Elephant White (Prachya Pinkaew, USA 2011)

Von  //  23. Oktober 2011  //  Tagged: , , , , ,  //  1 Kommentar

Alle Bilder: Koch Media
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Der Blick durch das Zielfernrohr. Ein Fenster, dahinter ein Mann. Schuss. Der Mann fällt. Nachladen, Schwenk nach rechts. Das nächste Fenster, der nächste Mann, der nächste Schuss, der nächste Tote. Prachya Pinkaew schaut in „Elephant White“ einem Profikiller und Scharfschützen über die Schulter. Was er sieht, verstört. Nur ihn nicht, weshalb auch sein Film viel zu sehr mit sich selbst im Reinen ist.

Curtie Church (Djimon Hounsou) räumt im Auftrag eines Geschäftsmanns, dessen Tochter in die Fänge eines Prostitutionsringes geraten war, drogenabhängig gemacht und schließlich umgebracht wurde, in der Unterwelt Bangkoks auf. Ein junges Mädchen namens Mae (Jirantanin Pitakporntrakul), das den Verbrechern entkommen konnte, heftet sich an seine Fersen und hilft ihm mit Informationen, genauso wie der ehemalige Undercover-Agent und jetzige Waffenhändler Jimmy (Kevin Bacon). Curtie richtet ein wahres Blutbad an, doch dann erfährt er, was es mit dem angeblichen Vater auf sich hat – und wer Mae wirklich ist …

Neben dem kürzlich hier besprochenen „Assassination Games“ erscheint mit „Elephant White“ dieser Tage ein weiterer Actionfilm um einen Profikiller auf DVD. Gegenüber dem Van-Damme-Film stand „Ong-Bak“-Regisseur Prachya Pinkaew deutlich mehr Geld zur Verfügung, was sich nicht nur in der Anwesenheit der beiden Hauptdarsteller niederschlägt, sondern auch in den auf Hochglanz polierten Bildern des nächtlichen Bangkok und den aufwändig durchchoreografierten Actionszenen. Doch es ist gerade diese schnittige Gestaltung, die den Film so zwiespältig macht. Mehr als am Profikiller-Film orientiert sich „Elephant White“ am Selbstjustiz- und Vigilantenkino, schickt seinen Killer in einen apokalyptischen Sündenpfuhl, in dem das Verbrechen ungestraft vor sich hin wuchern darf, und konfrontiert ihn dort mit dem größten vorstellbaren menschlichen Abschaum: Männer, die minderjährige Mädchen mit Drogen gefügig machen und dann auf den Strich schicken. Man ahnt schon, dass es schwierig ist, dieses Sujet auf „geschmackvolle“ Art und Weise auszubeuten.

Gleich in der Auftaktszene des Films wird der Zuschauer „auf Linie gebracht“, darf Augenzeuge werden, wie bedröhnte Gangster einem Mädchen erst einen Schuss setzen, dann ein anderes im Nebenzimmer vergewaltigen. Das folgende Attentat Curties auf die Verbrecher darf im Wissen bejubelt werden, dass es hier die Richtigen getroffen hat. Zwar wird Curtie im Verlauf des Films durchaus als Gebrochener gezeichnet, als Außenseiter, der sich längst damit abgefunden hat, nicht mehr in die menschliche Gesellschaft zurückkehren zu können, doch schwingt in dieser Zeichnung eher das Bedürfnis mit, ihn zum tragischen Helden zu stilisieren, anstatt den Zuschauer auf Distanz zu ihm zu bringen. Doch dieses Bedürfnis steht im krassen Widerspruch zu dem Bild, das sich dem Zuschauer während der Actionszenen bietet: Hier ist ein Mann am Werk, der völlig mitleidlos und aus sicherer Distanz den Abzug drückt und sich dafür auch noch bezahlen lässt (auch wenn das Geld nicht seine Hauptmotivation sein mag).

Eine minutenlange Szene, in der Curtie aus seinem Versteck heraus 10 bis 15 Menschen durch gezielte Schüsse hinrichtet, ist das „Herzstück“ des Films und brillant inszeniert, fast ausschließlich durch das Zielfernrohr hindurch beobachtet. Leider versäumt es Pinkaew, das Gefühl, das sich bei der Betrachtung einstellt, auch in seiner Erzählung aufzugreifen. Während man sich angesichts der Kaltblütigkeit Curties gleichzeitig angezogen und abgestoßen fühlt, suhlt sich der Film zwischen seinen Gewaltexplosionen tief in Melodramatik und Pathos, stellt dem Killer sogar spirituelle Mächte an die Seite, die ihn dabei unterstützen, das Karma wieder geradezurücken, und drückt ihm darüber hinaus von Actionszene zu Actionszene dickere Schießprügel in die Hand. Der finale Plottwist ist für jeden halbwegs versierten Filmzuschauer von langer Hand abzusehen und nur das eklatanteste Beispiel für den unentschlossenen Mischmasch, den Pinkaew hier abgeliefert hat: ein bisschen Selbstjustiz-Action, ein bisschen Buddy Movie (Kevin Bacon darf sich als Engländer Jimmy gar an einem lustigen Cockney-Akuzent versuchen), ein bisschen Drama und schließlich sogar ein bisschen Mystery- und Geisterfilm. Von allem etwas, aber demzufolge nichts richtig. Und dazu immer wieder abgeschmackte Regieeinfälle wie jener, von einer Vergewaltigung zu einem Garnelenspieß zu schneiden, der auf dem Grill gewendet wird. „Elephant White“ gelingt wirklich das Wunder, nie den richtigen Ton zu treffen.

Pinkaew platzierte mit „Ong-Bak“ vor mittlerweile acht Jahren Thailand als neues Actionwunderland auf der Weltkarte. Die Mängel, über die man damals noch wohlwollend hinweggeschaut hat – die dümmliche Geschichte, die mit Ausnahme der Actionszenen überaus hausbackene Inszenierung, das meterdick aufgetragene Pathos –, haben sich leider als integraler Bestandteil des thailändischen Actionkinos erwiesen. Auch „Elephant White“ liegt ganz auf dieser Linie – obwohl er mit US-amerikanischen Geldern finanziert wurde. Und da sage nochmal jemand, ausländische Regisseure würden gnadenlos assimiliert werden, sobald sie in Hollywood drehen …

Elephant White (USA 2011, Prachya Pinkaew)

„Elephant White“ ist am 21. Oktober auf DVD erschienen.


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Lebt in Düsseldorf, schaut Filme und schreibt drüber.

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