Sitcom

Von  //  11. Februar 2012  //  Tagged:  //  2 Kommentare

– Vorsicht: Text enthält massive Spoiler –

Sitcoms sind ein typisch amerikanisches Genre und erfreuen sich, nach ihrem Erfolgshöhepunkt in den 80ern und 90ern, auch heute noch großer Beliebtheit. Bekanntlich neigen Serien aus dem diesem Bereich zu einer Idealisierung familiärer Wertvorstellungen – Francois Ozon hätte keinen sarkastischeren Titel für sein giftiges Familienporträt wählen können. Bereits 1998 hatte der damals noch sehr junge Regisseur bereits umfangreiche Erfahrungen gesammelt und diverse Kurzfilme realisiert. Heute gehört er zu Frankreichs renommiertesten Filmemachern überhaupt und seinen Werken wird in den Feuilletons wie Online-Magazinen viel Aufmerksamkeit geschenkt. Schade, dass Sitcom zu seiner Zeit beinahe vollständig übergangen wurde und international kaum Beachtung fand. Ich erinnere mich, dass er gerade eine Woche im örtlichen Programmkino lief und erst im Fernsehen wieder auftauchte.

Formal hält sich Ozon an die inhaltlichen Vorgaben des Genres, ohne aber eingespielte Lacher zu verwenden. Das gesamte Geschehen spielt sich im Haus der Familie ab, das Set beschränkt sich also auf die verschiedenen Zimmer, welche allesamt eher bieder gestaltet sind – natürlich sehr filmisch durchmessen von der Kamera, die nichts zu tun hat mit dem typischen Multiple-camera setup einer Sitcom. Zunächst sehen wir, wie der Vater nach Hause kommt. Als er ins Haus geht, starrt die Kamera jedoch statisch und folgt ihm nicht. Die Familie begrüßt ihn mit einem Geburtstagständchen, daraufhin Stille. Anschließend hören wir, wie der Vater alle Anwesenden erschießt, kommentarlos. Dann startet die Handlung, setzt einige Monate vorher ein.

Im Zentrum des Geschehens steht eine weiße Ratte, die der phlegmatische Vater spontan als Haustier anschafft. Eine merkwürdige Aura umgibt das Tier und ein Familienmitglied nach dem anderen wird in ihren tiefen Bann gezogen. Alle machen daraufhin einschneidende Veränderungen durch. So entschließt sich die miesepetrige Tochter (phänomenal finster:Marina de Van) zum Selbstmord, scheitert aber und landet im Rollstuhl. Als Querschnittsgelähmte entwickelt sie einen merkwürdigen SM-Fetisch, mit dem sie ihrem treudoofen Freund emotional immer mehr zusetzt. Als erster durchläuft aber der Sohn des Hauses eine Transformation, vom stillen Stubenhocker entwickelt er sich rasend schnell zum schrillen Paradiesvogel, der seine neu entdeckte Homosexualität voll auslebt.

Die Mutter versucht indes ihren Sohn von seiner Homosexualität im inzestuösen Beischlaf zu „heilen“ während die lateinamerikanische Haushälterin immer mehr zur schludrigen Schlampe verkommt. Auch hier hält sich Ozon nicht zurück, beim `spanischen` Liebesspiel hält er für einen kurzen Irritationsmoment voll drauf und zeigt einen erigierten Penis. All diese Tabubrüche erzeugen ihre satirische Wirkung vor allem durch die Lakonie, mit der die Familie (vor allem der Vater) mit all den haarsträubenden Vorkommnissen umgeht.

Und genau hier, wo der Zuschauer mit einem runden Abschluss rechnet, setzt Ozon einen genialischen Twist ein. Der Amoklauf war nur ein Traum, was folgt ist eine Groteske sondergleichen, die sich ein Kafka nicht besser ausmalen könnte: Der Vater, der bisher als einziger keine Veränderung durchmachte, verwandelt sich in eine menschengroße Ratte. Als die Familie das Untier in einem gemeinsamen Kraftakt töten kann kristallisiert sich die eigentliche Problematik heraus: nicht die Entgleisungen der restlichen Familie haben das innerliche Gefüge zerstört. Es war die zermürbende Emotionslosigkeit, das mangelnde Interesse des Vaters an seinen Angehörigen, weswegen die Verzweiflung der anderen immer bizarrere Formen annahm.

Atmosphärisch erinnert Sitcom in seinen besten Momenten an das Spätwerk von Luis Bunuel, orientiert sich aber nicht unbedingt an dessen intellektueller Komplexität. Vielmehr seziert Ozon seine Protagonisten auf eine präzise Weise, konzentriert sich ausschließlich auf den hier gezeigten Mikrokosmos. Ähnlich wie Kafkas Verwandlung endet auch Sitcom in einem verzerrten Bild familiärer Harmonie. Der Störfaktor, das schwarze Schaf ist beseitigt. [Karl Bellenbaum]

Frankreich 1988 / Regie:François Ozon


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2 Kommentare zu "Sitcom"

  1. Sano 15. Februar 2012 um 20:57 Uhr · Antworten

    Habe den damals Im TV auch gesehen und war begeistert. Meine Liebe zu Ozon ist inzwischen abgeflaut, aber ich erinnere mich noch genau an den Arte-trailer für diesen Film, der mich nach zigmaligem Sehen (Werbung wirkt!) zu SITCOM gelockt hat – die von dir beschriebene „Traumsequenz“ diesmal mit der Kamera draußen: Auto fährt vor, Mann steigt aus, geht ins Haus Kamera bleibt starr wie zuvor draußen. Man hört die Geburtstagsglückwünsche, Stille, dann die Schüsse. Realsatire pur. Vielleicht sollte ich doch mal wieder einen neuen Ozon gucken.

  2. Alex Klotz 12. Februar 2012 um 02:10 Uhr · Antworten

    Der Film hat mich bei einer eher zufälligen Sichtung im TV ziemlich umgehauen. Auch toll ist LES AMANTS CRIMINELS, aber Ozons spätere Filme fand ich eher fad und bieder. Ein ähnliches Schicksal ist wohl Michel Hazanavicius vorbestimmt, der mit THE ARTIST jetzt auf Oscarpfaden wandelt und von dem man wohl keine respektlosen Genre-Persiflagen wie seine beiden OSS 117-Filme mehr erwarten sollte.

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