DVD: My Soul to take

Von  //  20. September 2011  //  Tagged:  //  Keine Kommentare

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Wes Craven ist zurück, fünf lange Jahre musste man seine unverkennbare Handschrift im Genrekino vermissen. Nach Red Eye war es still geworden um den Altmeister, der im Moment allerdings mehr mit der Ankündigung einer dritten Fortsetzung zu Scream von sich reden macht, als mit seinem eigentlich neuen Film. My Soul to Take, nach eigenem Bekunden ein Wunschprojekt, eines, von dessen Realisierung Craven schon seit Jahren träumt. Auch wenn die ignorante amerikanische Presse den Film in Grund und Boden stampft und die deutschen Kritiker diesen Feldzug wohl fortführen werden: Eine fulminante Rückmeldung ist es geworden, deren selbstreflexive Momente nicht so aufdringlich platziert sind wie etwa in Scream und die hier generell keine tragende Funktion erfüllen. Zunächst zum Inhalt, der sich fast komplett aus hinlänglich bekannten Klischees speist, die Craven wie immer geschickt und kreativ neu anzuordnen versteht. In der Kleinstadt Riverton wird ein gefürchteter Serienkiller mit gespaltener Persönlichkeit gestellt – doch seine Leiche wird nie gefunden. Zeit für eine unheilvolle Ankündigung, alle Neugeborenen dieses Tages auszulöschen, bleibt ihm vorher noch. 16 Jahre später campieren lauter hippe, aalglatte Teenie-Katalogschönheiten am örtlichen See und begießen den Geburtstag gleich einer ganzen Handvoll unwissentlich Todgeweihter. Der „Ripper“ ist den Kids natürlich ein Begriff, ein Mythos, der fleißig parodiert wird und doch im Hinterkopf als Angstmacher-Geschichte immer präsent bleibt. Wunderbar, wie sich die verschnörkelte Handlung, die möglichst wenig gespoilert werden sollte um ihre deliranten Wendungen nicht vorweg zu nehmen, einen Geisterbahn-Effekt nach dem anderen genehmigt.

Tatsächlich könnte man anhand dieser stereotypen Handlungsfolge schnell vermuten, Craven würde unmotivierte Stangenware abliefern. Doch jemand, der den Horrorfilm mindestens zweimal revolutioniert hat, nutzt eine solche Reißbrettstory natürlich ganz anders als ein unbedarfter Anfänger oder ein desinteressierter Auftragsregisseur. Cravens Regie ist agil, gleitet mühelos dahin wie ein Fisch im Wasser. Das die papierdünnen, schablonenhaften Figuren da eigentlich kaum eine Rolle spielen ist nur konsequent. My Soul to Take konzentriert sich ganz auf die narrativen Strukturen, die Serienkillerfilme auszeichnen und spannt ein weites Netz aus unaufdringlichen Verweisen, originären Schockmomenten und sattsam bekannten, nur eben immer wieder fasznierenden Tableaus. Leider, so möchte man sagen, beugt sich der Film auch dem fragwürdigen und zu Recht allseits unbeliebten Trend einer nachträglichen 3D-Konvertierung, die 2010 bereits zu Enttäuschungen von Alice im Wunderland bis hin zu Kampf der Titanen geführt hat. Auf besondere Weise wiederum unterstreicht die Mangelhaftigkeit dieser Technik, die auch hier wieder einmal alles andere als überzeugt und auch kaum einen Bezug zum eigentlichen Geschehen aufweist, allerdings den plakativen Gimmick-Charakter, der immer wieder auf sympathische Weise zum tragen kommt. Immer dann, wenn sich der Film eine Auszeit nimmt von bemühter Originalität und einer konventionellen Dramaturgie. Im Finale wird den twistwütigen Zirkusnummern der Konkurenz ordentlich was gehustet, denn die Auflösung ist ungewöhnlich geerdet ausgefallen. Bei allem Lob soll My Soul to Take sicherlich nicht als Meisterwerk gefeiert werden, Cravens bester Film seit mindestens zehn Jahren ist er aber mit großer Sicherheit. So verschlungen, lustvoll verspielt, und geistreich hat sich der Meister zwar schon lange nicht mehr gezeigt, aber wie beim Genre-Kollegen George A. Romero hinterlassen auch Cravens Filme beinahe immer das Gefühl, noch etwas Luft nach oben zu haben. Es fehlt, so scheint mir, ein wenig an Substanz, darüber hinaus und auch daraus resultierend an einer emotionalen Anbindung an die Ereignisse auf der Leinwand. Horror-Fans dürfen sich diesen fintenreichen Knaller trotzdem nicht entgehen lassen.

USA 2011 / Regie: Wes Craven

Text ist zuerst erschienen in der Deadline #26

Die DVD ist bereits im Handel und wird vertrieben von Universum

Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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