Daniel Kulle: Ed Wood – Trash und Ironie

Von  //  14. Oktober 2012  //  Tagged: ,  //  Keine Kommentare

bride of the monster

Es gibt wohl kaum einen Begriff, der in den letzten Jahren so überstrapaziert wurde wie „Trash“ und so ist es eine Freude, daß dieses Buch sich erst einmal die Zeit nimmt, dessen Entstehung und zahlreiche Auslegungen erst einmal ausführlich darzustellen. Ja, es handelt sich hier um ein wissenschaftliches Buch, das als Dissertation eingereicht wurde und es sollte jedem Käufer klar sein, hier weder eine Biographie noch eine Anekdotensammlung zu erwerben – eine von mehreren Offensichtlichkeiten, die besonders Amazon-Rezensenten gerne immer wieder entgehen. Letztere sind dann auch eine von mehreren Gruppen, die für eine stetige Verwässerung des Begriffs gesorgt haben – für manche Leute ist heutzutage alles Trash, was nicht eindeutig Arthouse oder Oscar-Kandidat ist, sei es eine millionenschwere Hollywood-Produktion mit dümmlichen Drehbuch oder jeder beliebige Genrefilm. Nebenher entstand das Surrogat des „gewollten“ Trashfilms, dessen Vertreter zumeist nur Bauchschmerzen verursachen.

Daniel Kulle benutzt den Trashfilm-Begriff glücklicherweise in seiner ursprünglichen Bedeutung (eine Low Budget-Produktion, die ihren Ansprüchen nicht ganz gerecht wird) und liefert nach der Begriffsklärung einen solide recherchierten historischen Abriss, wie es überhaupt zu der Entstehung von Low Budget-Filmen kam – die einen kostengünstige B-Pictures der großen Studios, die anderen mit noch geringerem Budget hergestellte Filme von kleinen Produktionsfirmen, die einfach das umsetzten, was die Majors sich nicht trauten. Dieses Prinzip trifft auch auf die Filme Ed Woods zu – es wurden bekannte Elemente einstiger Filmhits kopiert, einerseits mit expliziteren Darstellungen verknüpft, andererseits etwas unbeholfener inszeniert. Aus dieser Melange entstanden aber Werke, die nachhaltiger und unterhaltsamer sind als zeitgleich entstandene, längst vergessene „Qualitätsfilme“, die nach den üblichen Regeln vorgingen.

Für den fortgeschrittenen Trashfilm-Aficionado bietet das Buch zwar keine neuen Erkenntnisse, aber diese Spezies gehört wohl auch zu einer Minderheit. Als wissenschaftliche Arbeit ist es äußerst fundiert, hat sämtliche relevanten Quellen abgegrast und alles richtig gemacht: Ein solides Fundament für die deutschsprachige Trashfilm-Forschung, der man nur in einigen Details widersprechen möchte – so wird z.B. der große Stilist Mario Bava mehrfach in einen Trash-Kontext gesetzt, in den er definitiv nicht reingehört. Auch wäre ein Hinweis wünschenswert gewesen (möglicherweise für diese erste deutschsprachige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen aber zu viel verlangt), daß die in den 80er Jahren etablierte ironische Trash-Rezeption sich in cinephilen Kreisen mittlerweile zu einer deutlichen Aufwertung der einst belächelten Filme gewandelt hat: Denn neben ihrer Defizite haben diese Filme auch ihre Tugenden, die sich mal in eigenwilligen ästhetischen Stilmerkmalen, mal im zuweilen improvisierten Aufbegehren gegen ausgelutschte Strukturen manifestierte: Im Vergleich zu vielen der heutigen seelenlosen Blockbuster, die aus einer Marketing-Analyse des entsprechenden Zielpublikums zusammengeschneidert werden und zur Hälfte aus dem Computer kommen, ist diese Art von Kino auf jeden Fall sympathischer und charmanter. Und wenn Tor Johnson nicht durch die Papptür passt und das ganze Set wackelt, macht es das alles nur noch menschlicher und liebenswürdiger.


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Über den Autor

Alex Klotz ist ein Zelluloid atmendes Wesen und betreibt den Blog hypnosemaschinen. Alex Klotz hat nie als Tellerwäscher, Aushilfsfahrer oder Kartenabreisser gearbeitet und gedenkt das auch in Zukunft nicht zu tun.

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