Wielandstraße 20, 3.OG links

Von  //  24. Oktober 2012  //  Tagged: ,  //  Keine Kommentare

Wielandstrasse

Wielandstraße 20, 3.OG links beginnt mit einer Einstellung, die den Blick aus einem Fenster zeigt. Draußen ist es diesig. Das Licht, das durch die Scheiben dringt ist schmutzig und kraftlos. In der nächsten Einstellung bereitet sich ein schwules Paar im Badezimmer auf den gemeinsamen Sex vor. Beide sind nackt und nur als Silhouetten erkennbar. Einer sitzt auf dem Rand der Badewanne, die er wie ein Bidet benutzt, der andere, weiter hinten im Bild, rasiert sich die Schamhaare. Dann kommt der Titel (macht Soldat öfter so). Dann eine Bettszene. Flüstern. Harte Bildschnitte. Fellatio. Lecken. Anwichsen. Nun sieht man auch die Gesichter, die mehr von der körperlichen Anstrengung als von der Lust gerötet sind. Es folgen einige Tableaus, die verschiedene Ecken der Wohnung zeigen. Das Licht ist immer noch trübe. Es wird wohl ein Wintertag sein. Die Wohnung wirkt nicht sehr einladend. Die beiden Männer sind nicht mehr nackt. Sie sitzen im Wohnzimmer. Man sieht den Altersunterschied. Sie könnten Vater und Sohn sein. Auf dem Tisch steht eine Adventskranz. Es muss so um den ersten Advent herum sein. An solchen Tagen kann einem die Zeit verdammt lang werden. Jetzt ein ausgedehnter Spaziergang. Mal raus aus dem Mief. Das wäre eigentlich eine gute Idee. Ich persönlich würde es hier keine zwei Minuten mehr aushalten. Aber man hält ja manchmal viel mehr aus, als einem lieb ist.

Wie schon in rein/raus (2010), meinem Lieblingsfilm von Jan Soldat, geht es auch in Wielandstraße 20, 3.OG links ziemlich unromantisch zu. Die Mechanik der Befriedigung ist erprobt und wird von der Kamera kühl beobachtet. Und es sind das Gewöhnliche (im Sinne von alltäglich) und die Gewohnheit, die trotz der kurzen Einstellungen etwas Lähmendes haben. Wie bereits zu rein/raus angemerkt, hat die Routine auch immer etwas von Verlässlichkeit und wirkt deshalb durchaus beruhigend. Zumindest auf mich. Aber der Schleier der Melancholie, der über Wielandstraße 20, 3.OG links liegt, ist viel präsenter als in rein/raus. Im Winter schaue ich mir den Film deshalb nicht an. No way. Ich bin sowieso winterdepressionsgefährdet.

Der Film hat auf dem 7. Pornfilmfestival Berlin Premiere und läuft dort in der Kurzfilmreihe Lesbian + Gay Porn

Wielandstraße 20, 3.OG links. Kurzfilm, 3 min., Deutschland 2012, Regie: Jan Soldat


Über den Autor

Eckhard Heck besitzt eine der umfangreichsten Baustellen-Sammlungen Nordrhein-Westfalens. Unter anderem ist er Autor, Musiker, Maler, Fotograf und Glaubensberater.

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