Death Wish

Von  //  3. Dezember 2011  //   //  20 Kommentare

Charles Bronson in Death Wish.
Charles Bronson in Death Wish.

Wenn das Lexikon des internationalen Films schreibt: „Ein zynischer Film, der suggestiv und kalkuliert alle Mittel einsetzt, um Selbstjustiz zu rechtfertigen“, dann muss man hellhörig werden. Im allgemeinen wird der Film dem Genre des Rache-Thrillers zugeordnet. Obwohl das Motiv der Rache im Film präsent ist und explizit adressiert wird, geht die Charakterisierung des letztlich als Psychopathen angelegten Paul Kersey (Charles Bronson) jedoch weit über das simple Rache-Schema hinaus.

Kersey, leitender Mitarbeiter eines New Yorker Architekturbüros, verbringt mit seiner Frau Joanna (Hope Lange) den Urlaub auf Hawaii. Bevor die beiden die Rückreise antreten, werden noch Erinnerungsfotos am Strand gemacht. Was hier lediglich wie eine klischeehafte Exposition wirken mag, wird später an Bedeutung gewinnen. Bei genauer Betrachtung der Szene offenbaren sich bereits subtile Dissonanzen als Hinweis auf eine tiefer liegende Krise.

Zurück in New York kehrt für Kersey der Arbeitsalltag ein. Die Revolvergeschichten über die Kriminalität in New York, die ihm sein Kollege auftischt, übergeht er nonchalant. Wenig später werden seine Frau und seine Tochter (Kathleen Tolan) Opfer eines Verbrechens. Während die Tochter den brutalen Überfall in der Wohnung der Eltern psychisch schwer geschädigt überlebt, stirbt Kerseys Frau noch im Krankenhaus an ihren Verletzungen. Hier wird das Rachemotiv ganz offenkundig angelegt. Das Drehbuch stürzt sich aber nicht, wie man erwarten könnte, umgehend auf selbiges. Stattdessen kreist die Geschichte den Charakter quälend langsam ein. Kocht ihn gar. Konfrontiert ihn mit seinem Unterbewussten, das eine universelle Vergeltung einfordert.

Eine Schlüsselszene, in der Kersey selbst überfallen wird, macht dieses Vorgehen deutlich. Brachte er vor dem Verbrechen an seiner Familie noch viel Empathie für seine weniger gut gestellten Mitbürger auf, rüstet er sich danach mit einer archaisch anmutenden Waffe — einem mit Geldmünzen gefüllten Strumpf — aus. Auf dem Weg nach Hause erregt zunächst ein harmloser Passant sein unbegründetes Misstrauen. In der nächsten Einstellung sieht man im Hintergrund einen Polizeiwagen, der an ihm vorüber fährt; ein Synonym für das Unvermögen der Polizei den Bürger zu schützen, denn gleich darauf taucht hinter Kersey ein Straßenräuber aus der Dunkelheit auf. In einer verzweifelten Geste fasst sich Kersey ans Gesicht, bevor er sich verteidigt und den überraschten Dieb in die Flucht schlägt. Zuhause angekommen gießt er sich mit zitternder Hand einen Drink ein und zertrümmert in einem Anfall von Wut und Erschrockenheit über sich selbst das Interieur. Und dann schickt Michael Winner seinen Hauptdarsteller erst einmal in die Wüste.

Angesichts der eigenen Hilflosigkeit und der bescheidenen Ermittlungserfolge der Polizei reist Kersey im Auftrag seiner Firma nach Tucson, wo er einem Kunden vor Ort Vorschläge für ein Großprojekt machen soll. Es folgen etliche längere Szenen, die ihn bei der Ausübung seines Jobs zeigen. Sie sagen uns: Er ist beherrscht. Ein Profi. Ein Kreativer. Einer, der auf Argumente setzt. Und schon scheint Paul Kersey sich wieder im Griff zu haben. Doch die Fassade beginnt massiv zu bröckeln, als er in einem Gespräch auf einem Schießstand ungewollt mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert wird. Der geliebte Vater — ein ausgesprochener Waffennarr — wurde versehentlich erschossen. Kersey schwor fortan den Schusswaffen ab und diente während des Vietnamkrieges als Kriegsdienstverweigerer in einem Lazarett. Aber der Revolver in der Hand fühlt sich plötzlich wieder vertraut und gut an. Zu gut. Psychopathischen Züge werden offensichtlich.

Wieder in New York sieht Kersey seine Post durch. Eingetroffen sind auch Abzüge der Fotos, die auf Hawaii gemacht wurden. Eine dramaturgische Meisterleistung des Drehbuches, das hier das Rachemotiv erneut aufleben lässt. (Ich räume ein, dass die Begeisterung für diesen Einfall zum Teil damit zu tun hat, dass er in den Zeiten der Digitalfotografie obsolet wäre.) Doch erst als Kersey seine Koffer auspackt und das Abschiedsgeschenk des Kunden aus Tucson — einen auffälligen Revolver — findet, bricht sich der Selbstjustizgedanke endgültig Bahn. Bestärkt wird Kersey durch das Verhalten seines — in seinen Augen — schwachen Schwiegersohns (Stephen Keats als Jack Toby), der sowohl die Tatenlosigkeit und Willkür der Behörden hinnimmt, als auch ansonsten passiv bleibt. Kerseys Versuch, sich ihm zu erklären, muss scheitern.

Nun mutiert die Rache für geschehenes, individuelles Unrecht zum ungerichteten Feldzug gegen „das Böse“. Im Film wird dieses durch diverse Kleinkriminelle repräsentiert, die einen ziemlich plakativen Querschnitt der unangepassten und potentiell gewaltbereiten New Yorker Unterschicht darstellen. Ihre relative Gesichtslosigkeit ist nicht unbeabsichtigt, denn sie sind keine „echte“ Gefahr für die Gesellschaft. Sie erzeugen lediglich ein gefühltes Gefährdungspotential, auf das die Bürger, und vor allem die Medien, vehement abheben. Michael Winner geht hier nicht zimperlich vor. Die Figuren sind bis in Karikaturhafte überzeichnet und werden pauschal als „Ratten“ verunglimpft. Zur Vervollständigung des Bildes dienen fast schon penetrante Einblendungen der Titelseiten des New Yorker und das Einstreuen tendenziöser Fernsehnachrichten, die das Recht auf Selbstverteidigung glorfizieren. Liegen die Kritiker des Filmes falsch, wenn sie das als Beweis dafür heranziehen, dass Selbsjustiz in Death Wish verherrlicht wird? Definitiv. Die dargestellten medien- und sozialpolitischen Auswirkungen haben mit „Motivation“ des Hauptcharakters wenig bis gar nichts zu tun, denn es gibt keinen objektiven Hinweis darauf, dass Kersey sich von ihnen beeinflussen oder leiten läßt. Insofern können Sie nicht als Legitimation seiner Handlungen herangezogen werden. Kersey befindet sich auf seinem ganz persönlichen Todesritt, worauf bereits der Titel unzweideutig hinweist.

Kersey geht für seine Morde nicht ins Gefängnis oder wird sonstwie gerichtet. Man schiebt ihn ab. Will ihn aus Angst vor Nachahmern nicht zum Helden stilisieren. Ihm ist das egal. Auch, dass er die vorangegangene Schießerei überlebt hat, hat für ihn, der seit geraumer Zeit seiner eigenen Beisetzung beiwohnt, wenig Bedeutung. Am Schluss kommt er auf dem Flughafen von Chicago an, wo er die gleichen „Zustände“ vorfindet wie in New York. Folgerichtig erwägt er die Anwendung der gleichen Methoden. Wie immer man Death Wish wertet: Die letzte Einstellung ist die erschreckendste des ganzen Films.

Eine noch weiter gehende Detailbetrachtung scheint angezeigt, denn Death Wish ist in nahezu jeder Einstellung brilliant. Der beachtliche, vibrierende Score von Herbie Hancock tut sein Übriges.

Eine weitsichtige Besprechung zu Death Wish liefert Oliver Nöding hier in seinem Remember it for later Blog.

Death Wish (Ein Mann sieht rot), USA 1974, Regie: Michael Winner


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Eckhard Heck besitzt eine der umfangreichsten Baustellen-Sammlungen Nordrhein-Westfalens. Unter anderem ist er Autor, Musiker, Maler, Fotograf und Glaubensberater.

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20 Kommentare zu "Death Wish"

  1. Eckhard Heck 9. März 2013 um 20:04 · Antworten

    Michael Winner starb am 21. Januar 2013 in seiner Geburtsstadt London :( http://www.spiegel.de/kultur/kino/britischer-regisseur-michael-winner-gestorben-a-878840.html

  2. Silvia Szymanski 8. September 2012 um 15:16 · Antworten

    Das hier hab ich heute in Mamas Autoradio im Schlagersender aufgeschnappt. Besonders interessant vielleicht für dich, Ecki, und deine Schlagerrecherchen. I DID WHAT I DID FÜR MARIA. Unglaublicher Text, vor Häme strotzend, von Tony Christie 1971 schamlos fröhlich dargebracht. Ich kenne das Lied seit meiner Kindheit, hab aber erst heute erkannt, was darin los ist. DEATH WISH (1974) als Popsong. Ja, und dann möchte ich gern noch sagen, dass ich mich nicht wohl fühle mit dem, was meine Unwohlfühlbekundung bzgl. Evolutionspsychologie hier vielleicht ausgelöst hat, so dass der Außenseiter vergrätzt wurde. Das tut mir Leid. :-(

    http://www.dailymotion.com/video/x6o0a4_tony-christie-i-did-what-i-did-for_music

    • Eckhard Heck 9. September 2012 um 01:25 ·

      Oha. War mir auch nie aufgefallen, was der da verbrät. Und die Form der Darbieteung,… holla die Waldfee. Wenigstens wussten offenbar Garderobe und Bühnenbild, worum es geht. Tony wohl eher nicht. Aber das war schon ’71. Da kann man nur raten, auf welchen Western sich das bezieht. Könnte aber natürlich durchaus sein, dass sich Michael Winner von dem Song hat inspirieren lassen.

  3. Eckhard Heck 6. Dezember 2011 um 20:25 · Antworten

    Faszinierend, dass der Film nach so vielen Jahren noch so unterschiedliche Deutungen evoziert und einen zu einer Postion zwingt. Auch etwas, was ihn so gut macht. Die Wumme, die Kersey geschenkt bekommt, ist eindeutig zu klein. Ich denke, da sind wir uns einig.

    • Silvia Szymanski 7. Dezember 2011 um 09:54 ·

      Na, du bist mir einer, Ecki! Null sind wir zwei uns da einig ;-) Und unsere unterschiedlichen Deutungen zeigen zwar, was für unterschiedliche, schlaue Kerlchen wir alle sind. Aber meine Schwierigkeiten mit dem Film sind nicht sein Verdienst.

      Trotzdem, es ist auch für mich was dran an der „genauen Porträtzeichnung“ (Bianca), dem „unkonventiollen psychologischen Profil“ (der Außenseiter) oder an dem Satire- und Karikatur/Protokollieraspekt, den Sano und der Außenseiter sehen. Das finde ich alles gut gesagt, und es gefiel mir an dem Film ja in der ersten Hälfte.

      Zum Rache-/Selbstjustizding werd ich später noch was sagen. Ich bin dagegen.

    • Sano 7. Dezember 2011 um 12:41 ·

      Aber es zeigt doch zumindest, dass der Film (so wie er eben konzipiert ist), eine Auseinandersetzung geradezu provoziert. Sogar ca. 40 Jahre nach seinem Entstehen. Das sollte man ihm als Verdienst doch zumindest unterstellen. Das macht ihn vielleicht nicht gut, aber zumindest interessant. Ich muss sagen, dass ich persönlich auch meine Probleme mit ihm hatte/habe (habe ihn bisher nur einmal, im Kino, mit – wie ich finde fürchterlicher – deutscher Synchronisation angesehen, und musste, da ich von Winner ansonsten noch nichts kannte, sofort den nächsten Film den er daraufhin gedreht hat, „Chato’s Land“ [ebenfalls mit Bronson, und ebenfalls eine Rachegeschichte!] zu Hause auf DVD im Original gucken, um mich zu überzeugen, dass Winner kein inkompetenter Regisseur ist: Und siehe da, er weiß genau was er tut…), aber mir DEATH WISH nach den ganzen Kommentaren hier und einer weitergehenden Beschäftigung mit den Erinnerungsfetzen meines Erlebnisses von ihm, mir mehr und mehr ans Herz wächst. Am verlockendsten finde ich Außenseiters Behauptung, dass die Widersprüche nicht aufgelöst werden sollen(!), nicht vom Film und nicht vom Zuschauer, und ich gelange langsam zur Ansicht, dass diese Konzeption des Films wahrlich brillant ist. Vielleicht sollte ich ihn nochmal schauen – vielleicht gefällt er mir dann sogar.

      Was mich aber noch interessiert – neben Sylvias Ablehnung des Rache-/Selbsjustiz Gedanken – ist auf was sich der Tiel tatsächlich bezieht. Wer oder was ist dieser DEATH WISH. Es erscheint mir langsam, dass selbst die Zuordnung des Titels zu einer eindeutigen Person oder Programmatik scheitern muss, und sich schon hier die bewusste Vielfalt der Möglichkeiten spiegelt. „Death Wish“ der einer Gesellschaft nur den Spiegel vorschiebt, und nichts tun muss, als uns anzusehen, um diese vorhandene Vielfalt auszulösen. Eigentlich ja eines der Grundprinzipien des Kinos an sich: Wir sehen uns selbst zu (und können uns dabei auch noch selbst beobachten).

    • Eckhard Heck 7. Dezember 2011 um 13:37 ·

      Sano, ich bin der Überzeugung, dass mit DEATH WISH tatsächlich der Todestrieb des Hauptdarstellers gemeint ist. Das versuchte ich mit dem Satz „[ ] für ihn, der seit geraumer Zeit seiner eigenen Beisetzung beiwohnt, [ ]“ rüber zu bringen. Die Indizien, die dafür sprechen:

      1) Im letzten Shootout fordert er den „Gegner“ wie einem Duell heraus (was die Westernstadt-Szene wieder schön aufgreift). Er hätte ihn auch einfach umnieten können. Stattdessen nimmt er, bereits angeschossen, in Kauf den Kürzeren zu ziehen.

      2) Seine Geste am Schluss, die darauf hindeutet, dass er in Chicago nichts anderes tun wird, als in New York, bedeutet für mich: Er legt es darauf an so lange weiter zu machen, bis man ihm das nicht mehr durchgehen lässt. Dass der Zeitpunkt kommt und er dann auf dem E-Stuhl landet, dürfte ihm zu dem Zeitpunkt klar sein. Ich denke, dass das etwas ist, was die Amis beim Betrachten mehr mitdenken, als wir Europäer. Dass die DEATH WISH Serie dann noch ein paar Jährchen weiter ging, war vermutlich von Winner nicht geplant.

      3) Die Aussage nach dem Renovieren der Wohnung. Da sagt er sinngemäß: „Was soll ich tun, einfach hier rumsitzen und bis an mein Lebensende trauern?“. Das klingt m.E.n. viel zu offensichtlich/vordergründig nach Bewältigung. Ich lese das als Abschließen mit der Vergangenheit. Das ist eine sehr gute Szene, die Bronson genial in die Horizontale hineinspielt. Am Ende ist man ganz verwirrt und denkt wirklich darüber nach, ob man die Leber lieber blutig oder halbdurch hätte :). Rezeptvorschläge dazu folgen in Teil 2 der Besprechung – DEATH WISH REVISITED.

    • Sano 7. Dezember 2011 um 15:06 ·

      Deine Interpretation (die ich übrigens genauso verstanden habe wie du sie ausführst – das spricht also für dich und deinen klaren Schreibstil), hat mich erst auf die variablen Interpretationsmöglichkeiten des Filmtitels gebracht.

      Weitere zusätzliche (und deine Interpretation auch nicht negierende oder ausklammernde) Möglichkeiten wären z.B. auch:

      – Death Wish als allgemeiner Todestrieb (wenn man möchte, à la Freud) der sich in der Gewaltbereitschaft einer Gesellschaft ausdrückt
      – Death Wish ganz simpel als Wunsch nach maximaler Bestrafung der Überltäter (je nach perspektive)
      -Death Wish als Ausdruck einer passiven/apathischen Menschheit, die sich selbst ihrem Untergang verschreibt (unterdrückung des „tierischen“, „trieblichen“ „nichtrationalen“, was eben diesen nur umso mehr zum Vorschein treten lässt), [was wir ja mit der rapiden Zerstörung unseres Planeten, unserer Lebensgrundlagen, und letztendlich auch unserer selbsterschaffenen Zivilisation während der letzten 100 Jahre noch schneller vorantreiben als zuvor]
      – Death Wish als aktiver Wunsch nach Zusammenbruch des portraitierten gesellschaftlichen Systems (also aus Sicht des Filmschöpfers)

    • Eckhard Heck 7. Dezember 2011 um 16:55 ·

      Ja, alles durchaus denkbar. Man müsste Herrn Winner halt mal fragen. Der lebt ja (Gott sei Dank :)) noch. Ich fürchte nur, die Antwort könnte etwas unprosaisch ausfallen. So in der Art wie „Well, there was that guy on the set who had some beers too much the other night and who said: < < Man, my hangover is so bad, I wish I was dead >> and that’s where I got the title from“.

      :)

    • Frau Suk 7. Dezember 2011 um 18:58 ·

      Außerdem liegt die Deutungshoheit ohnehin nicht beim Regisseur, sondern beim jeweiligen Betrachter. Zulässig ist, was sich plausibel am Film belegen lässt.

    • Sano 8. Dezember 2011 um 20:17 ·

      @Eckhard und Frau Suk

      Bin auch Anhänger der „kunstwerk wird mit fertigstellung unabhängig vom Künstler“-Fraktion, mag aber generell trotzdem oft wissen, was Filmemacher über ihre eigenen Werke denken, da sie ja meist jemand sind, der sich einfach (wie ein guter Zuschauer oder Analytiker) viel mit ihnen beschäftigt hat. Meist sind die Begründungen aber tatsächlich weitaus prosaischer als man es sich denken würde. Meine Lieblingsaussage in zahlreichen Variationen à la „I just felt it was right to do it this way“ zeigt ja auch nur auf, dass ein Mensch als Schöpfer nur vermittler von Dingen ist, die in uns allen liegen. Daher wohl auch Worte wie Inspiration, etc.

  4. Der Außenseiter 6. Dezember 2011 um 12:20 · Antworten

    Vielen Dank, Ecki, für diesen angenehmen Text. Es wird häufig übersehen, dass Kersey, der im Buch von Garfield als Psychopath angelegt ist, auch im Film als einer gelesen werden kann. Michael Winner protokolliert und karikiert gleichzeitig, so das eine Zuordnung erschwert wird. Allein die Gestaltung seiner Symbolmontagen, oft noch leicht gekippt, macht seine Vorgehensweise so dissoziativ, so gespalten aus dem Realismuskino der 1970er und der manipulativen Kamera eines britischen Experimentalregisseurs (der Winner ursprünglich mal war).

    Vielleicht etwas trocken, aber vor vielen Jahren habe ich den Film im Zuge einer Arbeit der Medien- und Evolutionspsychologie mal für das Betrugs-Rache-Prinzip herangezogen. EIN MANN SIEHT ROT ist dafür eines der besten filmischen Beispiele, welches der angelsächsische Kulturraum je zustande bekommen hat. Beginnt mit Kapitel 3 der Vorstellung der Universal-Theorie über menschliches Denken in Bezug auf Zurückstehen bei der Übervorteilung innerhalb gesellschaftlicher Systeme, sowie einem Anhang, in dem anhand des Filmes exemplifiziert wird. Gerne würde ich den Film auch für eine Promotion verwenden. Vor allem aufgrund des unkonventionellen psychologischen Profils. Winner übernimmt einfach die Elemente Garfields, die Kersey als Psychopathen skizieren und stellt sie dissonant dar. Diese manipulativen Elemente dürften ein Grund für die kognitiven Dissonanzen, vielleicht sogar Dissoziationen, sein und den sich daraus ergebenden ideologischen Ablehnungen, Zustimmungen oder die Widersprüche auflösen wollenden Karikaturempfindungen sein.

    http://www.uni-saarland.de/media/fak5/orga/PDFs/materialien/mammut_tv.pdf

    • Silvia Szymanski 7. Dezember 2011 um 11:30 ·

      @http://www.uni-saarland.de/media/fak5/orga/PDFs/materialien/mammut_tv.pdf::
      Boah, Außenseiter, ich würde kein Evolutionspsychologe sein wollen. Dieser Blick auf die Dinge ist absolut nicht meiner, und ich fühle mich damit fett unwohl. Für mich gibt es auf dem ganzen Gebiet zu viele rationalisierende, zu einfach einordnende und unterstellende Interpretationen von etwas, das meinem Gefühl nach ein viel größeres Geheimnis ist. (Mir ist z.B. doch mein Fortpflanzungserfolg schnurz. Und mein fehlender „Drang, von der Heimat wegzugehen“ hat auch bisher noch nicht zum Inzest geführt, obwohl meine Mutter immer noch sehr attraktiv ist, oder kann man gemäß Evolutionspsychologie gar nicht schwul sein?;-)) Trotzdem, die Themen in den verlinkten Texten sind natürlich interessant. Ich mag ja ernste Gespräche sowieso total, besonders vorher oder nachher :-) – oh wei, du merkst es, Außenseiter, es ist heut nicht mit mir zu reden.

    • Sano 7. Dezember 2011 um 13:36 ·

      Ich habe ebenfalls große, und wohl unüberwindbare Probleme mit dem Text (die Ausführungen zum Betrug, vor den Ausführungn zu Death Wish), was auch mit für mich nicht greifbaren oder verständlichen Kategorien und Bezeichnungen wie „Fortpflanzungserfolg“ und „Inzest als biologisch nicht wünschenswert“ zu tun hat, aber auch mit dem Argument, dass „Logik“ etwas positives und vom menschen gewünschtes darstellt. Überhaupt erscheint mir (als Laien) der ganze Text nur so vor Vermutungen und Behauptungen zu strotzen, mit denen ich persönlich (rein als menschliches Wesen, nicht als Wissenschaftler) rein gar nichts anfangen kann.

      Das soll jetzt kein Angriff gegen dich (oder deine Arbeit) sein, sondern ist wirklich nur eine reine Selbstbeobachtung meiner Versuche den Text zu verstehen, bzw. seine Aussagen auf einem generellen Niveau akzeptieren zu können. Beides ist mir im Endeffekt wohl nicht gelungen (wobei ich persönlich aber behaupten würde, dass ich den Text verstanden habe, aber ihm in allen wichtigen Punkten widersprechen würde – letztendlich sogar im Punkt der Relevanz einer solchen Betrachtungsweise, womit ich wohl der Evolutionspsychologie in diesem Rahmen durchgeführt ihren Sinn und ihre Legitimität absprechen würde – bzw. diese darin sehen würde einen bestehenden Status Quo zu rechtfertigen).

      Die anschließenden Aüßerungen zu Death Wish sind dann zwar alle in ihren Ansätzen interessant, aber durch die ihnen zugrundeliegenden „Voraussetzungen“/Überlegungen für mich letztlich aber auch mehr als problematisch, und werden der zugrundeliegenden Komplexität in keinster Weise gerecht.

    • Der Außenseiter 7. Dezember 2011 um 23:27 ·

      Upps, es ist dann wohl doch etwas schwerer als ich mir das so gedacht habe, einen solchen Text in seinem Sinngehalt zu verstehen, wenn man nicht in der Materie ist. Das gesamte Vokabular wird dann wohl doch eher umgangssprachlich verstanden und die Texte und Theorien aus denen eine solche Arbeit ein Destillat darstellt, werden natürlich nicht mitgedacht. Daran merke ich, wie weit weg ich diesbzgl. schon vom Alltagsdenken meiner Mitmenschen bin. Allein der Evolutionspsychologie wissenschaftliche Relevanz abzusprechen, ist dann doch ein deutlicher Hinweis für die völlige Unkenntnis der Thematik. Hier möge man mich jetzt bitte nicht vorwurfsvoll verstehen, die ganze Sache bringt mich nur auf den Boden der Tatsachen, wie weit wir alle von unseren jeweiligen Erkenntnisrahmen weg sind. Die EP gehört, sowohl durch ihre Vertreter – Dawkins, Pinker, Chomsky – und ihre Kritiker – Gould, Buller -, die sie noch als nicht ausgereift genug sehen, zu den zentralen und wichtigsten sozio-psycho-bio-kulturellen Überlegungen der letzten 100 Jahre und entwickelt sich zu einer Universaltheorie, die natürlich noch voller Fehler steckt, aber das Zeug zu einer neuen Basistheorie hat. Das liegt auch an ihrer interdisziplinären Kraft, die vom Fachidiotentum der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts versucht wegzukommen.

      Nun ja, nichts für Ungut. :)

    • Sano 8. Dezember 2011 um 20:11 ·

      „und ihre Kritiker – Gould, Buller -, die sie noch als nicht ausgereift genug sehen“

      Ich könnte mich eventuell durch Einarbeitung in die Materie dieser Position annähern. :-)

      Ich halte meist nur nicht viel von solchen „Universal-“ und „Basistheorien“, da mir schon diese Konzeption an sich missfällt. Natürlich ist es immer gut vom Fachidiotentum wegzukommen, und jeder Schritt verschiedene Disziplinen miteinander zu verbinden ist ein wichtiger Schritt. DIe Evolutiospsychologie erscheint mir (aber daher ) aus rein persönlicher SIcht, ein Schritt zu einer weiteren möglicheren („besseren“) Grundannahme, „nur“ als Zwischenschritt. Das liegt sicher auch an meiner persönlichen Ablehnung vieler Grundannahmen von Evolutionstheorie und Psychologie. Zwei Gebiete deren Relevanz (heutzutage) unumstritten ist, die für mich aber nur Ausgangspunkte zu weiteren/neueren wissenschaftlichen Theorien sein sollten, da sie mir (wiederum als Laie – bin halt kein Evolutionstheoretiker oder Psychologe) zu kurz gedacht erscheinen.

      Aber das führt jetzt auch alles zu weit weg vom eigentlichen DEATH WISH-Thema, und hat sicherlich auch mit meiner generellen Wissenschaftlichkeitsskepsis zu tun, was das wissenschaftliche Vorgehen, bzw. viele Grundannahmen des wissenschaftlichen Vorgehens der letzten 300 Jahre angeht.

  5. Sano 5. Dezember 2011 um 18:43 · Antworten

    Interessante Perspektive. Ich sehe den Film eher als Satire, und als in dieser Form berechtigte Kritik an der Gewaltbereitschaft und Gewaltbesessenheit der Amis. Kersey würde ich in diesem kontext auch auf keinen Fall als Psychopathen bezeichnen. Dass er jedoch ein (bzw. mit dem Kindheitserlebnis 2) Traumata durchlebt hat, das (durch die mögliche Doppelung/Wiederholung relativ klar dargestellt) zu einem neurotischen/pathologischen Verhalten führt ist jedoch klar. Rein persönlich muss ich zudem eingestehen dass ich das „Problem“ Selbstjustiz in der bei uns üblichen negativ besetzten Form nicht verstehen kann. Unabhängig vom Film und den einzelnen Situationen, finde ich es persönlich eindeutig nicht problematisch jemanden zu erschießen, der einen mit einer Waffe (sei es Messer, Pistole oder sonstwas) bedroht. Wie heißt es doch immer so schön: man sollte nicht eine Waffe ziehen, wenn man nicht vorhat sie zu benutzen. Das ist natürlich nur meine persönliche Meinung, aber ich habe das Gefühl in unseren westlichen Gesellschaften immer (zumindest in Intellektuellenkreisen) einer grundlegenden Ablehnung von Gewalt in jeglicher Form zu begegnen, was mir milde gesagt gänzlich unverständlich scheint.

  6. Frau Suk 3. Dezember 2011 um 16:35 · Antworten

    Hm, ich hocke genau zwischen Euren Positionen. Ich hatte den Film anders in Erinnerung und war positiv überrascht, wie genau das Portrait von Kersey gezeichnet war. Vermutlich hatte ich in Gedanken auch die einzelnen Death-Wish-Teile vermischt. Ich mag die erste Hälfte des Films auch bedeutend lieber als die zweite.

    Auf der anderen Seite unterstützt gerade diese Starre und Monotonie, die Silvia im zweiten Teil missfallen und die ich beim Zuschauen auch anstrengend fand, die Struktur des Films und macht deswegen für mich Sinn. Kersey kippt um, vom integrierten Bürger wird er – nach dem Jekyll-und-Hyde-Prinzip – zum gewissenlosen Aufräumer, aus Graustufen wird Schwarz/Weiß, aus Feinstrick wird Sackleinen. Dass einem das unangenehm ist und man es kaum übergehen kann, spricht aus meiner Sicht dafür, dass es tatsächlich keine unreflektierte Selbstjustizbefürwortung ist. Gerade das Ende (das ich nicht schrecklich finde), trieft ja sogar vor Ironie.

    Ob das alles Kersey zu einem Psychopathen macht, hängt sicher auch von der Definition von Psychopathie ab. Ich halte empathieloses, manipulatives Über-Leichen-Gehen ohne einen Gedanken an Konsequenzen schon für psychopathisch, auch wenn man inzwischen aus Filmen sicher viel krassere Figurenkonzeptionen gewohnt ist.

    Von all dem abgesehen, habe ich es genossen, dass Death Wish im Alternativ-Monday-Programm tatsächlich als Film gezeigt wurde, mit Macken auf dem Streifen, vom Zusammenkleben zerstückelten Sätzen, Schneegriesel und Streifen. Mir kam er schon allein deshalb cool und authentisch vor. Auch wenn das Quatsch ist.

  7. Silvia Szymanski 3. Dezember 2011 um 15:52 · Antworten

    Es ist gut begründet, und ich kann nachvollziehen, wie du Death Wish siehst, Ecki. Aber ich hab den Eindruck, das Positive, das du und andere über den Film sagen, ist in vielem eine Reaktion auf die allzu pauschale Kritik, die er erfuhr. Und weniger eine Reaktion auf den Film, wie man ihn sähe, wenn noch keiner ihn verurteilt hätte. Death Wish muss nicht eindeutig als Selbstjustiz befürwortend gelesen werden. Aber inwiefern ist er brillant? Warum sollte er nicht bloß „gar nicht so schlimm, wie die Leute meinten“ sein, sondern toll? (Wenn der toll war, was war dann „Carlos“?) „Death Wish“ hatte für mich eine lebendige, abwechslungsreiche und angenehm anzuschauende erste Hälfte um ein sanftes, sozialdemokratisches Ehepaar. Ich mochte Jeff Goldblum als jungen Gangster, und die Vergewaltigung/Ermordung der Frauen fand ich erstaunlich aufreizend und genüsslich inszeniert, Architektenepisode und Westernstadt auch gut; unfreiwillig komisch die ferngesteuert aussehenden Statisten im Flughafen. Ein unterhaltsamer, gut gemachter Mainstreamfilm mit interessanten Momenten und Exploitationtouch in der ersten Hälfte. Aber die zweite fand ich langweilig und starr. Da schwang kaum noch was mit. Er hatte sich was vorgenommen und machte das jetzt, und das war`s. Immer die gleichen aufgekratzten Vogelscheuchen-Typen, die monoton totgeschossen und noch mal totgeschossen wurden. Du siehst Paul Kersey als Psychopathen, Ecki, aber ich finde, der Film gibt ihn so nicht zu erkennen. Er zeigt uns nur einen, der sich sein Leben nicht mit lange trauern versauen möchte, sondern sich neu definiert, bestätigt wird und augenscheinlich aufblüht. (Meine Theorie über das, was der Film auch sagt: Sobald er ohne Frau ist, geht er seinen eigenen, harten und erfolgreichen Weg. Zuvor hat ihn die Liebe zahm und seine Eier weich gemacht. Nun wird er der Revolverheld, der er schon als kleiner Junge sein wollte. Die Frau muss dazu tot sein – erstens um ihn nicht mehr zu hemmen, und zweitens, damit es was Intensives zu fühlen und einen edlen Grund, ins Feld zu ziehen gibt. Das ewige Motiv.)

    • Eckhard Heck 6. Dezember 2011 um 20:15 ·

      Carlos ist auch toll :)

      Vielleicht habe ich mich wieder zu mehr Erklärungsversuchen hinreissen lassen, als nötig. Aber der Punkt, den ich da meine gefunden zu haben, war mir wichtig. Was an dem Film ansonsten und eigentlich toll ist, … hm … das zu beschreiben braucht wohl noch einen zweiten Beitrag, der unter dem Arbeitstitel „Death Wish Revisited“ schon in meiner Birne reift. Stichwort „ökonomisches Actionkino par excellence“. Und dazu gehören natürlich auch die Flughafenszenen, wo man teilweise die Komparsen mehrmals durchs Bild laufen sieht :)

      „Sobald er ohne Frau ist, geht er seinen eigenen, harten und erfolgreichen Weg. Zuvor hat ihn die Liebe zahm und seine Eier weich gemacht.“ <<< Den Film würde ich gerne sehen :)

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