DVD: Bruderschaft

Weil er als Sergeant angeblich einem seiner Schützlinge zu nahe gekommen ist, wird Lars (Thure Lindhardt) aus der dänischen Armee entlassen und muss „sein Leben neu ordnen“, wie es so trocken heißt. Von Natur aus eher Einzelgänger, zieht er sich in die Arbeit auf einem Pferdegestüt zurück.
Beim abendlichen Besuch eines alten Freundes trifft er eine rechtsradikale Burschenschaft an. Als er sich mit deutlichen Worten verabschieden will, bietet ihm Mathias (Nicolas Bro), der Führer der Gruppe, die Stirn und versucht fortan, Lars mit Schmeicheleien in die Vereinigung zu ziehen. Zögernd folgt Lars dem Lockruf…

Anfangs scheint BRODERSKAB sich noch geschickt dem insistierend psychologisierenden und ermüdend sauberen erzählerischen Gestus des typischen Festival- / Problemfilm-Regiedebüts zu entziehen: Er gibt nicht vor, allzu viel über seine Figuren zu wissen, versucht nicht, ihnen vorzugreifen. Lange Zeit wahrt er eine erstaunliche und überaus angenehme Distanz zum vor allem aus bürgerlicher Sicht ungeheuerlichen  Geschehen, auch wenn einem bereits in der Eröffnungsszene Übles schwant: Da überfallen die Skinheads einen jungen Mann, der nervös drucksend an einem jener dunklen Orte herumsteht, die unter der Hand als öffentliche „cruising areas“ bekannt sind –  in der Hoffnung, von fremden Männern angesprochen zu werden. Nach verrichtetem Werk lassen die Männer von ihrem Opfer ab, nur einer von ihnen dreht sich um und tritt noch einmal nach dem jungen Mann. Es ist Jimmy (David Dencik), einer der beiden – unserer! scheint der Film zu rufen – Protagonisten.

Unerfreulicherweise entpuppt sich dieser Auftakt sehr spät im Film nicht als klassischer Prolog, sondern als Klammer, die sich der Film am Ende manierlich zu schließen anstellt. Doch dazu später mehr.
Zunächst jedenfalls flößt BRODERSKAB trotz der Weltkinokonform digital eingegrauten Bilder durch seinen Verzicht auf allzu aufdringliche erzählerische Striche noch ein gewisses Vertrauen ein. Nur in Andeutungen offeriert der Film mögliche Gründe für die Anziehungskraft, die die Neonazis offensichtlich auf den skeptischen und in seiner Position offenbar gefestigten Lars ausüben: Das sterile Weiß seines Elternhauses und das Hanteltraining vor dem Spiegel, kurz bevor er zu einem Treffen der braunen Truppe aufbricht. Als würde er sich herrichten für die Nacht, noch einmal stählen für die stählernen Jungs, die er besucht.

Es ist also sehr wahrscheinlich der Sex, den diese wüst gröhlenden und ihre Virilität in jedem möglichen Moment ausstellenden, kahlrasierten Männer ausschütten, der Lars schwach werden lässt. Ein alter Hut, eigentlich. Bestimmt kein „Tabuthema“ (wie anderorts im Zusammenhang mit diesem Film offenbar gerne behauptet) und in der jüngeren Vergangenheit ausgiebig analysiert, parodiert und im Film sowohl dokumentiert (MÄNNER, HELDEN, SCHWULE NAZIS) als auch lustbar ausgeschlachtet (SKIN FLICK / SKIN GANG) oder melodramatisiert (BLUTSFREUNDSCHAFT). Nicolo Donato versucht sich hingegen zahnlos an einer nüchternen Beschreibung dieses queeren Phänomens (bzw. queeren Komponente eines sozialen Phänomens), hätte letztlich jedoch vielleicht besser daran getan, sich dem voyeuristischen Eskapismus hinzugeben.

Ja, dabei wären ihm vielleicht auch die spannungsreichsten Momente seuber trüben Bestürzungssuppe abhanden gekommen: Nachdem Lars seine Einstandsprobe bestanden und einen Migranten zusammengeschlagen hat, bekennt er sich mit einem trockenen „Das war ich“ beim familiären Abendessen zu der Tat, über die seine Mutter empört aus der Zeitung vorliest. Die stoisch genossene Provokation bewirkt den unvermeidlichen Rausschmiss und das unvermeidliche Zusammenschweißen mit der Burschenschaft. Mathias bringt Lars im Landhaus des Vereinsvorsitzenden unter, das gerade von Jimmy renoviert wird.
Im angespannten Nebeneinander der beiden Männer, die selbst ohne gleichgeschlechtliches Publikum noch unsicher sind, wie stark sie ihr persönliches und auch ideologisches Revier gegenüber dem anderen markieren müssen, finden sich einige der präzisesten und ob der vorherrschenden Humorlosigkeit amüsantesten Beobachtungen des Films, die für einige kurze Augenblicke auch über schalen Filmhochschul-Realismus hinauswachsen.

Bio-Bier? Nicht sehr männlich!

Aber gut für deinen Körper!

Andererseits: Ein erregter Blick auf die gefährlichen Begierden in der Höhle des homophoben Löwen, auf athletisch-markige Kerle mit Hakenkreuz-Tattoos, die übereinander herfallen, das hätte den Film vielleicht vor seiner tristen Mittelmäßigkeit und anbiedernden politischen Korrektheit bewahrt. Denn ob ein Film dem besonderen Reiz einer verbotenen Liebe nachspürt, oder dem eines verbotenen Verlangens, er spürt doch zunächst dem Reiz des Verbotenen nach und dieser Reiz ist zunächst ganz klar ein sexueller, auch wenn er sich hier unter der schlaffen Beschwörung der großen Schwulenromanze versteckt.

Diese Beschwörung bedingt selbstverständlich die unvermeidliche und genreübliche Zuspitzung der Geschehnisse: die Beziehung von Lars und Jimmy wird in der Burschenschaft ruchbar, nachdem ein Schützling von Jimmy, selbstverständlich aus Eifersucht, die beiden Abtrünnigen verpetzt hat, es gibt die selbstverständliche Konfrontation in Form einer „Er oder wir“-Herausforderung an Jimmy, der Lars verprügeln muss, um die beiden aus der gefährlichen Situation zu befreien. Und dann schickt sich der Film selbstverständlich dazu an, jene Klammer zu schließen, die er zu Beginn geöffnet hat: Als Jimmy dann selbstverständlich doch noch den verschwollenen und halbohnmächtigen Lars im Auto verstaut, um mit ihm zu fliehen, springt ein junger Mann aus den Büschen und sticht ihn nieder. Und dieser junge Mann ist – selbstverständlich – jener schwule Junge, der zu Beginn des Films von den Skinheads verprügelt worden ist. Im Supermarkt, wo er als Kassierer arbeitet, hatte er Jimmy wiedererkannt. Auch auf einen dementsprechenden Einschub hat der Film, selbstverständlich, nicht verzichtet.

Verliebte Neonazis oder Underwear-Models von Calvin Klein?

So manöveriert sich der anfangs vielen offensichtlichen didaktischen Fallen ausweichende Film in der zweiten Hälfte mehr und mehr ins Aus der Gewöhnlichkeit und gibt die anfängliche, observierende  Distanz zugunsten einer berechnend auf Bestürzung zielenden, den Gesetzen des PC-Sozialdramas handzahm folgenden Kolportage auf. Angesichts dieser müden und feigen Armruderei in aseptischer HD-Glätte wünscht man sich das rotzige Glatzen-Gerammel von Bruce LaBruces SKIN GANG gleich doppelt herbei.

Broderskab, Dänemark 2009, Regie: Nicolo Donato

 

Verführerisch wogt das beglatzte Männerfleisch

Nur mit Reichsadler sind die Muskeln stilecht

Böse Jungs, die um die Häuser ziehen


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