Lieblingsfilm: Io la conoscevo bene / Ich habe sie gut gekannt

Von  //  23. Mai 2012  //  Tagged: , ,  //  1 Kommentar

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Eine Gegend in Rom, Mitte der 60er Jahre. Heiß, schlimm, traurig. Die brutal breiten, tödlich weitläufigen Boulevards sind noch viel autoleerer als heute. Eine noch neue, spärliche, radikale Modernität ist hereingebrochen. Trockene, elektrische Aufregung liegt in der Luft.

Ich habe, auch weit weg von Rom, als Kind die nervöse Anspannung und Erschöpfung jener Zeit gespürt, besonders bei manchen Frauen in meiner Umgebung. Modernität war eine autoritäre Macht. Die Leute hatten Angst vor ihr und mühten sich, ihren widersprüchlichen Forderungen von Ehrgeiz und Nonchalance zukommen. Für Laufmaschen oder Schuppen auf den Schultern fühlte man sich schuldig. Es hatte z. T. etwas unterschwellig Verheerendes.

Ein noch recht undiszipliniertes Mädchen vom Dorf wohnt in der großen Stadt, wo sie versucht, ihren Pflichten als Kosmetikerin und Friseurin nachzukommen, motzig, wie ein schlecht dressiertes, kleines Tier. Sie brennt darauf, dass sich ihre Träume erfüllen, sie erwartet viel vom Leben, mehr als was sie vorfindet.

Sie macht sich hübsch zurecht; Chicsein ist Pflicht und Hoffnung. Ihre Kleidung orientiert sich an den auf die Figur geschnittenen Glanzstücken berühmter Modeschöpfer; sie folgt nach besten Kräften den Anweisungen und Glücksversprechen der neuen Medien. Ihr Transistorradio begleitet sie mit zierlich plärrender, quietschiger Schlagermusik. (Ich weiß noch, die älteren Leute kritisierten die dauernde Schlagerbeschallung damals oft. Sie fühlten sich durch sie entwurzelt.) Es ist die Zeit der Busenstars; man schneidet ihre Fotos aus Filmmagazinen; man ist Fan von Filmschauspielern, unheimlich bereit, sie toll zu finden und zu imitieren. Wie unser Mädchen. Sie steht gleichsam – geschniegelt, gestriegelt und bereit – auf einem Bahnsteig, wo der Zug nicht kommt. Wie ein Geschenk, das keiner will.

Sie wirkt in ihre Umgebung hineinmontiert wie die anderen neuen Dinge. Der neuste Schrei sind mobile, aufgepumpte Trockenhauben, unter denen Frauen ihr Haar auf großen Wicklern schmoren lassen. Dinge haben dämonische Macht. Das Elnett-Haarspray, die am Rücken tief ausgeschnittenen Cocktailkleider. Die Reklame für Martini und für Motta-Eiscreme.

Der Film lässt einen in seine Zeit gucken, als wäre sie gar nicht vergangen, sie öffnet sich als tiefer, weiter, leuchtender Raum. Darin ein Leben, kostbar, wie ein kleiner Vogel, der sehr schnell atmet, dessen Herz schnell pocht.

Das ist auch fotografisch äußerst schön. Das Mädchen so von unten gefilmt, vor der strahlenden, überreich reliefverkrusteten Kirchenfassade… ich kann keine Screenshots machen, ich hab den Film nur auf YouTube gesehen. (Aber nach der Veröffentlichung dieses Textes hat mir ein Bekannter einige schöne Bilder aus dem Film zugeschickt – danke, Norsk Orestes Tomhet Lerchenfall!)

Sie lernt viele Jungen und Männer kennen. Einen jungen Boxer (ergreifend hilflos: Mario Adorf), bei dessen Kampf sie mit anderen Mädchen Mode vorführt, einen crazy hippen Reporter, viele. Und da sind ihre Kolleginnen im Kino, wo sie als Platzanweiserin arbeitet. Ein Nachbarkind, auf das sie aufpasst, es kommt vieles zusammen, kunstvoll komponiert, opalisierend, voller Feinheiten, wie ein langes, fließendes, impulsiv wechselndes Lied, das den Herzschlag und den Atem anhebt, als wäre man verliebt.

Woher kommt dieser trügerische Eindruck schmetterlingshafter Leichtigkeit? Er wird ihr zum Verhängnis, weil so niemand merkt, wo die Gefahr für sie liegt. Kinder sind auch so. Man glaubt, sie seien glücklich, weil sie „in der Gegenwart leben“. Aber sie leben noch viel mehr im Erträumen und Erspielen ihrer Zukunft. Ihre Lebensfreude hat mit der Zuversicht zu tun, dass das, was sie jetzt nur spielen, später mal in irgendeiner Weise für sie wahr wird. Bei ihr ist das genau so. Es ist verheerend, wenn so was zerbricht.

Auf deutsch heißt der Film „Ich habe sie gut gekannt“, und ich stelle mir vor, derjenige, der die Idee zu der Geschichte hatte (es waren drei Autoren an dem Drehbuch beteiligt), kannte so ein Mädchen wirklich „gut“, verstand sie nicht und schrieb deswegen über sie, vielleicht mit einem Schuldgefühl. Im Film gibt es so einen Schriftsteller, eine von vielen Liebesepisoden des Mädchens, gespielt von Joachim Fuchsberger; er passt erstaunlich gut, wie aus dem Film hervorgebracht und wieder drin verschwindend.

Es ist ihr selbstverständlich, sie zu sein. Es verunsichert sie, als sie liest, was ihr Schriftsteller über sie schreibt. Als wüsste er vielleicht besser als sie, wer sie ist. Weil er gebildeter und älter ist, ein Mann. Aber kann er schwimmen? Kann er tanzen? Sie fragt ihn das, sich selbst zaghaft behauptend, es ist ihr wichtig. Doch als er nein sagt, gibt sie kleinlaut bei: „Es ist vielleicht auch nicht so wichtig.“

Sie ist vielleicht auch nicht so wichtig. Es kommt die fatale Glamourparty, auf die es sie im Schlepptau eines männlichen Filmstars verschlägt. Ein alter Schauspieler macht sich dort vor seinem Gönner zum Affen, tanzt auf dem Tisch. Und da ist auch ein Kamerateam; sie ist bereit, sich filmen zu lassen und freut sich, weil das vielleicht ihr Leben verändern wird.

Dann, Wochen später, kann sie diesen Film mit ihren Kolleginnen im Kino sehen: Die Macher haben ihn parodistisch nachsynchronisiert, sie haben ein Spottpamphlet auf Möchtegernfilmsternchen und Partygirls wie sie daraus gemacht. Sie wird ausgelacht dafür, dass sie spielt und träumt. Und sich einbildet, irgendwann mitmischen zu können.

Etwas zerbricht, die ganze Zeit schon, doch jetzt immer mehr. Aber die Scherben sind auch schön, der Film wird jetzt zum Ende hin noch immer schöner.

Der letzte Tanz mit dem in sie verliebten kleinen Nachbarjungen. Das Baby, das sie heute nicht sitten darf. Die letzte, rauschhaft glitzernde Party. Die Kreiselfahrt im Boot mit einem attraktiven Fremden, die Volière… sie ist so tapfer, sie will sich trösten lassen von dieser netten, scheinbar schönen letzten Nacht. „Simpatico“, das Wort fällt oft. Sie möchte alles gern so sehen, sympathisch, nett zu ihr. Aber sie schämt sich zu Tode für ihre Naivität, sich in die „Welt“ verliebt zu haben, die sie dafür verspottet.

Sie hat einmal aus Spielerei Wasser aus einem Schlauch über die Balkonbrüstung ihrer Mietwohnung fallen lassen. Jetzt kommt sie heim, sie ist ganz steif getrunken. Sie ist so prachtvoll angezogen wie ein kleiner goldener Vogel, zieht ihre Schuhe aus und legt dieses starre, militärische Tanzlied namens Letkiss auf. Es war ein großer Hit, damals, sein deutscher Text ging: „Schön, schön siehst du heute aus“; wir Kinder kannten es auch und sangen es, wenn wir aggressiv drauf waren und den Brennnesseln mit einem Zweig die Köpfe abschlugen. Es ist ein blecherner Unterhaltungsmarsch, ein exzessiver Ohrwurm, eine fixe Idee, die wahnsinnig machen kann. Mit forcierter Herzlosigkeit klatschen Hände darin wie Ohrfeigen, als wollten sie dich in den Abgrund treiben, die Snaredrum wirbelt wie bei einer Hinrichtung. Das ist das musikalische Fallbeil am Ende eines Films, der sowieso Musik ist.

Die trügerische Schönheit der Vorstellung vom erwachsenen Leben – was für ein Betrug. Was für eine schöne Scheiße war das alles, sagt ihr Sprung am Ende, denke ich. Dieser Film ist schön auf einer sehr hohen Ebene. Überirdisch. Kristallin.

Antonio Pietrangeli, Italien 1965. Mit Stefania Sandrelli

Und hier, voilà: Der ganze Film im Netz. Mit englischen Untertiteln.






Zu dem Schlager „Letkiss“ kann man sich hier noch den alten Tanzkurs des furchtbar patenten Ehepaars Ferner ansehen.


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Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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