Superman

Von  //  3. Februar 2011  //  Tagged: , ,  //  Keine Kommentare

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In den 30er und 40er Jahren, noch bevor die Animationsabteilungen von Warner und MGM zu voller Blüte reiften, waren die Fleischer-Studios gleich hinter dem Disney-Konzern die zweiterfolgreichste Produktionsstätte für Zeichentrickfilme. Nach erfolgreichen Cartoons um Betty Boop, Popeye und andere Figuren sicherten sich die Brüder Max und Dave Fleischer die Rechte an Superman. Nur drei Jahre nach dessen ersten Erscheinen in einem Comic-Heft war der Superheld bereits fester Bestandteil amerikanischer Kultur und feierte 1941 sein Leinwanddebüt in „Superman“, dem ersten von insgesamt siebzehn Cartoons.

Die zehnminütigen Filme wurden mit großem Aufwand und liebevoller Sorgfalt in Szene gesetzt und nahmen in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmestellung im Animationsgenre ein. Zum einen waren es mit je hunderttausend Dollar Budget die bislang teuersten Kurzproduktionen überhaupt, außerdem die mitunter ersten Genrefilme mit durchweg ernstem Grundton. Viele Beispiele aus dem „Golden Age of American Cartoons“ haben klar ersichtlich auch ein erwachsenes Zielpublikum im Auge, erstmals baute mit „Superman“ ein Cartoon nicht primär auf Slapstick. Als Mischung aus Fantasy, Action und Abenteuer konzipiert, reiht sich der Film deutlich ein in die derzeit extrem beliebte Pulp-Unterhaltung, zu der auch die frühen Superman-Comics eindeutig gezählt werden müssen.

Kurz und knapp fasst ein Erzähler aus dem Off die Geschichte um Superman zusammen, freilich nur angerissen und fragmentarisch aber mit den wichtigsten Informationen versehen: Die Zerstörung des Planeten Krypton, seinen Weg zur Erde, die Kindheit bei einer Farmersfamilie und letztlich seine Doppelidentität als unscheinbarer Reporter Clark Kent und andererseits als strahlender Held. Als Erzähler fungiert das New Yorker Urgestein Jackson Beck, eine Radio-Größe und ein formidabler Voice-Actor, der nicht nur als Sprecher in diversen Zeichentrickfilmen Bekanntheit erlangte sondern auch unter anderem später als Erzähler der erfolgreichen Superman-Radio-Serials einen prägnanten Job leistete. Auch die Stimme von Perry White, Clark Kents Boss beim Daily Planet, wurde von ihm übernommen – seine sensationalistische Erzählstimme wurde Kult und nicht umsonst absolvierte er (als letzte Rolle übrigens) ein stimmliches Cameo in Woody Allens zauberhafter Radio-Hommage „Radio Days“.

Ebenfalls aus den Radio-Serials wurden die beiden Hauptsprecher übernommen: Bud Collyer, der als Superman eine sehr bestimmte und maskuline Stimmlage an den Tag legte und diese wunderbar abgrenzen konnte vom unsicheren Ton Clark Kents, und weiterhin Joan Alexander, die als Lois Lane auch auf ihre ausreichende Radio-Erfahrung zurückgreifen konnte. Beide machen einen guten Job und gewährleisten ein professionelles Voice-Acting, für einen glaubwürdigen Zeichentrickfilm immerhin schon fast die halbe Miete. Sammy Timberg, langjähriger Komponist für die Fleischer-Studios, steuert einen ausdrucksstarken Score bei, dessen stolzer Heroismus eindeutig eine Inspirationsquelle war für John Williams, der Jahrzehnte später so vortrefflich die Musik der Superman-Realverfilmung komponierte.

Neben den Synchronsprechern bestehen viele weitere Verbindungen zu den Radio-Serials, die von 1940 bis 1951 ein gigantisches Publikum erreichten und entscheidend zur Mythologie des Superman-Universums beitrugen. Neben vielen kleineren Hintergrundinformationen stammt zum Beispiel die Substanz Krypton, die einzige wirkungsvolle Waffe gegen den Mann aus Stahl, aus diesen Hörspielen, sowie die Fähigkeit der Hauptfigur zu fliegen. In den Comics zunächst nicht enthalten wurde diese Idee schnell zum Kult und wurde in „Superman“ erstmals visualisiert. Der Erfolg sprach für sich und schon bald darauf übernahmen die DC Comics dieses Detail. Auch einer der berühmtesten Aussprüche in Zusammenhang mit Superman stammt aus dem Radio, was die Wechselwirkung der verschiedenen Medien zusätzlich untermauert:

„Up on the sky – look!“ – „It´s a bird.“- „It´s a plane.“- „It´s Superman!“

Obgleich es sich um den ersten Film der Reihe handelt (übrigens der erste kurze Animationsfilm, für den jemals ein eigener Trailer erstellt wurde) fühlt er sich niemals an wie ein einleitender Pilot, dafür ist die Handlung zu sehr auf den Punkt gebracht und der Zuschauer wird direkt ins Geschehen geworfen. Leider ist der Mad Scientist hier kein wirklich würdiger Gegner für Superman und als Charakter eher austauschbar, dennoch handelt es sich hier um einen typischen Konflikt für den Stälernen, inklusive der Rettung von Lois Lane und einigen Widrigkeiten, die trotz Supermans Überlegenheit eine effektvolle Spannungskurve aufbauen.

Die flüssigen Bewegungsabläufe sorgen für einen sehr plastischen Look, der die Action sehr realistisch wirken lässt, die Gestaltung der Hintergründe und die feinen Details in den Zeichnungen runden diese Glanzleistung formvollendet ab, wenngleich die folgenden Cartoons noch weiter verfeinert und mit noch reicheren Animationen versehen wurden. Meisterlich auch die Farbdramaturgie, die exzellentem Umgang mit Licht und Schatten beweist und auf die Kleinsten leicht beklemmend wirken kann; hier sei als Beispiel nur die sehr düster dargestellte Festung des namenlosen Wissenschaftlers genannt. Die eigentliche Rahmenhandlung mag sehr reduziert und profan sein, das Hauptaugenmerk legt der Film aber ganz klar nicht auf narrative Originalität sondern auf spektakuläre Schauwerte, die so noch nicht zu sehen waren und im Realfilm in den folgenden Jahrzehnten nicht annähernd umsetzbar waren. Für die zwischenmenschliche Seite interessiert sich der schmale Plot nicht, was nicht zuletzt an der knapp bemessenen Laufzeit liegt. Da das gesamte Superheldengenre und damit auch die Figur des Superman aber noch in den Kinderschuhen steckte, sollte dieser Aspekt nicht allzu sehr ins Gewicht fallen – so unverbraucht und frisch wie das Sujet hier noch war, konnten emotionale Konflikte und innovative Überlegungen noch einige Jahre warten.

Ein kleiner Meilenstein in der Geschichte des Animationsfilms und auch heute noch ein beeindruckendes Stück Zelluloid. Satte Technicolor-Farben,einflussreiche Animationstechnik auf der Höhe der Zeit und perfektes Voice-Acting garantieren ein einprägsames Filmerlebnis, dessen Machart bis heute die Ästhetik des Superheldenfilms inspiriert.

USA 1941 / Regie: Dave Fleischer

Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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