Nackt und kess am Königssee

Von  //  29. Oktober 2012  //  Tagged: , , ,  //  5 Kommentare

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Wenn einem schlecht ist… haben das meine Leser auch, dass ihnen von einem Gedanken, einem Wort, einem Bild dann jäh noch schlechter werden kann? Dass diese Dinge groß und vereinnahmend werden, sich einem auf die Brust setzen, einen reiten wollen? Das kann einem auch bei diesem Film von Jürgen Enz passieren. Man merkt es zunächst vielleicht nicht klar, dass sich, wenn man nicht ganz fit ist, ein lebendiges Unbehagen von ihm ausbreitet. Man guckt weiter, weil es schließlich „nur ein Film“ ist und wir als Kinder gelernt haben, uns mit diesem elterlichen Satz über das Grauen während der Übertragung von Bildern und Gedanken auf uns beruhigen zu lassen. Und dann ist es geschehen.

Es beginnt mit dem Fanal einer trüben, klagenden Synthi-Fanfare, die eine Folkloremelodie zitiert und deren Nebelhorntuten Menschenseelen zusammenfalten und Blüten welken lassen könnte. Dann spricht eine routiniert gemütliche Erzählerstimme grammatisch richtige Sätze. Doch diese Sätze, sie sind tot und leer, Sprachspreu, Stellvertreter von Ideen, wie der Film überhaupt wie der Platzhalter eines anderen Filmes wirkt, der er gerne gewesen wäre oder zu sein hofft. Mit schwungvoller Inronie setzt er sich über die eigene Leere hinweg und wirft sich einem an den Hals wie ein enthusiastischer Idiot. Was nicht schlimm sein muss.

Nackt und kess am Königssee 1„Oberbayern ist, ohne dass seine Einwohner etwas dazu beigetragen hätten, eine der schönsten Gegenden Deutschlands“ ist sogar ein recht sinnvoller, wohlwollend spöttischer Satz. Auf ihn hin tritt das hübsche „Mündel Marein“ auf hohen Plateauschuhen gleichsam aus der Kuckucksuhr und jodelt munter wie ein aufgezogener, blecherner Spielzeugvogel. Die Glocken läuten, man sieht Zenzi, die Magd, aus der Kirche kommen, sie will bumsen, eh, beichten, wie sie neckisch sagt.

Enz, oh Enz, was machst du wieder. Was andere wegwerfen würden, daraus machst du einen Film. Dialoge ohne Witz und Ziel, die keine Pointe bilden, nichts sagen, nichts vorantreiben. Aber ist das schlimm? Hitchcock, zu Francois Truffaut: „Der Dialog darf nicht mehr sein als ein Geräusch unter anderem, ein Geräusch, das aus den Mündern der Personen kommt, deren Handlungen und Blicke eine visuelle Geschichte erzählen.“ Und schaut die Bilder an. Immer wieder finde ich sie besser als ich den Film in Erinnerung hatte.
Eine dehydrierte, aus Konservierungsstoffen und künstlichen Aromen zusammengerührte Butterfahrtmucke. Ein Tambourin, das so klingt wie die Hüftstöße der Männer in dem Film aussehen. Ein schnell zusammengewixtes Voice Over, um die Szenen zu verbinden und die müde Geschichte weiter zu tragen. Aber sie fällt immer wieder hin, macht nichts, sie hat ja nicht viel Schwung und kurze Beine, sie ist wie ein Kind mit blutig aufgeschrammten Knien oder jemand, der zu lang in einem Heim vegetiert hat; sie lässt alle und alles stolpern und in Gruben plumpsen und betrunken einschlafen.

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Übrigens werden in dieser von mir gesichteten Version die gewohnten weißen Enz-Unterhöschen ausgezogen, es ist die Hardcoreporno-Fassung, mit angestrengtem, schnörkellos und lustlos praktiziertem Sex. Aber ein Zug kommt vor! (Als Pawlowscher Hund begrüße ich Züge in Filmen unwillkürlich.) Ein Schotte sitzt darin, er trägt einen Rock, ein „Dirndl“, wie es die gestandenen Männer im Dorf später nennen werden. Da er „nur ein Ei hat“, ist er auf der Suche nach einem Potenzkräutlein, das in Bayern auf den Wiesen wachsen soll. Dass er im Gasthaus dem Stammtisch Bier ausgeben muss, tut dem Schotten in seinem sprichwörtlichen Geiz natürlich weh. Es gibt eine Schlägerei und einen Catfight zweier Dirndlkellnerinnen. Es macht sicher Spaß, so was zu filmen, Spaßprügel und Witze wie für Kinder. Sex wie für niemanden.

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Mit sparsamen, zögernden, schlappen, gleich wieder versiegenden Gesten geben die fast reglosen Paare einander zu verstehen, dass ein Weitermachen erwünscht ist und der Sexpartner noch lebt. Oh, die Mühsal Sex, das schwerfällige Bearbeiten der Frau, der automatische Ritt auf dem flachliegenden Mann, die mechanische Dienstfahrt der Zungen über Lippen. Die abgespannten Gesichter schauen sehnsüchtig nach einer unsichtbaren Fabrikuhr. So kann man doch unmöglich kommen, denke ich. Die Frauen krümmen sich ja auch nur zum Schein und versuchen immer wieder, ihre eigenen Brustwarzen zu lecken. Aber die Männer müssen es forcieren. Wenn der Samen aus den Schwänzen kommt, wird er wie Fett beim Kuchenbacken verschmiert, auf Bäuchen und auf Hinterbacken, im gnadenlosen Licht. Lange schaut die Kamera dort hin.

Hecken und Zäune fallen mir vermehrt in deutschen Filmen auf. So ist in Enz’ LIEBESTOLLEM INTERNAT eine Hecke wichtig, hinter der die Jungs und Mädchen bumsen können. Und hier, im KÖNIGSSEE, schleicht nachts sturzbetrunken unser Schotte an den Zäunen lang, schelmisch beobachtet von einer Einheimischen, die sich dahinter versteckt. Dann steht die Kamera lange mit ihm bei der Rathausmauer. In episodischer Reihung schleichen sich verschiedene Dorfmenschen vom Rand ins Bild, um den Schotten zurück ins Wirtshaus zu locken. Trunken herumkriechenden Geschöpfe in der wetterleuchtenden Nacht, durch deren Geistesferne einsam ein Hund bellt: Tief prägt sich das ein.

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Zum Schluss ein Wiesenhang, auf dem die Dorfgemeinschaft lange das Potenzkraut sucht. „Doch die, die wirklich lieben, haben es noch nie gebraucht“: Mit diesen Worten entlässt uns der Erzähleronkel aus dem bösen Traum.

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Das Nürnberger Hofbauer-Kommando traf bereits am 18.9.2012 auf den Film. Christoph/Eskalierende Träume skizziert benommen seine Gefühle in seinem nächtigen Sehtagebuch.

BRD 1980, Regie: Jürgen Enz

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Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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5 Kommentare zu "Nackt und kess am Königssee"

  1. Silvia Szymanski 6. November 2012 um 17:33 · Antworten

    Stimmt, Ariadne und Arachne. Handarbeitende Frauen haben etwas Seltsames an sich, auch in Märchen und Filmen, behaglich und unbehaglich. Bei Enz raubt unser Schotte der Frau im Vorbeilaufen das Wollknäuel aus dem Handarbeitskorb. Ohne Grund, hab ich jetzt nachgesehen. Er sagt nur: Ah, schöne Wolle! Und stürmt weiter mit dem roten Faden bis zum finalen Wiesenhang. Der Film ist über weite Strecken scheußlich. Und doch, und doch. :-)

  2. Manfred Polak 31. Oktober 2012 um 21:14 · Antworten

    Beim Faden könnte man natürlich an Ariadne denken, die damit ihrem Helden den Weg aus dem Labyrinth weist. Oder an Arachne, die schon mal für ihr zukünftiges Dasein als Spinne übt.

  3. Silvia Szymanski 31. Oktober 2012 um 08:58 · Antworten

    Das ist eine interessante Idee, Manfred. Plötzlich geht mir auf, was für mythologische Gestalten Gastwirte überhaupt sind; sie scheinen alle, wie Siduri, dem Sinnsuchenden zu sagen: „Wohin eilst du? Das Leben, das du suchst, wirst du nicht finden. Setz dich, iss was, trink was und hab Spaß, das allein ist die Aufgabe des Menschen.“ Das ist es auch, was die Dörfler vom Königssee dem Schotten zu sagen versuchen, wenn sie ihn immer wieder zu sich ins Wirtshaus zurücklocken wollen. Jetzt wüsste ich noch gerne, was die rothaarige Frau auf den Fotos oben zu bedeuten hat, die dösend vor ihrem Haus auf der Bank sitzt, und deren roter Mohairpulli abgeribbelt wird. Sie hat sonst keine Rolle in dem Film, nur diese stumme Szene. Ich ahne vage, das hat mit Schicksal zu tun. Und einem Märchen, in dem sie vielleicht eine Hexe ist. Oder ist sie eine antike Sagengestalt? Ich muss gestehen, dass ich vergessen habe, wer eigentlich diesen roten Faden von ihr wegzieht und warum. Das muss ich unbedingt noch einmal nachgucken.

    Ja, die forcierte Enzsche Fröhlichkeit in diesem Film war nicht leicht durchzustehen für mich, Christoph. Aber ich hatte auch nichts Ernsteres und Trüberes mehr von ihm zu gucken. Ich müsste mich dringend um Nachschub kümmern. Das einzige, was ich noch hier habe, ist WO DER WILDBACH DURCH DAS HÖSCHEN RAUSCHT, und das scheint auch wieder so fidel und alpentrachtensexuell zu sein; ich hab gerade noch mal reingeschaut. Allerdings fielen mir auch da plötzlich lauter märchenhaft-mythologische Motive auf; da hat mich Manfred mit seinem Gilgamesch-Hinweis wirklich auf etwas gebracht. :D

  4. Christoph 31. Oktober 2012 um 05:32 · Antworten

    Und die Büchse der Pandora schüttet sich weiter aus! Man merkt, der Text ist dir ebenso schwergefallen, wie den Film zuende zu sehen. Aber tröste dich, es kommen auch wieder trübere Enz-Gezeiten.

  5. Manfred Polak 29. Oktober 2012 um 23:55 · Antworten

    Zum Schluss ein Wiesenhang, auf dem die Dorfgemeinschaft lange das Potenzkraut sucht. „Doch die, die wirklich lieben, haben es noch nie gebraucht“: Mit diesen Worten entlässt uns der Erzähleronkel aus dem bösen Traum.

    Da Enz, wie Du neulich enthüllt hast, ein gebildeter Feingeist war oder ist, kann es sich eigentlich nur um eine allegorische Neuinterpretation des Gilgamesch-Epos handeln. Der Schotte ist natürlich Gilgamesch, der die Pflanze des Lebens sucht, und der Erzähler-Onkel ist in Wirklichkeit Tante Siduri!

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