Maniac (2012)

Von  //  1. Oktober 2012  //  Tagged: , , ,  //  1 Kommentar

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Dem puren Grauen, da wo es am schmierigsten, am ausweglosesten ist ins Gesicht zu sehen, ist für jeden Menschen, also jedes Wesen mit Mitgefühl unzweifelhaft verdammt hart. Wie, stelle man sich jetzt mal vor, wäre das aber erst, würde einen nun ein Film mit ganzer Härte dazu zwingen direkt aus einem solchen Gesicht heraus zu sehen? Nein, schlimmer noch, einen zwingen dabei dann auch noch in den Spiegel zu sehen.

Ein Film also, der uns, frei nach David Claims, auf die Seite der Skorpione zwingt. Der voller rasiermesserscharfer Stacheln und Klingen ist, die sogleich damit beginnen, uns förmlich die Haut abzuziehen und eine neue, enganliegendere überzustülpen. Verdammt, was Frank Khalfoun unter Mithilfe von Alexandre Aja hier wahrlich in jeglicher Form grenzüberschreitend auf die Leinwand gebracht hat, ist ein derartiges Monster von einem Film, ein derartiges Raubtier, wie es das Kino in dieser Form zuvor so noch nicht gesehen hat.

Ich sah ihn beim Festival Europeen Du Film Fantastique De Strasbourg im dem Kino ja immer noch mit offenem Herzen gegenüber stehenden Frankreich, und selbst dort wurde er mit raunend, mahnenden Worten kurz vor dem Beginn der Vorstellung von einem Festivalsprecher eingeführt und sorgte dann tatsächlich auch für mitunter heftigste Reaktionen im bis auf den letzten Platz hin ausverkauftem Saal. So beschimpfte eine Zuschauerin anschließend lauthals ihre Freundin, sie könne ihr das nie verzeihen, dass sie sie zu so einem „perversen Film“ überredet habe. Einen Film, den sie nun nie wieder aus ihrem Gedächtnis bekommen könnte. Sie hätte ja mit einem Horrorfilm gerechnet, aber mit keinem Film, der offenbar für Serienkiller selbst gemacht wäre.

Man mag sich da gar nicht ausmalen, auf welches Echo MANIAC erst hier in Deutschland stoßen wird. Gelingt es ihm denn überhaupt, die staatlichen Kontrollbehörden zu überwinden und tatsächlich, wie angekündigt, Weihnachten in die Kinos zu kommen.

Okay, heute ist nicht 1960. Elijah Wood nicht Karlheinz Böhm. MANIAC nicht PEEPING TOM. Schauspieler dürfen heute ja alles. Und sei es sich nach TRANSFORMERS mit einem Sex-Tape bei Lars von Trier bewerben. Aber auch wahr ist, keiner der diesem MANIAC zusah, da mal dringesteckt ist, wird anschließend jemals wieder einen unschuldigen Blick auf HERR DER RINGE werfen können. Wird diese großen, aufgerissenen, schier aus dem Kopf quellenden Augen vergessen können, mit denen er hier einen immer wieder spiegelnd direkt ansieht.

Brian De Palma hat es kürzlich anlässlich seines neuen Films PASSION noch einmal auf den Punkt gebracht, die subjektive Kamera, dieses den Zuschauer ganz in einen bewegenden Blick hineinzwingen, die gehört ganz dem Kino. Die gibt es so nur hier. Sie ist Kino in seiner kunstvollsten, elementarsten Form. Und selten, muss man da zweifellos feststellen, hat man sie  kunstvoller und einfühlsamer umgesetzt gesehen, wie in Franck Khalfouns MANIAC.

Diese unmittelbare, den hoffnungslosen Schmerz suchende Inszenierung, sein letztlich ungeheuer differenziertes, aber eben auch furchtbar tiefes, kein Weggucken kennendes Hineinfühlen, wird ihm wohl letztlich genau deswegen vorgehalten werden. Weil nicht sein darf, was zu grenzüberschreitend berührt. Zu sehr weh tut. Was keinen Ausweg zuzulassen scheint und dann, schlimmer noch, öffnet sich auch noch einmal kurz die Perspektive, verlässt die Kamera für einen kurzen Moment den Kopf des MANIAC und tut das nur, um den Zuschauer noch einmal ungleich brutaler mit seinem Voyeurismus zu konfrontieren, ihn jetzt erst recht vorzuführen.

MANIAC wagt das tatsächlich. Zwingt den Zuschauer, alles ganz aus den Augen seines manischen Killers heraus zu erleben. Zwingt ihn ganz rein, umhüllt ihn eng mit dessen bleicher, schwitzender Haut. Lässt ihn seinen gierigen Blick auf vorbei schlendernde Frauenkörper teilen, sein Abschätzen, sein Ausharren, nur auf den Moment zuschlagen zu können, ausharren.

Letztlich sehr viel deutlicher noch, als es Michael Haneke mit seinen beiden FUNNY GAMES vermochte, gelingt es diesem Film nicht nur einen beinahe ganz zu vereinnahmen, sondern gleichzeitig einem dieses vereinnahmt werden vorzuhalten und er geht noch weiter. Die Hand, einmal gepackt, wird nicht mehr losgelassen. MANIAC (und darin ähnelt er vielleicht dem anderen großen Genre-Endpunkt MARTYRS) nimmt Dich mit an all die Orte, die in der bunten Fun-Splatterwelt so gerne ausgeblendet oder überspielt werden. Drückt einem das Gesicht in eine kaum erkaltete Lache Erbrochenes.

MANIAC sehen, mit den Augen des MANIAC sehen, das heißt, in gefühlter Ewigkeit gefangen zu sein, die Angst, die Verzweiflung in den Gesichtern seiner zahlreichen Opfer zu sehen. Das Messer in die Hand gedrückt zu bekommen, mit festem unbarmherzigem Griff die Klinge geführt zu bekommen. Haarklein zu sehen, was diese scharfe Klinge anrichtet. Den ungefilterten Schmerz der Opfer zu sehen. Das unfassbare Grauen, wenn er sie bei lebendigem Leibe skalpiert.

Ohne Übertreibung lässt sich da sagen, dieser MANIAC, dieses unfassbare Remake, bei dem man seinen Augen kaum trauen kann, dass es überhaupt existiert, ist mit großem Abstand der intensivste, wirklich gar keine Rücksicht mehr auf irgend etwas nehmende Film, den ich je sah. Ein einzige physische Wucht. Ein in jeglicher Hinsicht gefährlicher Film. Ein unverblümter Blick in den Abgrund. Seine gleichzeitige Bilderpracht, sein verdammt große Inszenierung, die hier noch deutlicher die Handschrift eines großen Meisters zeigt, wie es der architektonisch gleichfalls schon höchst spannende P2, das Regie-Debüt von Franck Khalfoun, bestenfalls nur erahnen ließ, all das knallt einem da mit einer Wucht gegen den Kopf, dass man beinahe meint, anschließend mit brutalst möglicher, offen gelegter Schädeldecke in das Dunkel der französischen Nacht ausgespuckt zu werden. Zu taumeln. Wow.

Frankreich, USA 2012, Regie: Franck Khalfoun


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Über den Autor

SEBASTIAN SELIG lebt im Kino und schreibt darüber in so bunten Magazinen wie Hard Sensations, NEGATIV oder der Deadline. Im vergangenen Jahr hat ihn seine unermüdliche Begeisterung für das Kino dazu getrieben, einen Kinostart von "Under the Skin" im deutschen Sprachraum durchzukämpfen.

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