Liebesvögel

Von  //  7. Februar 2012  //  Tagged: , , ,  //  2 Kommentare

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Es ist hier alles voller wie auf Befehl einander küssender, mechanisch Brustwarzen umkreisender Zungen. Die Köpfe liegen rechts; an sie gehängt: das lange Elend zweier Körper, die einander gehemmt berühren. Man sieht, die Darsteller fühlen sich falsch und verschämt und fragt sich, warum sie sich nicht von dem Film befreien. Aber das macht ihn gerade so beklemmend, dass man irgendwann denkt, na ja, das ganze Leben ist doch so.

Die schlichte, volkstümlich humorige Story basiert auf „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“. Peter hat Angst vor „Mädchen, diesen langhaarigen Wesen“ und trinkt deshalb vor dem Sex immer zu viel Alkohol, so dass er nichts spürt und keinen Orgasmus kriegt. Weil er davon so down und unkonzentriert wirkt, schickt ihn sein Chef in Urlaub. Peter fährt nach München und beschließt, dort radikal mit allen möglichen Frauen zu schlafen. Doch der Orgasmus kommt noch immer nicht. Zwischen den Nummern kauft Peter Rosen für die Frauen (die ihn mit eigenwilligen Tiernamen wie „Fischchen“ oder „Schimmelchen“ necken). Und schau, das Schicksal hat sich was dabei gedacht. Denn schließlich merkt Peter, dass er eigentlich die Rosenverkäuferin liebt. Die beiden kriegen miteinander einen Orgasmus und nach der Heirat auch zwei Kinder.

Ich hatte aufgrund nur zweier gesichteter Enzfilme schon eine Theorie entwickelt, warum bei diesem deutschen Sexfilmregisseur Körperbehinderungen so eine auffällige Rolle spielen. Aber nun ist in den „Liebesvögeln“ niemand mehr blind oder stumm. Man könnte zwar Peters Orgasmushemmung zur Behinderung hochspielen, aber das verbietet mir mein wissenschaftlicher Stolz. Immerhin aber sind die stilprägenden Wandteller, wie schon im „Tagebuch einer 17-Jährigen“ und der „Herbstromanze“ (Besprechung folgt), wieder da – diesmal auf dem Kaminsims eines im angesagt „rustikalen“ Stil der Siebziger Jahre eingerichteten, drastisch ordinären Puffs. In diesen Räumlichkeiten findet die erbarmungswürdigste Sexszene des Films statt, die gemächliche Live-Sex-Vorführung eines Freundes des Hauses und einer Prostituierten, wodurch Peter voyeuristisch erregt werden soll. Der Hausfreund hat sich zuvor gemäß Textbuch als ultralüstern gebrüstet, aber das ist er gar nicht, er ist weich wie ein Kind und völlig uninteressiert an dem nackten Mädchen, das auch nur unter ihm so da liegt und wartet, dass die Zeit verrinnt. Diese Szene verströmt so absurd und rührend gar nichts, man möchte die beiden erlösen, ihnen einen Kakao kochen und ein Butterbrot machen.

Ich weiß noch, wie es meiner Erinnerung nach wirklich war, als solche Filme in allen Kleinstadtkinos liefen, die sich damit hatten retten wollen, bevor sie dann doch starben. Damals hatten Kleinbürgertum und Proletariat die Sexwelle adaptiert und zu etwas Schlagerhaftem gemacht. Alle, auch die biedersten Bürger, lasen Sexunterhaltungsillustrierte wie die Neue Revue, Wochenend, Praline oder Witzheftchen wie „Ha ha ha – 3 mal kurz gelacht.“ Meine Tante brachte welche mit von der Arbeit, mein Opa hatte welche abonniert, und so kenne ich oft die Darsteller jener damaligen Sexfilme, die heute einige meiner Twenty-Something-Freunde faszinieren und verwundern. Ich war damals sauer auf die Filme. Ich hatte das Gefühl, dass sie Sex entweder scheinheilig skandalisierten oder über ihn witzelten, um ihn zu verharmlosen, zu veralltaglichen, herunterzuspielen. Diese Verhohnepiepelungen funkten mir wie verdammte Kasperles immer ins Gehirn, sobald das aufkam, was unsere Filmblogfreunde von den Eskalierenden Träumen heute die „ungeheueren“ Gefühle nennen. Auch aus Protest gegen diese Vergewaltigung durch Humor & Co. wurde Sex für mich zu etwas Heiligem, Todernstem und ist es bis heute geblieben.

Doch, ach, ich weiß nicht, man kriegt ja trotzdem Lust auf Sex von diesem Film. Die monotonen Wiederholungen, das bescheiden kleinkarierte Ambiente… das hat doch was und greift auf einen über. Anfangs meint man, man will lieber sterben als sich dazu zu gesellen. Aber der Film verströmt eine so suggestive Ausweglosigkeit… irgendwann überlässt man sich diesen biederen Heftchenfiguren, deren Dämonie vielleicht doch nur ein Konstrukt des eigenen, angstvollen Hochmuts ist. Wenn man sie zu lieben, sich der Zwangsheirat mit ihnen zu fügen versucht, vielleicht verwandelt sich dann alles. Als ich einige Tage nach der Filmeinwirkung folgende Bilder machte, war ich jedenfalls schon gerührt, sie alle wieder zu sehen.

BRD 1979, Regie: Jürgen Enz

Erotik Classics: Liebesvögel

 

Peter – der deutsche Harry Reems?

Klappt nicht. Die Liebe fehlt.

Ein Traum in Braun

Eine verheiratete Frau, einsam nachts in ihrem Bett.

Nichts als Dunkelheit und Kälte.

Kannst du eine solche Frau verurteilen?

Diese langhaarigen Wesen

Die Enzschen Zinnteller! Da sind sie ja wieder.

Live Sex Show für Peter

Peter lässt sich Zeit

Plötzlich merkt Peter, dass er in die Rosenverkäuferin verliebt ist

Peter ist gekommen. Plötzlich Rosen überall

Ja

 

 

Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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2 Kommentare zu "Liebesvögel"

  1. Christoph 7. Februar 2012 um 14:52 · Antworten

    Bei Gott, Silvia, du bist wirklich viel zu gnädig und vor allem verständnisvoll mit diesem filmischen Desinfektionsmittel (dem schlimmsten aller Enz-Filme nach meinem / unserem bisherigen Erfahrungsstand). Offenbar hat Enz in dir wirklich eine späte Mütterlichkeit und versuchte Wärme gefunden, ich bin fasziniert schockiert.

    PS: Die „ungeheuren Gefühle“ sind ein inzwischen legendäres Zitat aus Andrea Bianchis Meisterwerk MALABIMBA – KOMM UND MACH’S MIT MIR: http://www.myvideo.de/watch/7921409/ET_Sleaze_athon_2_Ungeheure_Gefuehle

    • Silvia Szymanski 8. Februar 2012 um 19:52 ·

      Der Malabimbaclip ist wirklich stimmungsvoll mit dieser empörten bösen Fee. Schön auch ihre durchschaubare Argumentation, es sei keineswegs die Privatsache des Hagestolzes, sondern für alle, für die ganze Atmosphäre im Schloss wichtig, dass er jetzt mit ihr schläft. Man kann`s ja mal versuchen. :-) (Was ist denn eigentlich genau „verständnisvoll“ in eurer Sprache? So etwas wie die sanftere Variante von „ungeheuerlich“?)
      Ich glaube, ich habe echt eine mütterliche Art entwickelt, Filme anzusehen, ich muss das mal strenger an mir beobachten. Als ich auf deine Kurzbesprechung hin letztens „Rape and Death of a Housewife“ gesehen habe, hätte ich z. B. eingreifen und die Jungen, die vor Wildheit, Sauf- und Sexlust aus dem Bild fielen, auffangen und Eimer neben ihre Betten stellen mögen.
      Wäre ich wirklich Enz` Mutter gewesen, so wäre das nicht gut gewesen. Ich wäre jung und unglücklich gewesen, hätte wegen ihm nicht mehr ausgehen oder schreiben können. Ich hätte trotzdem Wärme versucht ;-), aber Jürgen hätte natürlich meine Einsamkeit, Bitterkeit und Armut mitgekriegt. Tatsächlich wäre ich neugierig auf seine Lebensgeschichte. Aber ich hörte schon von Marco, dass da anscheinend nichts herauszukriegen ist.

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