Alpen

Von  //  9. Juni 2012  //  Tagged:  //  Keine Kommentare

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Das Massiv. Groß. Unverrückbar. Gewaltig. Einem alles an Hingabe abverlangend. Nur mit einem strikten Plan, nur, wenn man einer streng ausgearbeiteten Route folgt, überhaupt zu meistern. Einer Route, einem wahren Manifest von einer Route, der es sich komplett unterzuordnen gilt. Die in jeder Faser gespürt und gelebt werden will. Ohne Abweichung. Ohne Eigensinn. Denn ein wahres Felsmassiv von einem Unternehmen sind die ALPEN. Eine Mission, für welche erst einmal folgende, strikte Regeln gelten:

(1) Ein jedes Mitglied der ALPEN muss im voraus erklären, welche Dinge er oder sie nicht bereit sind zu tun (z.B. Küssen, Krafttraining, Reisen etc.).

(2) Ein jedes Mitglied muss im voraus erklären, in welchen Dingen er oder sie besonders gut ist (z.B. Tanzen, Wasserski fahren, Diskutieren etc.).

(3) Als Mitglied der ALPEN muss man über ein Basis-Wissen in Psychologie und Soziologie verfügen.

(4) Jedes Mitglied ist verpflichtet unter allen Umständen und zu jedem Zeitpunkt dem Wohl der ALPEN Gruppe zu dienen.

(5) Man muss einander respektieren.

(6) Jedes Mitglied der ALPEN kann nur zweimal seinen Namen ändern. Niemand darf den Namen eines anderen Mitglieds wählen. Jeder Name muss sich strikt aus einem Bergmassiv der Alpen ableiten, darf niemals generalisierend oder irrelevant sein (wie z.B. Blondie, Meister, Drachen etc.).

(7) Niemand darf mit Nicht-ALPEN-Mitgliedern über Aktivitäten der ALPEN sprechen.

(8) Man ist verpflichtet sich, falls notwendig, einen Gymnastiktest zu stellen.

(9) Man muss über 14 Jahre alt sein.

(10) Als ALPEN-Mitglied muss man stets klug, gepflegt, pünktlich und in kompletter Selbstkontrolle sein.

(11) Niemals darf man sich emotional mit einem Kunden oder einem engen Verwandten des Kunden involvieren.

(12) Niemand darf sein äußeres Erscheinungsbild ohne die ausdrückliche Erlaubnis des Führers der ALPEN verändern (z.B. die Haare färben, Gewicht zulegen oder verlieren, farbige Kontaktlinsen tragen etc.).

(13) Jedes Mitglied der ALPEN sollte in der Lage sein, überzeugend verschiedene Gesichtsausdrücke zu beherrschen (wie Traurigkeit, Glück, Verzweiflung etc.).

(14) Jedes Mitglied der ALPEN muss stets seine Mitgliedschaft ehren, muss bereit sein für diese zu töten oder zu sterben.

(15) Niemals dürfen sich ALPEN Mitglieder gegenseitig attackieren und stets an Teamarbeit glauben.

Gezeichnet Mont Blanc, Führer der ALPEN Gruppe

„Welches ist Dein Lieblingsschauspieler?“ wird das schöne Mädchen gefragt, als ihr das aus ihrer Stirn pulsierende Blut bereits Haare und Bewusstsein verklebt. „Spielst Du Tennis?“

Bereits vor zwei Jahren, am träge in der Sonne liegenden Pool, der von einem dichtbewachsenen, hohen Zaun umschlossenen Industriellen-Villa, waren auch das zunächst lauter geheimnisvolle Momente, Ausschnitte aus einem Vorhaben, dessen Sinn und Zweck sich erst ganz, ganz langsam erschloss. Momente, Szenen von geradezu hypnotischer Kraft, fesselnd, unmittelbar spürbar und doch erst einmal kaum zu begreifen, verweigern sie sich doch ganz lange dem Gesamtzusammenhang.

Ein DOGTOOTH, der sich nur ganz beherzt mit einem großen Ziegel in der Hand da wieder rausschlagen ließ, nun unverrückbar im Hier, die ALPEN. Der neue Film, des noch jungen Giorgos Lanthimos, dem Mann, der nicht umsonst gerade als der allerheißeste Scheiß im europäischen Kino gehandelt wird. Wobei man ihm auch dieses Mal vielleicht wieder mit ganz, ganz viel bösem Willen, als erzählerischen Trickbetrüger abtun könnte. Fühlt man sich möglicherweise als Zuschauer doch erneut vorgeführt, ja, schlimmer noch, bewusst ausgeschlossen aus seinen Filmen. In beiden seiner Meisterwerke war und ist das ja ein Stück weit auch der Fall. In DOGTOOTH von 2009 (der hierzulande ganz unbeeindruckt von der Größe dieses Werkes leider nur auf DVD erhältlich ist) und nun eben die ALPEN (die ab 14.06.12 in den deutschen Kinos starten). Dabei gehören beide doch gerade auch deswegen zu den aufregendsten Kinofilmen der letzten Jahre, weil sie ihren ganz eigenen Weg gehen, weil sie sich darin dann scheinbar Allem verweigern: der Erzählung, der „Unterhaltung“ (was immer das auch sein soll) und erst recht dem Vergleich.

Es ist dieses den Zuschauer nicht an der Hand nehmen wollen, lange nur Szene an Szene zu reihen, die allesamt ohne klaren Anfangspunkt existieren zu scheinen. Ein Film, bei dem man einfach nur irgendwann dabei sein darf und auch dann immer nur Ausschnitte zu sehen bekommt, gezwungen ist Leerstellen auszuhalten. Auszuhalten auch deswegen, weil letztlich das, was man sieht, bereits für sich unendlich spannend ist, man es aber natürlich gerne noch besser verstehen würde.

Wenn einem dann endlich der Gesamtzusammenhang mit der Wucht einer massiven Gymnastikkeule ins Gesicht klatscht, schlägt die dann umso intensiver auf unserem längst dafür verdammt empfindlich gewordenen Nasenbein auf. Kämen wir doch jetzt, in all unserer Neugier, nie auch nur auf die Idee uns abzuwenden.

„Bin ich bereit für Pop?“ auch, wenn einem da zunächst schroff, ein strenges „Nein.“ entgegenschallt, diese Kür will durchgetanzt sein. Im Kino. In diesem Sommer. Alles andere wäre auch ein beinahe dem Tod gleichkommender Verlust. Aber auch darüber darf natürlich nicht gesprochen werden. Mit Nicht-Mitgliedern. Darum ab ins Kino. Jetzt.

Alpen (Giorgos Lanthimos, Griechenland 2011)


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Über den Autor

Lebt im Kino. Über das, was er da als buntes Licht von der Leinwand glitzern sieht, schreibt er in Magazinen, wie SPLATTING IMAGE oder DEADLINE. Alle paar Wochen sitzt er zudem bei FM4 am virtuellen Kamin, wo er sich dann in gewohnt manischer Art über das beglückende Gefühl einen schönen Film gesehen zu haben auslässt.

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