Universal Soldier: Day of Reckoning

Universal Soldier: Day of Reckoning

Ein Vater (Scott Adkins) wird mitten in der Nacht von seiner Tochter geweckt. Es seien Monster in der Wohnung, berichtet sie ihm verängstigt, und er, fest an einen Albtraum seiner Tochter glaubend, beginnt fürsorglich die einzelnen Zimmer der Wohnung abzuschreiten und ihr, die im elterlichen Schlafzimmer geblieben ist, Bericht zu erstatten. „Keine Monster im Flur!“ ruft er, nachdem er ein weiteres Zimmer überprüft hat. „Sie sind in der Küche!“, ruft die Tochter. Und tatsächlich: Als der Papa die Küche betritt, stehen drei schwarz gewandete Männer vor ihm, schwer bewaffnet, die Gesichter hinter Skimasken verborgen. Er kommt nicht mehr dazu, etwas zu unternehmen. Ein Brecheisen trifft ihn mit voller Wucht im Gesicht. Auf den am Boden Liegenden wird unerbittlich weiter eingedroschen, doch damit ist sein Martyrium noch nicht zu Ende. Die Verbrecher schleppen seine Frau und seine Tochter ins Zimmer und erschießen sie vor seinen Augen …

So beginnt John Hyams‘ neuester Spielfilm UNIVERSAL SOLDIER: DAY OF RECKONING und macht dem Zuschauer, der via subjektiver Kamera dazu gezwungen wird, das Leid des Protagonisten zu teilen, damit schon in den ersten Minuten unmissverständlich klar, dass hier nichts heilig ist, er sich nicht auf den gefestigten und ausgetretenen Pfaden eines Actionfilm-Sequels bewegt, sondern dass hier etwas Neues auf ihn zukommt, etwas Gefährliches, etwas ohne Beispiel, ohne Vorbild, ein Prototyp eines neuen, formal wie inhaltlich unbarmherzigen, gnadenlosen, niederschmetternden Kinos. Etwas, auf das man sich nicht vorbereiten kann, vor dem man auch vor der Leinwand nicht länger sicher ist. UNIVERSAL SOLDIER: DAY OF RECKONING ist eine zweistündige Lehrstunde in filmischer Brutalität und Zuschauerüberrumpelung, ein monolithischer Brocken, der sich einem in den Weg stellt. Ein Film, der erlitten, erduldet werden will, von entwaffnender Traurigkeit und Verzweiflung, eine Abrechnung mit allem, was der Mensch als genuin menschlich für sich in Anspruch nimmt. Ein Bastard aus Actionfilm, philosophischer Meditation und High Art. Ein Film, der sich niemandem andient, sondern alles will. Kinogeschichte.

Universal Soldier: Day of Reckoning

Schon in Hyams‘ vorigem Beitrag zur UNIVERSAL SOLDIER-Reihe, dem brennend schönen UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION, kamen seine die Genregrenzen sprengenden Ambitionen zum Vorschein, doch blieb der äußere Rahmen eines Actionfilms davon noch weitestgehend unangetastet. Während die ihrer Menschlichkeit beraubten Maschinensoldaten Luc Devereaux (Jean-Claude Van Damme) und Andrew Scott (Dolph Lundgren) versuchten, ein Stück Restidentität aus den Trümmern ihres Erbguts zu bergen, sich in tieftraurigen, erschütternden Szenen der Zwecklosigkeit ihres Vorhabens bewusst wurden und ihr Heil im blutige Fakten schaffenden Amoklauf suchten, flogen um sie herum die Fetzen, tobte ein Krieg, der dem Zuschauer bei aller rohen Physis der Vorgänge – wie seinen (Anti-)Helden – doch auch ein Stück Geborgenheit gab: Wie Devereaux und Scott, die doch nichts anderes gelernt hatten als zu kämpfen und zu töten, fühlte man sich in den ausladenden Shootouts des Films seltsam zu Hause. Wo der Glaube bröckelte, da bot der Film Halt in der Struktur, in Klischees, in bekannten Formen und Versatzstücken.

In UNIVERSAL SOLDIER: DAY OF RECKONING gibt es auch dieses Refugium nicht mehr. Die Lehre, die man aus diesem Film ziehen muss: Dort, wo man sich am geborgensten fühlt, ist man immer auch am verwundbarsten. Man sitzt nackt in diesem Film, wehrlos, unvorbereitet, jungfräulich. Unser sensorischer Apparat ist noch gar nicht auf diese Herausforderung eingestellt. Bislang haben wir nur dem Tanz der Schatten an der Höhlenwand zugesehen, UNIVERSAL SOLDIER: DAY OF RECKONING ist das Sonnenlicht. In Auflösung begriffen sind nicht mehr nur die philosophischen Konstrukte der Identität und der Erinnerung, sondern mit ihnen auch das Gerüste filmischer Narration. Wie gepeinigt von Todesagonie und Geburtswehen wälzt sich der Film spastisch, aber unaufhaltsam voran wie ein Tsunami aus Lava, auf laute, markerschütternd brutale und übergriffige Szenen folgen solche lähmender Ruhe und steinerner Langsamkeit, jeden Eindruck von Kohärenz aufs heftigste störend. Im einen Moment sinniert der Protagonist schweigend über seine Identität, im nächsten drischt er einem Angreifer mit einem Baseballschläger den Schädel vom Hals. Immer wieder sabotiert ein hypnotisches weißes Rauschen den Film, aus dem sich dann der totenkopfähnliche Schädel Devereauxs herausschält, als wolle er Besitz von uns ergreifen. Der dräuend-maschinelle Score untermalt ebenso Bilder abstoßender Gewalt wie auch solche frappierender Banalität und Schmucklosigkeit. Und der Protagonist, dessen Schmerz zu Beginn noch der unsere war, entgleitet uns immer mehr, bis wir am Ende gar nicht mehr verstehen, wen wir da eigentlich vor uns haben. Eine Tatsache, die uns paradoxerweise wieder näher an ihn heranführt, denn diese Ungewissheit teilen wir mit ihm.

Universal Soldier: Day of Reckoning

Bei seiner Aufführung während des Fantasy Filmfest wurde John Hyams‘ Film sehr zwiespältig aufgenommen. In Berlin distanzierte sich die Festivalleitung nach harscher Kritik von ihm, in Köln war der riesige Saal nur mäßig gefüllt. Das auf die Gewaltausbrüche folgende Johlen, das man aus den Screenings von Splatterkomödien kennt, wirkte hier mehr als deplatziert und schien eher dem Bedürfnis geschuldet, das Geschehen auf der Leinwand auf Distanz zu halten, das schneidende Unbehagen, das er ausgelöst hatte, einfach wegzugröhlen. Andererseits formiert sich seit Erscheinen von UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION vor zwei Jahren eine Front intellektuell-cineastischer Begeisterung für Hyams, die mit diesem Film noch einmal neue Ausmaße angenommen hat. Diese Euphorie macht skeptisch, aber sie ist neben totalem Unverständnis und mitleidloser Ablehnung tatsächlich die einzig mögliche Reaktion auf ihn. Hyams hat keinen Genre-, sondern einen Kunstfilm gedreht. Man darf deshalb große, formal bahnbrechende Werke als Beispiele heranziehen, Werke, die hinsichtlich ihrer transgressiven Qualitäten oder ihrer Gewaltdarstellung als verwandt bezeichnet werden dürften. Man könnte Hyams auch als menschlichen Hybrid aus Eric Rohmer, James Cameron, Ruggero Deodato, Stanley Kubrick, David Lynch und Gaspar Noe beschreiben. Aber keiner dieser Vergleiche kann die Wirkung dieses Films auch nur annähernd beschreiben. Er erzeugt gleichermaßen körperlichen wie psychischen Schmerz, stößt ebenso ab wie er anziehend wirkt, ist hässlich und schön zugleich, eisig kalt und flammend heiß, von tiefer, unstillbarer existenzieller Trauer und unauslöschlicher Hoffnung, archaisch und barbarisch, avanciert und hochintelligent, brachial und filigran, stumm und poetisch. Eine Herausforderung, der man sich stellen muss, wenn man wissen will, wie weit Kino gehen kann, ohne etwas gänzlich anderes oder aber unansehbar zu werden. Bis hierhin ist es noch Film, danach beginnt Totall Recall.

USA 2012, John Hyams


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Lebt in Düsseldorf, schaut Filme und schreibt drüber.

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10 Kommentare zu "Universal Soldier: Day of Reckoning"

  1. executor 28. Februar 2013 um 22:09 · Antworten

    Bin zwar nicht der Fan von diesen teils durchaus prätentiös erscheinenden Analogie-Gebilden, hier trifft es aber den Nagel auf den Kopf und passt wie die Faust aufs Auge, um mal zwei passend actionreiche Floskeln zu bemühen.

    Zum Film gibt es nur zu sagen, dass dieser ein richtiges Erlebnis war und in seinem Urzustand in 3D -was deutlicher hätte erwähnt werden können oder eher sollte – sogar noch etwas effektiver daher kommt. Eben jene Situationen vo Van Damme sich, wie hier schön gesagt wurde, aus dem Bild herausschält, sind zwar schon so intensitv, aber in der angeblichen Nähe dank 3D Optik richtiggehend erschreckend.

    Ansonsten fällt mir nur noch dazu ein, dass meine vom Actiongenre begeisterte Mutter witzigerweise eine sehr ähnlich klingende, sehr positive Rezension vom Stapel gelassen hat. ;)

  2. Thomas Hemsley 21. September 2012 um 03:13 · Antworten

    Da ich diesen hier nicht gesehen habe, weiß ich nicht ob das auch zutrifft, aber bezogen auf REGENERATION schien mir John Carpenter (nicht nur wegen der Musik) ein plausibler Referenzpunkt – mehr noch als James Cameron, der finde ich nur wegen TERMINATOR passt. Aber stimmungsmäßig u.a., finde ich John Hyams viel Carpenter-esker. Dabei meine ich natürlich den Carpenter der 70er. Wobei seine Besetzung eines Wrestlers in einem Nicht-Wrestling-Film vielleicht wegweisend für die Besetzung von MMA-Stars war;)

  3. Thorsten Hanisch 19. September 2012 um 16:43 · Antworten

    Herzlichen Dank für die Info! Einfach unfassbar!

  4. Oliver 19. September 2012 um 14:11 · Antworten

    @ Thorsten:

    Mir wurde von einem Bekannten, der das FFF in Berlin besucht hat, berichtet, dass sich der Festivalvertreter (vermutlich Rainer Stefan) vor einem Film bei den anwesenden Zuschauern nach ihrer Meinung über UniSol erkundigt hat. Die durchweg abfälligen Bemerkungen hat er dann damit quittiert, dass man „so was“ in Zukunft wohl nicht mehr ins Programm aufnehmen werde, ohne es vorher selbst einer Qualitätsprüfung unterzogen zu haben. Das ist vor allem deshalb lächerlich, weil jährlich etliche unverzeihliche Schrottfilme laufen, deren wahrscheinlich einziges Qualitätsmerkmal es ist, dass der lautstarke unterbelichtete Teil des FFF-Publikums sie für großes Entertainment hält.

    @ Ghijath

    Ich prognostiziere, dass du die Entscheidung, UniSol zu schauen, nicht bereuen wirst. Und danke für das Kompliment, das tatsächlich eines der schönsten ist, die ich bisher bekommen habe. :)

  5. Ghijath Naddaf 19. September 2012 um 13:49 · Antworten

    An dieser Stelle auch nochmal ein Lob von mir.Deine Euphorie ist ansteckend.
    Obwohl ich weder ein grosser 80er Action Fan bin,noch je einen Universal Soldier Film gesehen
    habe,steht Day of Reckoning jetzt auf meiner „unbedingt angucken“liste.
    Es ist zudem deinem unermüdlichen Einsatz um das Werk von Paul W.S.Anderson zu verdanken,
    das ich tatsächlich plane,mir dieses Wochenende den neuen Resident Evil anzusehen.
    Die Raves von Dave Kehr und Ignatiy Vishnevetsky haben dann den letzten Wiederstand zerstört.
    Glückwunsch,jemandem Filme auch ausserhalb der persönlichen Comfort Zone nahe zu bringen,zeichnet für mich einen guten Kritiker aus.

  6. Thorsten Hanisch 19. September 2012 um 13:20 · Antworten

    Hallo Oliver!

    Schöne Kritik!

    Eine Frage: Weshalb (tatsächlich nur wegen Kritik der Besucher?) und in welcher Form haben die FFF-Macher sich vom Film in Berlin distanziert? Ist ja für so eine Art Festival recht ungewöhnlich….

    Herzliche Grüße,
    Thorsten

  7. Thomas Hemsley 19. September 2012 um 01:10 · Antworten

    Ist natürlich nicht die Filmkritik to end all Filmkritiks, aber das ist auch gut so;) Ich find´s toll, dass du wirklich nur bei deinen Gedanken und Empfindungen geblieben bist und null Inhaltsangabe lieferst, ohne aber dadurch vielleicht inkohärent zu werden. Und nicht nur die Synopsis fehlt, auch weitestgehend konkrete Kommentare zu Schauspielkunst oder Bildkunst. Und vielleicht ist das dann doch das Ende der Filmkritik im bisher herkömmlichen Sinne. Das klingt vielleicht jetzt tadelnd meinerseits, ist es aber nicht: Tsunami aus Lava, indeed (toll, dass du diese Formulierung nicht in der FB-Statusmeldung vergeudet hast;). Bleibt mir eigentlich nur noch die Aufzählung einiger anderer Formulierungen: „sich in tieftraurigen, erschütternden Szenen der Zwecklosigkeit ihres Vorhabens bewusst wurden und ihr Heil im blutige Fakten schaffenden Amoklauf suchten, flogen um sie herum die Fetzen, tobte ein Krieg, der dem Zuschauer bei aller rohen Physis der Vorgänge – wie seinen (Anti-)Helden – doch auch ein Stück Geborgenheit gab“; „Wie gepeinigt von Todesagonie und Geburtswehen wälzt sich der Film spastisch, aber unaufhaltsam voran wie ein Tsunami aus Lava, auf laute, markerschütternd brutale und übergriffige Szenen folgen solche lähmender Ruhe und steinerner Langsamkeit, jeden Eindruck von Kohärenz aufs heftigste störend“; „Diese Euphorie macht skeptisch, aber sie ist neben totalem Unverständnis und mitleidloser Ablehnung tatsächlich die einzig mögliche Reaktion auf ihn.“; und natürlich der Schluss, in den letzten Sätzen deiner Kritiken befinden (verborgen sind sie ja nicht) sich meist deine besten Gedanken/Empfindungen/Formulierungen/Zuspitzungen. Womit wir wieder bei diesem „to end all Filmkritiks“ wären.

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