Devil Story

Von  //  31. Oktober 2012  //  Tagged: , , ,  //  Keine Kommentare

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Damen und Herren, macht Ihnen Ihr Gehirn Ärger? Plagt Sie die Ratio? Leiden Sie unter Gedanken, Erwägungen, Geschmack? Dagegen gibt es Devil Story! Der Film, um den die Irren bei Vollmond tanzen! Der Film, gegen den Piratenmassaker kohärent aussieht! Der Film, der den Kopf tötet.

„Du weißt genau, was für eine lange Liste es ergeben würde, wenn wir sämtliche unerklärlichen Katastrophen niederschreiben würden, die unsere Gegend kurz vor, während oder nach dem Equinox heimgesucht haben.“

Nach Ogroff (1983) ist dies Frankreichs zweiter komplett abseitiger Versuch, harten Horror zu machen. Wo aber Ogroff einfach ein delirisches Super 8-Home Movie war, wie man es aus deutschen Landen kennt, wurde Devil Story professionell in Breitwand gedreht (was man freilich nur auf der französischen DVD erkennen kann, nicht bei den von alten VHS-Tapes gezogenen Youtube-Varianten), denn erklärte Absicht der Hersteller war es, den US-Markt zu erobern. Und in der Tat: Der Film wurde in Cannes angeboten und hat es tatsächlich u.a. in die USA, nach Deutschland, Griechenland und Japan geschafft.

Womit nun will Autor/Regisseur Bernard Launois die Welt erschüttern? Nun, zunächst einmal mit einem im Vorspann als „monstre“ bezeichneten Verunstalteten, der aus unerfindlichen Gründen eine SS-Uniformjacke trägt und mit mehr Enthusiasmus als Geschick – gleich zu Beginn verfängt sich sein Fuß in einem Zelt –  die Normandie unsicher macht. (Sein drittes Opfer, das mit dem Schnurrbärtchen, ist übrigens Launois in Person.)

 

Ein Pärchen, das dem Autokennzeichen zufolge aus Florida kommt, kehrt, nachdem die Heldin von einer schwarzen Katze zu Tode erschreckt wurde („Lass mich in Ruhe, du Idiot! Ich sterbe!“), im Palais Bénédictine in Fecamp – 1882 als Firmensitz des gleichnamigen Kräuterlikörs erbaut – ein. Dort wohnt freilich nur ein alter Bauer mit seiner Frau, die vergeblich versuchen, etwas Exposition zu liefern. (Im Netz findet sich ein Diagramm, das mit mäßigem Erfolg versucht, die Versatzstücke der Geschichte miteinander zu verbinden – neben den bereits genannten Faktoren u.a. ein Doppelgängermotiv, ein schwarzes Pferd, ein vor Jahrhunderten herbeigeführtes stock footage-Schiffsunglück und eine Mumie nebst ihrer Gefährtin. Echte Enthusiasten werden aber ihre eigene Mythologie errichten.)

Es ergibt sich indes, dass die Heldin aussieht wie des Monsters eben verstorbene Schwester, weshalb man sie natürlich lebendig begraben will, was aber nicht klappt. Die Heldin flieht den ganzen Film über, und das schwarze Pferd nervt alle Beteiligten.

„Da ist wieder dieses schreckliche Pferd. Ein bösartiger Satan! Bist du nicht manns genug, ihn endlich zu erschießen?“

Ja, das schwarze Pferd. Es symbolisiert irgendwas, da bin ich sicher. Es läuft in unglaubwürdig geschnittenen und ins Delirische ausgewalzten Szenen um die Leute herum, dabei immer wieder das selbe Wiehern ausstoßend, bis sich der alte Bauer aufmacht, es zu erlegen, und der Film beschließt, fortan auf die Gesetze von Raum und Zeit zu husten und so zu seinem metaphysischen Kern vorzudringen: Der Bauer steht buchstäblich Tag und Nacht auf einer Wiese und schießt in einer unendlichen Reihe von Schnitten und Gegenschnitten vergeblich auf das ihn unermüdlich umkreisende Pferd, das irgendwas symbolisiert, bis er die ganze Nato-Munition Frankreichs verballert hat, was wohl auch irgendwas symbolisiert, worüber wir aber nicht nachdenken können, weil wir irre kichernd vor dem Bildschirm knien und Launois Brandopfer darbringen. (Einmal, ein einziges kostbares Mal passiert es ihm tatsächlich, Bauer und Pferd in der selben Einstellung zu zeigen, aber da schießt der Bauer akkurat in die genau entgegengesetzte Richtung.)

 

Zur gleichen Zeit aber ist die Mumie aus ihrem an einer Felswand lehnenden Sarkophag auferstanden, von dem freilich nur der Deckel existiert (das ist fast Margritte – die Holzkiste im Hintergrund hat mit dem Sarkophag nichts zu tun). Mit ihr in Verbindung steht eine Dame mit Ägyptenperücke, die irgendwie eine Doppelgängerin der Heldin ist, welche – wir erinnern uns – wiederum eine Doppelgängerin der nie zu sehenden Schwester des Monsters ist, was aber auch egal ist: Die Heldin flieht einfach weiter und gerät irgendwann an den Bauern, der noch immer vergeblich auf das Pferd ballert – man kennt das Gefühl: Wir müssen uns Sisyphos als einen französischen Bauern denken – und seinen Gesichtsausdruck erst ändert, als ein vor Jahrhunderten gegen die Felswand gefahrenes Segelschiffmodell wieder auftaucht. Da freut er sich („Mein Gott, dass ich das noch erleben darf! (…) Herr im Himmel, das viele Geld!“), aber es kommt natürlich alles anders. Ganz anders.

Es gibt vermutlich mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, aber Launois ist sparsam und begnügt sich mit wenigen. Die reichen aber auch völlig aus, uns kognitive Dissonanzen zu bescheren, dass es donnert (was im Film gern unter einem Zwischenschnitt zu blauem Himmel geschieht). Es wird nie ganz klar, wieso es ZWEI tierische Vertreter des Bösen gibt, was das Monster – dessen Mutter wohl eine Zigeunerin sein soll – mit der SS zu tun hat, warum die Mumie (warum überhaupt eine Mumie?) mit ihrem Mädel bei hellem Tag durch die grünen Auen der Normandie stapft, was Launois geraucht hat und wieso Leute, wiewohl es Devil Story gibt, David Lynch preisen. Ein Film aber, der einen Huftritt ins Gesicht einer Figur einfach dadurch realisiert, dass man dem Darsteller einen Teil der Latexmaske vom Gesicht baumeln lässt, verdient, dass wir uns allesamt mit Gewehren in die Wiesen stellen und beständig neben Pferde ballern.

 

Il était une fois le diable – Devil Story (Bernard Launois, Frankreich 1985)


Über den Autor

Andreas Poletz (1185 bis 1231), aus Chorazin gebürtig, beschrieb seine Seele als »einen schrecklichen Sturm, umhüllt von ewiger Nacht«, und behauptete, dass er aus Verzweiflung begann, seine Hände und Arme zu zerfleischen und mit den Zähnen bis auf die Knochen zu zernagen (incipit manus et bracchia dilacerare et cum dentibus corrodere useque ad ossa). Ist aber nicht wahr.

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