Behind the Green Door

Von  //  5. Oktober 2011  //  Tagged: ,  //  2 Kommentare

They laugh a lot behind the green door, wish they’d let me in (Song von Jim Lowe, 1956, der den Titel inspirierte)

Dieser Film hat manches mit Café Flesh gemeinsam: die bedenkliche Nötigung der weiblichen Hauptfigur „zu ihrem Besten“, die durchschaubar rund um eine Live-Sex-Bühnenrevue konstruierte, etwas holzschnittartige Handlung… aber eigentlich kommt es nur auf das Eine an, das durch die grüne Tür kommt, und das ich einzigartig in der bisher von Frau Suk und mir gesichteten Pornolandschaft finde. Es nimmt die ganze zweite Hälfte des Films ein, aber wir müssen uns erst durch die etwas zähe, erste Hälfte beißen.

Und die geht so: Zwei Trucker kehren ein in einen Imbiss, wo sie dem Koch die Story von der grünen Tür erzählen. Dann sehen wir, was sie erzählen: Die beiden lauern auf einer Hotelterrasse einer ahnungslosen Lady auf, die dann von Kidnappern (gespielt von den Regie führenden und sexclubbetreibenden Mitchell Brothers selber) in einen Sex-Club verschleppt wird. Wofür die Mitchells, im Leben außerhalb des Films, viel Knete kriegten (der Film war sehr erfolgreich), aber auch viel Schelte, z. B. von der amerikanischen Filmwissenschaftlerin Linda Williams, u. a. auch dafür, dass hinter der grünen Tür dem Opfer auch noch scheinheilig eingeredet wird, dies werde sich als schönstes, unvergesslichstes Erlebnis ihres jungen Lebens entpuppen. Woraufhin die Entführte sich dazu bringen lässt, das, wozu man sie zwingt, auch noch zu genießen…

Wenn das nicht bloß ein Film wäre, wäre diese Handlungsaussage in der Tat empörend. Und „bloß ein Film“ zu sagen, geht auch nicht, beim zweifellosen Einfluss von Filmen auf uns.

Exkurs: Vielleicht ist es so: Die Auswirkung von Filmen auf die Realität, wo die Umstände und der Wille anderer mächtig mitspielen, ist begrenzt und selten direkt. Wer als Carrie Bradshaw aus dem Kino kommt, taumelt von den hohen Hacken: Alles, auch man selber, ist geschrumpft und schäbig; der Film ist eine Art Märchen und lässt sich nicht auf die Welt übertragen. Aber man trägt ihn in sich, er fließt in die uferlose Welt der Träume und Tagträume, feuert sie an, verschleppt einen selbst wie die bösen Männer in „Behind the Green Door“.

Ich glaube, die Sexualität hat es besonders schwer, die beiden Welten zu trennen. Es ist verwirrend, dass man davon träumt, überwältigt zu werden, um der Selbstkontrolle zu entkommen, in der Realität aber immer von den Falschen vergewaltigt wird. Mich hat z. B. einmal ein Junge zu vergewaltigen versucht, der später der Polizei erzählte, er habe vorher Pornofilme angeguckt und sie nachspielen wollen. Ob er sich dort nur den Mut holte, oder ob ihn die Filme erst verrückt gemacht hatten, wird man nicht auseinander klamüsern können.

Seine Sexualität ließ sich nicht dem Prinzip „verantwortliches Handeln“ unterordnen. Es ist ja auch ein Kreuz. Sexualität will Gesetzlosigkeit, und muss doch vorher fragen, nett sein, Neins akzeptieren, Türen abschließen und sich oder anderen Kondome überziehen, weil alles, scheiße alles Konsequenzen hat. Obwohl sie offensichtlich nicht von dieser Welt ist, ist sie doch schuld an praktisch allem. Deshalb wurden Bühnen und Filme erfunden, denke ich immer, damit man machen und sehen kann, was nicht ins Leben passt und dennoch in uns ist und raus will. Durch diese grüne Märchen-Tür.

Sorry, wo waren wir? Die aparte, mädchenhafte Gloria (Marilyn Chambers), die wir auf der Terrasse zurückgelassen haben, wird also von den beiden bösen Männern in ihren doofen Club gebracht, weil es aufregend aussehen wird, wenn solch ein feiner Mensch all diese sexuellen Sachen macht. In der Garderobe wird ihr von einer sich naseweis als Expertin aufspielenden Dienerin eine langweilige erotische Massage, Hypnose und autogenes Training verpasst, während sich die bourgeoisen Gäste im Saal das längliche Vorprogramm – eine weibliche Clownspantomime – ansehen. Dann wird unser Opfer auf die Bühne geführt und dort sexuell stimuliert, von Frauen in Gewändern, die an verschiedene Hippiegemeinden von Sekten bis hin zu Charles Manson’s erinnern. Das hat immer noch was Zähes, Starres, Formelles.

Das Eis bricht (wie das olle Puzzy Power Manifest es sagen würde), als ein schwarzer Lover (Johnny Keyes) durch die grüne Tür die Bühne betritt. In absonderlicher Aufmachung – eine weiße Ballettstrumpfhose, die nicht den Popo, aber sein Geschlechtsteil nackt lässt, und weiße, primitive Kampfbemalungen im Gesicht. Und doch sieht er einfach klasse aus, wenn er es macht – von Grund auf richtig und stimmig, man fühlt das mit, es groovt und funkt, es ist zärtlich und wild, es wird sexy geküsst, und wir sehen den ersten weiblichen Orgasmus unserer abenteuerlichen Reise in die Welt of Porn bei Hard Sensations; man kann die Frau verstehen.

Von da an hört es praktisch nicht mehr auf. Alle werden angetörnt, das Publikum zieht sich aus, fellinihaft dicke Frauen, Physikstudenten, Mathelehrer, Hippiemädchen, weiß der Geier, alle legen ab, was sie da draußen sind, werden prompt sympathischer und machen eine Breitwandorgie, Leiber über Leiber, ein Rubens-Höllensturz, ein Hieronymus-Bosch-Teil, das Cover von Electric Ladyland, die Rocky Horror Picture Show, das nackte Hair-Ensemble, Oh! Calkutta, Kommune 1, Baghwangruppen, die Mamas and the Papas und die Les Humphries Singers nackt. Es sieht klasse aus und dauert ewig.

Als der Film mal langsam aufhören muss, sehen wir noch mal einen der Trucker vom Anfang, die wir vollkommen vergessen hatten, seinen Truck besteigen. Und während er nach Hause fährt, gehen die Szenen in seinem Kopf weiter und weiter.

Wow. Frau Suk, finden Sie, dass ich übertreibe? Sie kritisieren oft zu Recht den Hochmut der Pornomänner, die glauben, Frauen in die sexuelle Schule schicken zu müssen. Andererseits: der erste weibliche Orgasmus…

*

Nein Frau Szy, Sie übertreiben nicht. Das ist wirklich ein einzigartiger Streifen mit magnetisierenden Bilder und psychedelischen Farbräuschen. Opulent, verschwenderisch, verfressen. Ich finde nichts an Behind the Green Door verwerflich, denn ich lese den Film komischerweise ganz anders, als Linda Williams es offenbar tut (zu ihren Einzelanalysen bin ich immer noch nicht vorgedrungen, ich verlasse mich also faulerweise auf Ihre Lektüre, Frau Szy. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich Hard Core nach den ersten beiden Kapiteln beiseite gelegt habe. Nicht für immer, aber für den Moment, in dem ich mir die unvoreingenommene Sichtung nicht durch fremde Auswertung einfärben lassen will.). In meinen Augen handelt es sich hier sogar um einen der wenigen (wenn nicht einzigen) von uns gesichteten Film, in dem einzig die Perspektive der Protagonistin zählt. Die Szenen im Club sind viel zu skurril, die Entführung viel zu gestellt, die auf Gloria ausgeübte „Gewalt“ viel zu zahm, als dass sie auch nur ansatzweise einer ernst gemeinten Vergewaltigung entsprechen könnten. Gloria wehrt sich gegen nichts, was geschieht. Und obwohl die seltsame Ministrantin aus der Masseusen-Szene (Elizabeth Knowles alias Lisa Grant) behauptet, Gloria zittere, wirkt sie auf mich in keiner Weise eingeschüchtert.

Ich glaube sogar, dass alles was wir sehen (mit Ausnahme der Rahmenhandlung an der Theke und den Sexszenen mit Trucker Barry im Abspann) zu einer ausgefeilten Sexphantasie der Protagonistin gehört; natürlich auch die Entführung, die offenbar für einen gewissen Thrill sorgt, und die Passage mit dem autogenen Training, die auch ich ermüdend finde. Der Schnitt ins Theater, in dem gerade ein Pantomimenspiel über das Aufsetzen und Abnehmen von Masken gezeigt wird (Prolepse), ist dann auch präzise gesetzt. Wir sehen eine Großaufnahme von Glorias Gesicht (sie liegt immer noch beim Vorspiel auf der Liege der Masseuse), blicken in ihre Augen und – zack – sehen wir, was sie sich noch alles ausdenkt.

Indem wir durch Glorias Augen quasi in ihren Kopf blicken, werden wir zu einem Teil des Theaterpublikums und damit zu Zeugen von Glorias Vorstellung (im doppelten Sinne). Wenn uns das Gezeigte bizarr vorkommt, wir keine Lust auf Pantomime haben oder uns Setting und Szenenwechsel weit hergeholt erscheinen, ist das letztlich unser Problem. Wir können froh sein, dass wir überhaupt zuschauen dürfen bei dieser sehr privaten Vorstellung. (Wer hätte sie nicht, diese ganz intimen Phantasien, die jedem anderen absonderlich oder vielleicht sogar pervers vorkämen? Und wer würde bei fremden Phantasien nicht mal gerne Mäuschen spielen?) Wie die Theaterzuschauer, die von den Platzanweisern die strikte Anordnung bekommen, sich nicht einzumischen, egal, was geschieht, können wir das Treiben auf der Bühne nur als stille Teilhaber betrachten. Teilnehmen können wir nicht (immerhin schauen wir einen Film), an unseren eigenen bescheidenen Status als Zuschauer erinnert uns Behind the Green Door immer wieder.

Auch Barry, von dem ich annehme, dass er die ganze Zeit über Glorias Geliebter ist, sitzt im Publikum und darf sich in das Bühnengeschehen nicht eingreifen. Zwar scheint Gloria ihre Phantasien mit ihm zu teilen (immerhin kann er sie an der Imbisstheke als Geschichte erzählen), doch Einfluss hat er darauf nicht. Der heiße schwarze Lover vögelt Gloria dann auch genau so, wie sie es braucht, nicht wie der Pornokonsument es mutmaßlich gerne hätte oder gewohnt ist. Der perfekte Liebhaber (wo anders sollte er wohnen als in der Phantasie?) betätigt sich geduldig und ausdauernd so lange in der Gloria offensichtlich genehmen Stellung, bis sie zum Orgasmus kommt. Ihre Befriedigung steht im Mittelpunkt, auch wenn das bedeutet, dass für das Publikum nicht viel zu sehen ist. Keine Großaufnahme von Geschlechtsteilen (die werden in der Stellung weitgehend verdeckt), keine akrobatischen Positionswechsel, kein Cumshot. Als Gloria kommt, sehen wir nur ihr Gesicht, Sex findet eben im Kopf statt. Um die anderen kümmert sich Gloria erst danach. Mit Genuss (wie es sich für mich darstellt) bringt sie drei gut gebaute Herren zum Höhepunkt. Die kritisierte Szene, in der die Männer Gloria ins Gesicht ejakulieren, ist durch Zeitlupen, Farbfilter und Loops stark verfremdet und ästhetisiert, als wäre das, was dort geschieht, nicht von dieser Welt.

Wenn man alle Vorurteile (Frauen finden Sperma immer eklig, Ejakulat im Gesicht ist per se eine Erniedrigung usw.) beiseite lässt, muss man auch diese Szene als Teil Glorias exstatischer Phantasie begreifen. Immerhin küsst sie aus eigenem Antrieb die ejakulierenden Penisse, sie behält die Kontrolle. Damit ist nicht gesagt, dass alle Frauen den Orgasmus des Sexpartners geil finden müssen, aber Gloria tut es offensichtlich schon. Anders als von der Kritik behauptet und vor allem anders als in vielen anderen der von mir gesichteten Pornos – wird aus meiner Sicht die Protagonistin hier nicht benutzt; ihre Lust ist Voraussetzung dafür, dass auch die männlichen Sexpartner zum Zuge kommen, alles ordnet sich ihrer Phantasie unter, getan wird nur, was sie erregend findet.

Wie Barry lässt sich das Theaterpublikum (und – so der Zweck eines Pornos – letztlich auch das Filmpublikum) von Glorias Sexträumerei aufgeilen. Wie die Gruppe der Pornokonsumenten setzt  sich das voyeuristische Theaterpublikum aus einem Querschnitt der Gesellschaft zusammen; Dicke, Dünne, Haarige, Kahle, Kleine, Große. Wie in Schnitzlers Traumnovelle tragen sie Masken, doch diese fallen wie sämtliche andere Hüllen. Alle rasten aus. Der Sex spielt sich jetzt nicht mehr auf, sondern vor allem vor der Bühne ab (und vielleicht auch im Sexkino oder vor dem Fernseher). Der Gewinner ist am Ende Barry. Er, der Liebhaber in Glorias „echtem“ Leben darf sie nach der Vorstellung aus ihren Träumen holen und mit nach Hause nehmen. Er verlässt mit ihr die Bühne durch die grüne Tür, dem Tor zwischen Realität und Phantasie. Zum Schluss sehen wir die beiden beim liebevollen und offensichtlich für beide lustvollen Sex. Das Teilen der Phantasie gerät dem Paar scheinbar nicht zum Nachteil, sondern bereichert das Sexleben, und so nimmt auch Barry irgendwann die Missionarsstellung ein und behält sie bis zu Glorias Höhepunkt bei, wie es der phantastische schwarze Lover zuvor getan hat. Mit der Kommunikation über eigene Bedürfnisse – und auch das mag eine Referenz auf Schnitzlers orgienhaltige Traumnovelle sein – steht und fällt die Beziehung.

Potenziert wird der Reiz des Films durch weitere Querverweise. Allerdings glaube ich, dass der Einfluss von O. Henrys (alias William Sydney Porter) Kurzgeschichte The Green Door hier sogar noch wichtiger ist als die Verbindung zu Jim Lowes Song. Auch Henrys Geschichte beginnt mit einem Gedankenspiel. Was wäre, wenn sich der direkt adressierte Leser auf plötzlich sich eröffnende Abenteuer einließe, wie Protagonist Rudolf Steiner? Steiner jedenfalls, eigentlich auf der Jagd nach einer flüchtigen Romanze, bekommt als einziger der zahlreichen Passanten gleich zweimal in Folge von einem großen, auffällig gekleideten Schwarzen (!) ein Kärtchen mit der Aufschrift „The Green Door“ zugesteckt. Am Ende der Geschichte wird sich herausstellen, dass die Karte ein Werbeflyer für ein Bühnenstück (!) ist, doch Steiner verwechselt die Gebäude. So zufällig, wie es in der Literatur nur sein kann, findet Steiner im falschen Haus tatsächlich eine grüne Tür und dahinter die Liebe – in Gestalt einer halb verhungerten jungen Frau. Die motivische Verbindung zwischen dem Begehren Glorias und dem Hunger des Mädchens, das sich wie ein wildes Tier auf das von Steiner dargebotene Festmahl stürzt, ist deutlich. Zudem erzählt Kumpel Dudley (Yank Levine) Barry auf der Hotelterrasse wohl nicht ganz zufällig von einem großen Fressen („Man, how I ate! Like it was the last day on earth!“), und gleich zweimal wird in Behind the Green Door das Wort „Eat“ in Form einer Restaurant-Leuchtschrift eingeblendet – lesbar als allseitige Aufforderung, alles Appetitanregende zu konsumieren. Fleisch ist in aller Munde.

Die Regisseure Artie und Jim Mitchell versuchen, auf eigene Weise die Mechanismen sexueller Erregung zu ergründen und verlassen sich dabei nicht auf die Wirkung erprobter Pornoverfahren. Behind the Green Door spiegelt, wie wir uns von dem erregen lassen, was wir sehen, und wie groß die Wirkung (geheimer) Phantasien auf unser Lustempfinden ist. In einer Art autoreflexiver Selbstbeschau wird der Stellenwert pornographischer Darstellungen damit neu bewertet. Das ist für einen auf den ersten Blick krude gestrickten Porno eine bemerkenswerte Leistung, wie ich finde. Gerade die Schachtelkonstruktion (Vorstellung in Vorstellung in Vorstellung), die Querverweise und das Spiel mit den Realitätsebenen machen Behind the Green Door für mich zu einem der besten Vertreter des Genres, ganz dicht auf mit dem thematisch verwandten Through the Looking Glass.

USA 1972, Regie: Artie Mitchell, James Mitchell (aka The Mitchell Brothers)

Über den Autor

Silvia Szymanski & Bianca Sukrow | Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten. Bianca Sukrow, geb. in Aachen, ist Literaturwissenschaftlerin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Mitgründerin des Leerzeichen e.V. Das alles hält sie nicht davon ab, über Sachen zu schreiben, von denen sie keine Ahnung hat (Filme z. B.)

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2 Kommentare zu "Behind the Green Door"

  1. Whoknows 5. Oktober 2011 um 20:28 Uhr · Antworten

    Und ich erwartete ernsthaft, es handle sich um die Verfilmung eines erst neulich entdeckten Kinderbuchs von C.S. Lewis. Wie trügerisch diese Titel doch sein können! Muss man sich stattdessen nackige Weiber anschauen. Pfui! – Wenigstens tröstet mich das Ding des schwarzen Manns: auch nicht beeindruckender als meines. ;)

    • Frau Suk 5. Oktober 2011 um 23:32 Uhr ·

      Och, nur weil nackige Weiber nicht ins Beuteschema fallen (in meins übrigens auch nicht), heißt das ja nicht, dass sie nicht hübsch anzusehen wären. Ich finde die Auswahl der Protagonisten jedenfalls ästhetisch wertvoll (schwarz/weiß ist doch nach wie vor beim Film ein Hinweis auf Qualität ;-))

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