Assassination Games: Mind over matter?

Von  //  19. Oktober 2011  //  Tagged: , , , ,  //  5 Kommentare

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Der Profikiller führt den Actionfilm, der ja immer auch Körperfilm ist, in Grenzbereiche: Einerseits ist der Körper des Killers mehr noch als bei dessen Genrekollegen Cop, Soldat, Gangster oder Söldner sein Kapital, andererseits ist er immer wieder gezwungen, sich unsichtbar zu machen, sich zu entmaterialisieren – zu entkörperlichen. Je besser er in seinem Beruf ist, umso mehr muss er sich verflüchtigen, Verbindungen kappen, Spuren, die seine Existenz belegen, verwischen. Die Besten der Branche haben es gar geschafft, Zweifel an der eigenen Existenz aufzubauen, zum Mysterium zu werden, zu einer Art geisterartigen Erscheinung, die überraschend zuschlägt – wie der Tod höchstselbst – und dann wieder verschwindet. Dieses Verschwinden ist jedoch nur die konkreteste Ausformung dessen, was sich mit dem Killer als Person vollzieht: Er steht kurz vor der Auflösung, weil er auch seinen Geist, oder das, was wir sentimental „Seele“ nennen, so konsequent unterdrückt hat, dass kaum noch etwas davon übrig ist. Um seine Arbeit ohne Reue ausüben zu können, muss er aufhören ein ganzer Mensch zu sein. Der Profikillerfilm kreist um ein altes bekanntes philosophisches Problem: das Leib-Seele Problem. Und ASSASSINATION GAMES ist einer dieser Filme.

Bukarest: Zwei korrupte Interpol-Agenten befürchten, dass ihre Kooperation mit dem Auftragsmörder Flint (Scott Adkins) auffliegt. Um das zu verhindern, wollen sie den mittlerweile ausgestiegenen Killer aus seinem Versteck locken und umbringen. Dazu setzen sie den inhaftierten Gangster Polo, der Flints Frau einst vor dessen Augen vergewaltigte und ins Koma prügelte, als Köder auf freien Fuß, und engagieren außerdem den Profikiller Brazil (Jean-Claude Van Damme), auf dass dieser wiederum den Konkurrenten erledigt. Als Flint und Brazil begreifen, dass sie bloß Figuren in einem großen Schachspiel sind, verbünden sie sich gegen die gemeinsamen Feinde …

ASSASSINATION GAMES (oder WEAPON, wie lange Zeit sein Arbeitstitel lautete) dürfte einer der heißer erwarteten Actionfilme des Jahres sein, weil er mit dem zuletzt zu großer Spätform aufgelaufenen Jean-Claude Van Damme einen der Actionstars der Achtzigerjahre und mit Scott Adkins, der sich mit u. a. den Isaac-Florentine-Filmen UNDISPUTED 2 und REDEMPTION: UNDISPUTED 3 als Actionstar der Zukunft empfohlen hat, vor der Kamera zusammenführt. Der im Genre noch nicht wirklich in Erscheinung getretene Regisseur Ernie Barbarash nähert sich mit seiner Inszenierung dem Niveau der gehobenen DTV-Action der jüngeren Vergangenheit an, ohne jedoch wirklich eigene Akzente setzen zu können: Das mittlerweile obligatorische rumänische Setting sorgt für die so typische Atmosphäre zwischen barockem Pomp und postsozialistischem Verfall, die farbentsättigte Fotografie verleiht allem einen statuesken Bronzeton, der Score lässt ethnopoppige Chöre ihr Leid klagen, doch Schnitt, Inszenierung und die Choreografie der Actionszenen sind sehr bodenständig gehalten und erinnern eher an das Kino der Siebzigerjahre als an neumodische Stroboskopschnitte. Wie auch die anderen großen B-Actioner der vergangenen Jahre liefert ASSASSINATION GAMES keinen grellbunten, von einem spektakulären Set-Piece zum nächsten hüpfenden Eskapismus – das überlässt man Hollywood –, sondern eine von unübersehbarer Resignation geprägte Introspektion. Die Welt ist unrettbar kaputt: Die „Guten“ haben sich mit dieser Situation längst arrangiert und wenn sie dann doch aufbegehren, dann tun sie das nicht mehr für ein großes Ganzes, für ein Ideal oder ein politisches System, sondern nur für den eigenen Seelenfrieden. Die Verhältnisse sind wie sie sind. Wenn einmal gelacht wird in diesem Film, dann ist es ein dreckiges, schurkiges Lachen; wenn geliebt wird, dann verursacht dies ebenso Schmerzen wie körperliche Gewalt; und wenn getötet wird, geht damit genauso wenig eine Befreiung einher wie mit dem Sterben. Der Kampf, der in ASSASSINATION GAMES ausgetragen wird, führt nicht mehr auf ein Ziel hin. Er wird gefochten, weil man nichts anderes kann.

Mit Flint und Brazil konfrontiert Barbarash an zwei Killer miteinander, die sich bei der Bewältigung ihrer Lebenskrise auf verschiedenen Entwicklungsstufen befinden: Flint hat seine Verbindungen zur Welt nach den Verbrechen an seiner Frau gekappt, kümmert sich ausschließlich und liebevoll um die katatonische Frau, in der Hoffnung, dass sie wieder aufwacht. Er ist ihr gar nicht so unähnlich: Auch er kämpft darum, ins Leben zurückzufinden, wieder Mensch zu werden, eins zu sein. Und diese Einheit, das Menschsein, manifestiert sich in der Liebe, die ihn wieder etwas spüren lässt. Aber sie ist auch eine Gefahr: Weil sie ihn erpress- und verwundbar macht. Man kann nämlich nur eins von beidem sein: ein Mensch oder ein Killer. Brazil hat den Schritt zurück ins Menschsein noch vor sich, doch es sieht zu Beginn des Films nicht so aus, als würde er ihn machen. Routiniert und gelangweilt geht er seinem Job nach, ein Mörder, den der Job völlig ausgehöhlt hat.

Barbarash übersetzt Brazils inneres Exil in wenn schon nicht besonders orginelle, so doch griffige Bilder: Er wohnt in einem ebenso luxuriös wie sparsam eingerichteten Geheimapartment innerhalb eines anderen Apartments, wo er sich zum „Abschalten“ dem Geigenspiel widmet, also ins Innere flüchtet, um sich der Realität nicht stellen zu müssen, den inneren Tumult mit der Harmonie zu besänftigen. Seine Versuche, Kontakt zu seinem Haustier, einer Schildkröte, aufzunehmen, scheitern kläglich: Sofort zieht sie ihren Kopf in den Panzer zurück, wenn er sie berührt. Es ist natürlich eine Frau, die auch ihn zurück auf den richtigen Weg und ins Leben führt. Der finale Sieg der beiden Protagonisten ist auch eine Wiedergeburt, nach der sie wieder versuchen können, in die Gesellschaft zurückzukehren. ASSASSINATION GAMES ist kein neues Meisterstück des Actionfilms, dafür bewegt er sich zu sehr auf bereits ausgetretenen Pfaden, er bleibt etwas hinter den hohen Erwartungen, vor allem hinsichtlich der doch recht sparsamen Actionszenen – aber er ist ein schöner Film, um noch einmal über die komplizierte Beziehung von Geist/Seele und Körper im Actionfilm nachzudenken.

Nach meiner Sichtweise des Genres beschreibt der Actionfilm eine Utopie der Tat: Seine Helden „überspringen“ die Kontemplation, das lästige Abwägen der Fürs und Widers, das einen meist zu der Gewissheit führt, dass nichts gewiss ist, und also handlungsunfähig macht, sie verwerfen Kontingenz und Relativismus und „springen“ direkt in die Tat: So als könne man die Dinge durch beherztes Eingreifen tatsächlich zum Guten wenden, anstatt nur wieder neue Probleme zu schaffen. Sie teilen die Welt in Schwarz und Weiß, handeln entsprechend und schaffen harte Fakten in der allgemeinen Unsicherheit. Aber so kurzfristig befreiend diese Strategie auch ist, sie kann nicht die Grundlage für das Zusammenleben bilden. Die gezielte Tötung und Zerstörung taugt nur begrenzt zur Problemlösung, sie kann kein Allheilmittel werden. Die meisten Actionhelden erkennen, dass sie als last resort immer nur die Symptome bekämpfen – man denke an Marion Cobrettis berühmten Spruch „You’re the disease and I’m the cure“ –, anstatt vorzubeugen, dass die klare Einteilung der Welt in Gut und Böse, die sie vornehmen, um handlungsfähig zu sein, nicht aufrechtzuerhalten ist, dass die eigenen Werte und Ideale, mit denen er indoktriniert wurde, nicht so einfach zu verteidigen oder in die Tat umzusetzen sind, wie er sich das vielleicht wünscht. Der Actionheld weiß, dass er selbst ein Teil des Problems ist. Zwar verrichtet er seine Arbeit mit seinem Körper, doch kann der Geist (die Seele) diesem nicht mehr uneingeschränkt folgen. Auch deshalb steht er immer kurz vor dem Ausstieg. Der Gemeinschaft gehört er sowieso nicht mehr an, er muss draußen bleiben, um das Volk nicht zu erschrecken, also ist es nur ein kleiner Schritt für ihn, auch die letzten Verbindungen noch zu kappen, sich in ein Kloster oder in ein anderes Exil zu begeben und sein Seelenheil zu retten, die Balance von Körper und Seele wiederherzustellen, anstatt aus seinem Herzen auch weiterhin eine Mördergrube zu machen. Das ist der Schritt, den der Actionfilm nach dem reaktionären Rückschritt in den Achtzigerjahren mit Beginn der Neunzigerjahre vollzog. Die „Utopie der Tat“ hatte sich als Dystopie erwiesen. Man konnte entsprechende Schlüsse ziehen – oder Profikiller werden.

Es gibt gute Gründe dafür, den mit Beginn der Neunzigerjahre eine Renaissance erfahrenden Profikiller als einen Actionhelden zu betrachten, der sich mit dem Status quo arrangiert hat, anstatt auszusteigen. Er stellt seinen Körper als Waffe jedem zur Verfügung, der bezahlt, und mit den Gründen, die hinter den Entscheidungen über Leben und Tod stehen, will er nichts zu tun haben. Ideale kennt er nicht, weil sie nur seinem Geschäft in die Quere kämen. Er versteht sich als Dienstleister und folgt als solcher streng den Gesetzen des Marktes: Wo eine Nachfrage besteht, liefert er das Angebot. Ein Zyniker, wie er im Buche steht: Jeder hat das Recht zu sterben. Aber er zahlt den Preis dafür: Findet der idealistische Actionheld in der Aktion zumindest vorübergehend Erfüllung, erreicht er dort die Einheit von Körper und Geist, so ist der Killer eine im wahrsten Sinne des Wortes gespaltene Persönlichkeit. Weil ihm persönliche Überzeugungen, Emotionen und Wertvorstellungen bei der Ausübung seines Berufs nur im Weg stünden, hat er erst seine innere Stimme zum Schweigen gebracht und in deren Gefolge schließlich seine ganze Persönlichkeit verbannt. So irrt er als leerer Wirtskörper umher, ein lebender Toter, ohne Erinnerung daran, wie es vorher war, oder einen Plan, wie es einmal werden soll. Das Leben des Killers ist reine Gegenwart, aber in die Unendlichkeit ausgedehnt, ohne Erlösung eines unbekannten Morgens, das ganz anders ist als das Heute.

In Melvilles LE SAMOURAI ist das Wesen des Killers in der Charakterisierung der Hauptfigur Jef Costello in äußerster Radikalität erfasst worden – und man erkennt Brazil in ASSASSINATION GAMES unschwer als einen von Jefs Gesinnungsgenossen: Das Apartement mutet trotz der geschmackvoll platzierten Wertgegenstände asketisch und freudlos an, unbewohnt geradezu, der Kontakt zu Privatpersonen wird um jeden Preis gemieden, das Gesicht gleicht einer fahlen Totenmaske, der Blick ist leer und findet nur in der Ausübung des Mordhandwerks einen Fokus, der einzige Vertraute ist ein Tier, das auch nur koexistiert (ein Vogel in LE SAMOURAI, die Schildkröte in ASSASSINATION GAMES), alle Farben sind ausgeblichen. Aber Barbarsh ist kein unsentimentaler Stilist wie Melville, weshalb es Hoffnung für Brazil in Form einer Liebesaffäre gibt. Leider eine zu triviale Auflösung eines tiefen Konflikts, der die Menschen seit Zusammenbruch des Sowjetreichs in Ketten schlägt: Wie lebt man in einer Welt, deren einziger Wert das Geld ist? In ASSASSINATION GAMES wird die Einheit von Körper und Seele wieder einmal durch die Liebe erreicht. Doch nicht nur, weil die Feinde sich vom neuen Liebesglück ihres Kontrahenten nur wenig beeindruckt zeigen, vielmehr sofort eine neue Schwachstelle darin ausmachen, an der sie ihn treffen können, darf man bezweifeln, dass die Liebe das Allheilmittel für einen entzweiten Menschen ist. Denn wer ist eigentlich dieser Mensch, der da wieder Einzug in den Körper des Killers gehalten hat?

USA 2011, Regie: Ernie Barbarash

ASSASSINATION GAMES erscheint am 27.10.2011 über Sony auf DVD.


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Lebt in Düsseldorf, schaut Filme und schreibt drüber.

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5 Kommentare zu "Assassination Games: Mind over matter?"

  1. Frau Suk 21. Oktober 2011 um 17:16 · Antworten

    Vielleicht komme ich ja irgendwann doch auf den Geschmack. Ich les mal fleißig weiter. ;-)

  2. Oliver 21. Oktober 2011 um 11:47 · Antworten

    Hmmm … Das sollte eigentlich nicht Zweck der Übung sein. Trotzdem danke. :)

  3. Frau Suk 21. Oktober 2011 um 11:38 · Antworten

    Hm, irgendwie macht es mir mehr Spaß, Deine Artikel zu lesen, als Actionfilme zu gucken…

    Besten Gruß
    Frau Suk

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