seiner Mama, die sich nostalgisch mit ihrer Freundin oder Schwester inmitten von Souvenirs aus den good old days betrinkt. Währenddessen hält ihr sexbesessener, zwergwüchsiger Sohn auf dem Dachboden nackte Mädchen gefangen, die er unter Drogen setzt und an Freier verkauft. Wenn ich Fieber hätte und die Dinge überzeichnet sähe, könnte ich das mit Leuten aus meiner mittlerweile verstorbenen Verwandtschaft besetzen. Und mit mir.

Alle spielen ein bisschen dilettantisch, aber das ist gut; es muss selbstgemacht aussehen, damit ich denken kann, das hätte alles ich gedreht, in meiner alten Wohnung, in die ich im Traum immer noch mindestens einmal die Woche zurück muss, spülen und das Unerledigte der fünfzehn Jahre, die ich nicht mehr dort wohne, aufräumen.

Manchmal fahre ich auch in Wirklichkeit in meine alte Straße. Wenn ich dann zum ersten Stock hoch schaue, wird mir komisch, weil ich mir vorstellen muss, ich würde mir gleich selbst aus dem Fenster entgegensehen. Und dieses Ich da oben wäre gefangen in einem Leben wie mit dem Sinful Dwarf. Ich hätte Sex mit Freiern und dem kleinen, krummen, bösen Olaf. Die Drogen würden eine Blase um mich machen.

Es könnte alles in Ostende sein. Oder in einem entsprechenden englischen Badeort, der mal mondän verrucht war und jetzt nur noch etwas für wehmütig den Mond anheulende alte Frauen und sturzbetrunkene Männer ist. Beefeater Gin und Zigarillos sind die Tröster der beiden einsamen alten Frauen. Und das Fernsehen. „What do you write?“, fragen sie gierig ihren jungen Mieter, als er sagt, er sei Autor. „Ah, Television!!!“ Fernsehen macht sie lüstern und lebendig. Und Musik. Olaf begleitet seine Tante manchmal am Piano, wenn sie mit ihrer dunklen, versoffenen Altstimme einen müden, von der Liebe und dem Leben enttäuschten Tingeltangelwalzer singt. Überhaupt hat der Regisseur seinem Film stimmungsvolle Musik ausgesucht, verschroben, geräuschvoll, klimpernd, klirrend, gurgelnd, fetzig und kaputt. (Mit der Frau, die unter mir wohnte, hörte ich manchmal deutsche Schlager, wenn sie mich zum Trinken einlud, und es war sehr… suggestiv. Ich fürchtete ein bisschen um mein Seelenheil in ihrer Wohnung, weil sie mich so aufsaugte. Ich hätte meine Nachbarin werden können. Oder ihre und ihres Mannes verdrogte Sexsklavin.) Ja, das ist die dunkle Seite Dänemarks, ein morbideres Andersenmärchen, mit gespenstischem Spielzeug. Der Regisseur weiß um die intensive, sinnliche, ungute Magie kitschiger, schmutziger und grausamer Dinge. Was geschieht, ist genau das, was man in den erleuchteten Wohnungen vermutet, wenn man mit dem Zug nachts an schäbigen Hinterhäusern vorbeifährt. So ruchlos und verrückt. Wenn ich das im Kino sähe, 35mm oder so, würde ich vielleicht den ersten Filmorgasmus meines Lebens kriegen.

Sehr gerne sähe ich auch mehr vom Schwanz des bösen Kunden, bei der ausnehmend schönen Sexszene auf dem Dachboden, ich hätte es gern expliziter, wenn das gefangene Mädchen ihn bläst. Ich hab gehört, der Film hat im Original auch Pornoszenen, aber meine Version hat keine. Schade. Ich möchte ja gerne etwas tun gegen meinen traurigen Eindruck, Filmsex, wie ich ihn mag, sähe man nur in alten Schwulenpornos. Man redet ja schon über mich. Was ich natürlich selbst schuld bin, weil ich immer wieder davon anfange.

In den 60er/70er Jahren wohnte meine Freundin in einem Dachbodenzimmer. Ihr schon pubertierender, sinistrer Bruder ängstigte uns mit geheimnistuerischen Andeutungen über Franz Kafka und Edgar Allan Poe und hatte „Schwierigkeiten mit seinem Körper“ – so meine Mama, als ich sie fragte, warum er sich so komisch verhalte und wir ein bisschen vorsichtig sein sollten. Im Zimmer meiner Freundin waren einige der Spielsachen wie im SINFUL DWARF. Die „Flamme“, dieses vollsynthetische Plüschding mit den großen Telleraugen. Das aufziehbare Äffchen mit den Schlagzeugbecken an den Pfötchen. Kollege Andreas Poletz erzählte, er hatte so eine Spielzeugbahn, und Kollege Eckhard Heck hatte auch die „Flamme“, in blasslila.

In diesem Jahr, das nun zum Glück schon fast vergangen ist, war ich in einer Wohnung, an die mich der SINFUL DWARF auch erinnert. Darin wohnte der vierundachtzigjährige Besitzer eines längst geschlossenen Kinos, und die Zeit um ihn war stehen geblieben. Alles in den labyrinthisch geschnittenen Räumen roch durchdringend nach seinen rußenden Öfen, nichts war renoviert worden, er zeigte mir die alten Projektoren und winzige, alte Fotos, auf denen auch verstorbene Verwandte von mir drauf waren, vor dem Kino seiner Eltern, in den 20er, 30er, 40er und 50er Jahren. Und da war etwas, zwischen ihm und mir. Er hatte als junger Mann meine Mutter gern gehabt, als Frau, und fragte nach ihr. Er hatte ein Funkeln im Blick, mit dem er vielleicht auch meine Mutter angesehen hat. Vielschichtig verwirrend, es war ein schönes Funkeln.

Dværgen / Das Haus der verlorenen Mädchen. Dänemark, 1973. Regie: Vidal Raski

Und hier der Text von jemandem, der alles ganz genau so sah wie ich – aber es völlig anders bewertete :-)


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Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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5 Kommentare zu "The Sinful Dwarf"

  1. Manfred Polak 5. Dezember 2012 um 00:23 · Antworten

    Hießen die Plüschdinger tatsächlich “Flamme”? Ich kann mich an keinen Namen dafür erinnern. Aber sie rufen die Erinnerung an eine Szene aus der Muppet Show wach: ungefähr 8 bis 12 (in letzterem Fall wäre es Zwölftonmusik :) dieser oder ähnlicher Dinger liegen in einer Reihe auf einem Tisch. Und dann spielt einer der Muppets (vielleicht Crazy Harry, aber ich kann mich nicht mehr genau erinnern) eine Melodie, indem er mit einem Hammer auf die Dinger haut und diese vor Schmerz quieken, wobei sie in der Reihenfolge einer Tonleiter angeordnet sind. Der Affe mit den Becken wurde dagegen für mich von der Duracell-Werbung absorbiert, er ist also inzwischen sowas wie ein Affenzombie.

    Der letzte Absatz ließ mich dagegen sofort an IM LAUF DER ZEIT denken – diese alten Kinos mit ihren alten Betreibern, und auch die alte Druckerei von Hanns Zischlers Vater. Vom Film, um den es eigentlich geht, hab ich dagegen noch nichts gehört, aber ich glaube, der ist auch nichts für mich.

    • Silvia Szymanski 11. Dezember 2012 um 16:35 ·

      Tja, so entsteht Musik, aus purem Schmerz ;-) Was den Namen „Flamme“ betrifft, so hab ich damals meinen Freundinnen vertraut, die selbstsicherer als ich die Dinge in der Welt beurteilten und benannten. Aber vielleicht haben sie nur geblufft. Die Duracellwerbung hab ich zum Glück nur mal flüchtig gesehen; mein Äffchen ist also noch meins. Aber unendlich lange her ist das alles. Es kommt mir unwahrscheinlich vor, dass ich es erlebt haben soll.

  2. Chris 4. Dezember 2012 um 23:10 · Antworten

    Als erstes muss ich mich als jener junge Mann outen, der das gleiche sah wie du, aber es völlig anders bewertete (und nun einigermaßen entsetzt darüber ist, dass sich sein vor einigen Jahren spontan nach dem Film entstandener Text heuer wie der heilige Zorn eines verklemmten Spießbürgers liest…), als zweites als einer eurer Stammleser, aber last but not least möchte ich dir zu deinen wirklich interessanten und lesenswerten Gedanken zu dem Film gratulieren. Ein toller Text und ein Ansporn vielleicht doch noch mal ein Auge in Olafs Speicher zu werfen… : )

    • Silvia Szymanski 12. Dezember 2012 um 15:29 ·

      Das werde ich auch bald wieder tun, in Olafs Speicher gucken, sobald ich die Hardcorefassung habe. Und, jaaa, wem sagst du das, man wächst und gedeiht; auch ich war 2009 noch ein völlig anderer Mensch… ich freue mich, dass du meinen Text gut findest. Und ich habe mir geschworen, bald auch viel öfter bei filmtipps.at hereinzuschauen. Es ist mir schon öfter aufgefallen, dass wir wohl einiges gemeinsam haben :-)

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