Ekel: 3-Disc Special-Edition

Von  //  3. Juni 2012  //  Tagged: , , ,  //  Keine Kommentare

Ekel

Carole (Catherine Deneuve) wird wunderlich. Sie entwickelt Ticks und eine Abneigung gegen Berührung, nach und nach zieht sie sich aus einem feindselig wirkenden London in den scheinbaren Schutzraum ihrer Wohnung zurück. Dort kapselt sie sich ein und verliert nicht nur den Bezug zur Außenwelt, sondern auch den Verstand. Der Reiz von Ekel, Roman Polanskis filmischer Studie einer Psychose, ist ungebrochen. Die blutjunge Catherine Deneuve wirkt in ihrer dritten Rolle zugleich fragil, unnahbar und unbeugsam. Von der gepflegten, gewissenhaften Angestellten – was könnte ein stärkeres Symbol für Kultiviertheit und die Entfernung von der Natur sein, als die Arbeit als Maniküre in einem Schönheitssalon? – entwickelt sich Carole zu einem Tier, das mit Zählen und Klauen seinen Bau verteidigt.

Carole ist wie eines dieser seltsamen außerirdischen Geschöpfe in einer alten Star-Trek-Folge: Auf den ersten Blick sieht sie aus wie ein ganz normaler Mensch, aber nach und nach stellt sich heraus, dass ihr Verhalten nach völlig anderen Regeln funktioniert als unseres. Die Redshirts sind in diesem Fall der fiese Vermieter (Patrick Wymark) und der anhängliche Verehrer Colin (John Fraser). Beide müssen sterben, weil sie in das Revier einer fremden Kreatur eindringen, die sie fälschlicherweise für ein harmloses Mädchen halten.

Aus Caroles Sicht wiederum verhält es sich umgekehrt: Die eigentlich vertraute Welt wird immer beängstigender und unberechenbarer. Sogar die eigene Wohnung mutiert langsam zu einem organischen Wesen, das seine Tentakel nach Carole ausstreckt. Überhaupt, diese Wohnung: Sie ist wie ein eigener Darsteller. Das Appartement und die sich darin befindlichen Requisiten werden zu einem Spiegel von Caroles Innenleben, ein architektonisches Dorian-Gray-Bildnis.

Der Masse an Besprechungen zu Ekel noch viel hinzuzufügen, ist aber im Grunde müßig. Der Reiz vom ersten Teil von Polanskis „Mieter Trilogie“ ist auch beim Wieder- und Wiedersehen ungebrochen. Die neue 3-Disc-Special-Edition von Pierrot le Fou kitzelt jedoch noch ein paar neue Nuancen aus dem Film heraus. Das liegt nicht nur daran, dass die Bildqualität der Blu-ray-Ausgabe dem Medium entsprechend hervorragend ist – ich bin in Bezug auf die Bildauflösung ohnehin eher genügsam. (Kauf-)entscheidend wären für mich eher der Live-Audio-Kommentar mit Deneuve und Polanski, die Doku A British Horror Film und das Interview mit Stanley Long, der als Kameramann für den kleineren Teil der Aufnahmen verantwortlich zeichnet.

Auch wenn sich in den Bonus-Features inhaltlich das ein oder andere wiederholt, ist es unterhaltsam, einen Blick (bzw. ein Ohr) hinter die Kulissen zu werfen. Deneuve und Polanski erzählen frei von der Hasenleber weg und geben dem geneigten Zuschauer eine Vorstellung von ihrer Zusammenarbeit und der Stimmung am Set. Man erfährt Einzelheiten über organisatorische Widrigkeiten (darunter Probleme beim Filmen ohne Genehmigung und die allzu strikte Einhaltung der Sperrstunde im Großbritannien der 60er Jahre) und bekommt eine Ahnung von Polanskis Perfektionismus und seiner Form der „Mitarbeiterführung“. Außerdem lernt man, mit welchen Tricks man eine Wohnung schrumpfen oder wachsen lassen kann, wozu ein Riesentürspion gut ist und warum einige der Mitarbeiter am Set zeitweise aus der Hand fressen mussten. Besonders die Insider zu den Special Effekts haben es mir angetan. Die Interviewpartner und Kommentatoren erzählen mit Stolz und ab und an auch einem Quentchen Belustigung oder Wehmut über die knifflige technische Umsetzung von Polanskis fixen Ideen. Der Zuschauer wird eingeladen zu einer Kurzzeitreise in eine Ära, in der Kino noch handgemacht war und gut ohne digitale Nachbearbeitung und Computereffekte auskam. Hach. Die Edition ist für mich kein absolutes Must-Have, aber eine schöne Bereicherung im DVD-Regal.

UK 1965, Regie: Roman Polanski

Die 3-Disc-Special-Edition ist am 27.04.2012 bei Pierrot le Fou erschienen.


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Über den Autor

Bianca Sukrow, geb. in Aachen, ist Literaturwissenschaftlerin, Mitgründerin des Leerzeichen e.V., freie Lektorin und Journalistin. Im persönlichen Umgang ist sie launisch, besserwisserisch und pedantisch.

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