Bedways

Von  //  26. Oktober 2011  //   //  1 Kommentar

Mani-Pulation. Bedways von RP Kahl.
Mani-Pulation. Bedways von RP Kahl.

Die Premiere von RP Kahls neuem Kurzfilm Miriam auf dem diesjährigen Pornfilmfestival nehmen wir zum Anlass, Kahls 2010 veröffentlichten Langfilm Bedways einer Sichtung zu unterziehen.

Wahrheit oder Pflicht. RP Kahls Bedways ist ein reizvolles Spiel mit dem Ernst. Kann man sich in sexuelle Anziehung, Zuneigung, vielleicht sogar Liebe hineinspielen? Ist die Liebe dann echt? Und was ist überhaupt Spiel? Alles oder nichts? Was ist das, was uns geil macht? Wir selbst oder der andere? Können wir sein, was wir sein wollen, oder müssen wir bleiben, was wir sind? Oder sind wir so, wie die anderen uns sehen? Regisseurin Nina (Miriam Mayet) jedenfalls will es genau wissen, besonders die Sache mit dem Sex, und so lässt sie Schauspieler Hans (Matthias Faust) und Darstellerin Marie (Lana Cooper) in einer perfiden Versuchsanordnung aufeinander los. In einer leerstehenden Berliner Wohnung machen die drei „Probeaufnahmen“ für Ninas Film. Einen Film über – ja, was eigentlich? Nina will „the real thing“, echte Gefühle, echte Lust, echten Sex, auch wenn sie nicht konkret formulieren kann, wie sie sich das vorstellt. Die Schauspieler sollen nicht spielen. Aber wie macht man das? Mit zum Teil fragwürdigen Eingriffen trickst Nina ihre Darsteller dahin, wo sie sie haben will, bringt sie dazu, Paare in unterschiedlichen Stadien der Beziehung zu verkörpern, zu knutschen, sich anzugehen und miteinander zu schlafen. Alles vor der Kamera und ihrem, Ninas, voyeuristischen, gierigen, eifer- und sehnsüchtigen Blick. Aber ist das dann „the real thing“? Und ist es wirklich das, was Nina sehen will? Irgendetwas vermutet sie jedenfalls hinter diesem Sex, vielleicht das Wissen über die Konstruktionsmechanismen von Gefühlen im Allgemeinen, vielleicht Gewissheit darüber, wie sie selbst tickt.

Die Realitätsebenen (Handlungsebene, Probeaufnahmen) verschränken sich im Verlauf der Handlung immer mehr, gehen ineinander über, lassen sich nicht mehr differenzieren – filmisch hervorragend dadurch unterstützt, dass zu Beginn einer Szene meistens unklar ist, ob gerade gedreht wird, das Team fertiges Material sichtet oder die Schauspieler abseits des Drehs miteinander interagieren, ob sie sich „in echt“ taxieren, auf Abstand halten, berühren, oder im Spiel. So sehen wir beispielsweise, wie sich aus einer inszenierten Beziehungskonfliktsituation die von Nina herbeimanipulierte Sexszene entwickelt. Dass es sich auch hierbei um ein Spiel im Spiel handelt und Hans und Marie nicht gerade „dabei“ sind, sondern sich gemeinsam mit Nina die bereits abgedrehte Szene ansehen, wird erst spät offenbar. Wir beobachten, wie die Beobachterin beobachtet. Ein endloser Regress, als sähe man sich selbst in hundertfacher Ausfertigung in sich gegenüberliegenden Spiegeln. Die Film-im-Film-Situation bewirkt bei Bedways das, was Zirkularität und Selbstbezüglichkeiten in der Kunst fast immer bewirken: Sie lenkt den Blick von der Handlungsebene auf eine Metaebene. Der Film erzählt sich, und er erzählt über sich. Bedways macht damit die Grenzen medialer Vermittelbarkeit zum Thema: Kann etwas authentisch sein, das vor der Kamera passiert? Wo ist die Trennlinie zwischen Realität und Täuschung, und woraus besteht sie? Aus einem Objektiv? Aus einem Fernsehschirm, einer Kinoleinwand? Aus einer Schranke im Kopf? Kann die Kunst so etwas leisten wie einen Zugriff auf die Wirklichkeit?

Letztlich muss Nina erkennen, dass die Distanz zwischen Realität und Aufnahme, Person und Figur, Mensch und Mensch, Wahrheit und Inszenierung unaufhebbar bleibt. Dafür realisiert sie, dass sie die Distanz zu sich selbst sehr wohl überwinden kann. Als sie mit Hans in einen (übrigens in unserer Realität nicht wirklich existenten) Schwulenclub besucht und sich in einer Kamerakabine selbst befriedigt – von Hans genau wie von uns getrennt durch eine Mattscheibe – ist sie zumindest vor sich selbst, auf Handlungsebene, authentisch. Doch wir ahnen es, Ninas Satz „Jeder für sich und die Kamera“ hält die Distanz zu uns als Rezipienten aufrecht. Wir können nicht entscheiden, welchen Wahrheitsgehalt das Gezeigte hat. Ist das echter Sex? Ist Nina, bzw. Miriam Mayet, wirklich in Ekstase, wenn sie masturbiert? Gegen Ende hält uns der Film ein Foucault-Zitat vor Augen, das wiederum auf Diderots schlüpfrige Geschichte vom Fürsten Mangogul verweist. Mangogul, der mit seinem Zauberring die Frauen zu intimen Geständnissen bewegt; Geständnisse, die sie nicht mit dem Mund äußern, sondern mit ihrem „Kleinod“, der intimsten Körperstelle. Doch selbst wenn Mangogul spräche, das Geheimnis der weiblichen Lust verriete, wäre seine Rede wieder nur ein Medium und stünde zwischen uns und der Wahrheit der Lust. Und so liegt Nina in einer wunderschönen Schlussszene auf dem Bett liegt und blendet uns mit einem Spiegel, den sie in Höhe ihrer Körpermitte hält. Die Reflexion täuscht einen funkelnden Kristall vor, ein sprechende Kleinod, doch anstatt uns zu verraten, was wir wissen wollen, hält uns Nina doch nur den Spiegel vor: Guckt Euch selbst an, wenn Ihr „the real thing“ wollt.

Das hört sich vielleicht sperrig an, isses aber eigentlich gar nicht. Bedways ist nämlich trotz seiner Schachteligkeit ein butterweicher Film: Bruchlos inszeniert, langsam aber flüssig erzählt, explizit genug, um Fragen nach Authentizität aufzuwerfen, aber dabei nie unnötig plakativ, bildästhetisch geglückt, mit einem tollen Score versehen (unter anderem singt Blixa Bargeld) und fast durchweg gut gespielt. Okay, die kurzen Rahmenszenen mit Geldgeber Max (Arno Frisch) wirken ein wenig hölzern, aber – und zu diesem Ergebnis kommt auch Nina – who the fuck is Max und was soll er zum diesem Film beitragen, wenn er dessen überaus gelungenes Scheitern nicht begreift?

Deutschland 2010, Rgeie: RP Kahl


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Über den Autor

Bianca Sukrow, geb. in Aachen, ist Literaturwissenschaftlerin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Mitgründerin des Leerzeichen e.V. und Theaterkritikerin beim weltbekannten Kulturmagazin MOVIEbeta.

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Ein Kommentar zu "Bedways"

  1. Paula 27. Oktober 2011 um 15:43 · Antworten

    Super schöne und genaue, vor allem auch sehr intelligente Besprechung, eines wirklich außergewöhnliches Filmes. Toll! Ich lese auch gleich weiter auf Eurem spannenden Blog! Paula

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