Lieblingsfilm: Teorema

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Wir sind, wie schon in meinem früher besprochenen „Lieblingsfilm“ „Moderato Cantabile“, wieder bei den Fabrikbesitzern in tristen Gegenden, ihren disziplinierten Ehefrauen und kontrollierten Kindern, in ihrem ernsten Reicheleutehaus. Gebunden auch in den „Zwängen der Heteronormativität“ (den Ausdruck hab ich zum ersten Mal von Rajko Burchardt gehört).

Solche fast erstarrten Menschen müssen Pasolini anfangs fremd gewesen sein, als er berühmt wurde und mit ihnen in Berührung kam. Ich stelle mir vor, es interessierte ihn, dahinter zu kommen, was sie bewegte, oder vielmehr lähmte.

Auf der Tonspur hört man die lauten Autos im kristallischen Winter in dieser echt erbärmlich aussehenden norditalienischen Industriegegend. Ich bin vor Jahren dorthin gefahren, um Pasolini zu treffen, obwohl ich wusste, dass er tot war, aber ich konnte diesen Hang zum Wahnsinn bei mir nicht beherrschen. Und das war kein Fehler.

Das ist der Film eines Getriebenen. Etwas zwang ihn, all diese Dinge zu wagen, dieses Persönliche, Verstiegene, Todernste, von vielen auch als skandalös Empfundene. Ich könnte jeder darin sein. Aber viel mehr ist Pasolini all diese Figuren, und das schreit zum Himmel, sozusagen. Es ist ein monströser Schmerz in diesem Film, den vielen Schichten, den aufgeladenen Details, dem genauen, kargen, dornigen Stil. „Mama, was hatte der Mann?“ würde ein Kind fragen.

Manche Menschen haben dieses emotionale Übermaß in sich, das sie nicht ertragen können. Darüber geht „Teorema“, noch mehr als meine anderen „Lieblingsfilme“ in dieser Reihe, die alle dieses Thema in sich haben. Pasolini musste versuchen, seine Sehnsucht nach der Kindheit und einer politisch besseren Welt, seine mystisch-katholische Religiosität, exzessive Sexualität und Überempfindsamkeit für die Geister des Ortes, die Erzählungen der Häuser und der Natur, in seiner zerrissenen Person zu vereinen. Und sie in etwas zu bannen, das nur vordergründig ein Film ist, und dahinter liegt etwas furchtbar Lebendiges, ein verstümmelter, wimmernder „Mensch“. Dieses Ecce Homo Ding in der Kunst ist immer eklatant fehl am Platz, zwischen den Statussymbolen der kommerziellen oder bildungsbürgerlichen Institutionen, wie in einer Eingeborenen- oder Freakshow, aber es gibt hier keinen anderen Ort dafür.

Die Geschichte: Ein charismatischer junger Mann wird jener in ihren Konventionen versteinerten Familie als Gast angekündigt, durch einen archaisch spaßigen, jungen Postboten namens Engel. Der Fremde ist unaufdringlich, angenehm, lebt ihr Alltagsleben mit, macht sich nützlich als Krankengymnast und Gesprächspartner. Und er ist gutaussehend, von uneinnehmbarer Würde und mit rätselhaften Augen, die alles zu verstehen und zu verzeihen scheinen.

Er löst aus, was in diesen Leuten gebunden war, ihre Fassaden lösen sich auf, die Gefühle werden lebendig und gehen nicht mehr weg. Alle fallen in brennende Liebe zu ihm und begehren ihn grenzenlos: Die unantastbar elegante Mutter (Silvana Mangano), in deren unwirkliches Porzellangesicht der Mund wie eine Wunde geschnitten ist. Der verwitterte, von Karrierekämpfen abgewrackte Vater, der wieder wie gesund und jungenhaft wird, wenn er mit dem Fremden zusammen ist. Die verhuschte Dienerin Emilia. Die brave, reduzierte Tochter. Der traurige Sohn, der, bis über die Ohren verlegen, neben dem Fremden sitzt und in einem Buch Francis Bacons Gemälde von gekrümmten Menschen betrachtet, die dem deformierten Zustand seiner und aller Gefühle in dem Film entsprechen. Immer wieder fixiert sich die Kamera sehnsüchtig auf wie Reliquien am Boden liegende Kleider; die Unterhosen sehen aus wie die von Jesus, als er gekreuzigt wurde.

All diese vor Spannung und innerem Kampf schon ganz unnatürlich und entrückt wirkenden Menschen stoßen verschämt, gequält „Entschuldigung, Entschuldigung“ aus, wenn sie merken, dass der Fremde merkt, was sie von ihm wollen. Und er beugt sich zu ihnen und schläft mit ihnen, aus Mitleid, universeller Zärtlichkeit. So wie in seinem viel trashigeren Umfeld auch Bruce LaBruce’s „L.A. Zombie“ handelte, als er das offene Herz eines tödlich Verletzten fickte, um ihn ins Leben zurückzuholen. Doch dessen Verletzungen waren nur körperlich; seine Patienten konnten ihrem unkonventionellen Retter nachher dankbar sein, und es war gut. In „Teorema“ freut sich niemand, dass er weiter leben muss.

Die Leute kommen absolut nicht damit klar, dass dieser Junge eines Tages verschwindet. Die Dienerin kehrt zurück zum heimischen Bauernhof, setzt sich auf eine Bank, will nicht aufstehen, will nichts essen, außer Brennnesseln, die Kinder für sie kochen. Aber sie kann Menschen heilen; Pilger kommen zu ihr, und sie kann über dem Dach schweben. Schließlich lässt sie sich in einer Baugrube beerdigen – nicht, um zu sterben, sondern um zu weinen, sagt sie. Die Tochter des Hauses versteinert in Sehnsucht und wird für unheilbar psychisch krank erklärt. Der Sohn wird in seinem Schmerz von genialer Erkenntnis über das Wesen der Kunst gepackt, verlässt sein Zuhause, malt und probiert in Erinnerung an das Bacon-Buch zwanghaft immer verrücktere Sachen aus und weint und lacht – „ein Kind, das weiß, dass es etwas für immer verloren hat“ – hysterisch über diese Obsession. Die Mutter verzehrt sich vor genitalem Verlangen, fährt durch die Stricherstraßen, lädt sich Jungen in ihr Auto, die ihm ähneln. Dann liegt sie mit einem dieser ausgesucht zufälligen Jungen im Graben nahe einer Kapelle, und die Standbilder der Kirchenfürsten und des Erlösers scheinen sie zu verurteilen, aber sie kann mit ihrer Sucht nicht aufhören und schreit im Auto, stumm und entsetzt, als sie merkt, dass es so ist. Der Vater fährt noch mal zu seiner tödlich schrecklichen Fabrik; er überlegt, sie den Arbeitern zu übergeben. Fährt zum großen Hauptbahnhof, wo er es nicht wagt, dem jungen Mann, mit dem er Blicke tauscht, auf die Toilette zu folgen. Und dann zieht er sich aus, in dieser atemberaubenden Szene, die Leute gucken – das taten sie auch schon vorher, es sind keine Komparsen, sondern reale, verwunderte Passanten – und er bahnt sich nackt seinen Weg durch die zurückweichende Menschenmenge und läuft in das vulkanische Ödland unter den unruhigen Wolken, dessen Bilder öfter schon wie Steine im Fluss der Handlung auftauchten. Und das ist das Ende dieses tiefen, großen Films: seine Schmerzensschreie und sein Weinen.

Italien 1968, Regie: Pier Paolo Pasolini

TEOREMA ist im Januar 2013 als limitierte Doppel DVD bei cmv Laservision erschienen. Für das Booklet wurde mein Text verwendet.

Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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Ein Kommentar zu "Lieblingsfilm: Teorema"

  1. Whoknows 19. Januar 2012 um 20:49 · Antworten

    Es ist mir gelungen, dich zu einer hervorragenden Besprechung zu zwingen. Darauf werde ich mir für den Rest meines Lebens etwas einbilden. Wer sich da nicht augenblicklich einer Sichtung hingeben möchte! – Ich muss zugeben, allgemein nicht ein Pasolini-Fan gewesen zu sein (da stecken enttäuschte billige Erwartungen eines Kindes dahinter: es hoffte auf wilden schwulen Sex und bekam das Hintergründige, das du in Worte fasst). Einzig „Il Vangelo secondo Matteo“ hatte seinen festen Platz in meinem Herzen. Dann sah ich „Teorema“… – Und jetzt weisst du, warum ich deine Besprechung wollte. :)

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